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Digitaler Waldtag

Motorsäge und App

„Wir wollen, dass jeder Baum eine Adresse bekommt.“ Das sagte Diplom-Forstwirt Friedrich Hollmeier von der Firma LogBuch Mitte Mai 2019 beim ersten Digitalen Waldtag am Forstlichen Bildungszentrum Königsbronn. So einprägsam das klingt – als Fazit aus dieser Veranstaltung der Firmen Stihl und LogBuch wäre es eigentlich zu kurz gegriffen.

Fasst man die Aspekte der forstlichen Digitalisierung zusammen, die dort an drei Stationen vorgestellt wurden, festigt sich der Eindruck, dass zumindest wertvolle Bäume ihren Weg ins „Internet der Dinge“ finden könnten: Über verschiedene Anwendungen und Hersteller hinweg werden Bäume erfasst und durch mehrere Arbeitsschritte hindurch vielleicht eines Tages bis ins Sägewerk begleitet. Einiges davon ist zwar noch Zukunftsmusik und die Firma Stihl verpflichtete alle Teilnehmer wegen vorgestellter Prototypen auch zur Verschwiegenheit. Aber allzu fern scheinen die nächsten Schritte nicht mehr zu sein. Rund 80 Interessierte aus dem gesamten deutschsprachigen Raum – Vertreter von Forstverwaltungen und Kommunen ebenso wie Unternehmer und Wissenschaftler – waren an diesem Tag auf die Schwäbische Alb gereist, um sich die neuen Ideen vorführen zu lassen. Im Gegenzug brachten die Teilnehmer des Waldtags viele Anregungen aus ihrer täglichen Praxis ein, von denen manche möglicherweise in die weitere Entwicklung einfließen werden.

Anschieben

Ziel der Digitalisierung im Wald sei, Arbeitsprozesse zu vereinfachen, sagte Selina Stihl, Enkelin von Firmengründer Andreas Stihl und Mitglied im Stihl-Beirat. Zwar habe Stihl die Digitalisierung der Produkte bereits angestoßen, etwa im Flottenmanagement unter dem Produktnamen „Stihl connected“. Aber in der Forstbranche gibt es in diesem Bereich generell noch viel Luft nach oben. Dafür habe ihr Unternehmen, so Selina Stihl, stark in Mitarbeiter im Digitalbereich investiert. Ein 13-köpfiges Team kümmert sich aktuell um die Entwicklung digitaler Technologien und Services.

Beim LogBuch-System kann man wie gewohnt auszeichnen. Über den Griff an der Spraydose wird das System aktiviert. Fotos: Werkbild

An den drei Stationen im Wald gab es für die Teilnehmer digitale Anwendungen zu sehen, die zum Teil aufeinander aufbauen. Die erste Station bestritt der bereits erwähnte Friedrich Hollmeier. Die LogBuch GmbH & Co. KG wurde als Start-Up von Stihl unterstützt und hat ein System auf dem Markt gebracht, das im ersten Anwendungsschritt eine Art smartes Notizbuch für den Förster ist (Forst & Technik 11/2017). Seit der ersten Präsentation im Herbst 2017 habe sich LogBuch allerdings noch deutlich weiterentwickelt, betont man bei Stihl. Damals gab es einige wenige Testbetriebe in Süddeutschland, mittlerweile nutzen es in Deutschland, Österreich und in der Schweiz rund 260 aktive Anwender. 90 % davon, heißt es bei der Stihl-Pressestelle, stammen aus dem forstlichen Bereich, die übrigen sind zum Beispiel in Kommunen im Bereich der Baumpflege tätig. In den frühen Versionen konnte der Nutzer Daten erheben, verwalten, daraus Arbeitsaufträge generieren und per Mail versenden. Mittlerweile wurde LogBuch zu einer „vernetzenden Software“ weiterentwickelt: Die Daten können heute über ein Freigabe-Management auf der eigenen Web-Plattform anderen Nutzern zur Verfügung gestellt werden. Dadurch sei es möglich, dass eine Vielzahl von Mitarbeitern gleichzeitig im selben Ordner kartieren können. Eine denkbare praktische Anwendung dafür drängt sich auch in diesem Sommer wieder auf: Entstehende Käfernester können nun von jedem LogBuch-Nutzer sofort in den entsprechenden Revierkarten erfasst werden.

LogBuch ist heute eine Kombination aus einer App und einer Desktop-Anwendung, die durch einen Hochleistungs-GNSS-Verstärker und einen Bluetooth-Schalter ergänzt wird. Vor Ort im Wald kann der Förster beispielsweise Z-Bäume festlegen und per Spracheingabe auch gleich Höhe und Brusthöhendurchmesser aufnehmen. Mit einem Knopfdruck startet nicht nur die Spracheingabe, sondern es wird auch ein GPS-Marker gesetzt und zur jeweiligen „Adresse“ des Baumes hinzugefügt. Über dasselbe Prozedere können auch marode Jagdkanzeln, wilde Müllablagerungen oder zu pflegende Flächen markiert und mit Aufträgen versehen werden. Für die Nutzung ist keine Internetverbindung nötig, hingegen kann der GPS-Verstärker sinnvoll sein, weil Baumkronen und Stämme die ankommenden Satellitensignale verfälschen können. Dennoch sei eine Genauigkeit von einem bis zweieinhalb Metern möglich, erklärten die LogBuch-Vertreter beim Waldtag. So entsteht bei konsequenter Nutzung eine Art Arbeitsplan des Waldes, in dem anstehende Aufgaben punktgenau verzeichnet sind.

Das gesprochene Wort

Trifft der LogBuch-Nutzer im heimischen Büro wieder auf eine WLAN-Verbindung, synchronisieren sich die in der App gespeicherten Daten mit bereits in einer Cloud hinterlegten Daten. Diese lassen sich am Rechner bearbeiten, sortieren und bei Bedarf gleich in Arbeitsaufträge umwandeln. Diese können zum einen als Karte ausgegeben und „analog“ weitergereicht werden. Idealerweise nutzen aber auch die zum Revier gehörigen Forstwirte LogBuch, nehmen somit die Aufträge direkt am Smartphone entgegen und lassen sich etwa zu einem Käferbaum leiten. Dass dies eine Erleichterung gegenüber den häufig noch üblichen mündlichen Übergaben („da hinten in der Abteilung bei der alten Kanzel ungefähr …“) ist, leuchtet ein.

Hollmeier und sein Team, das LogBuch mittlerweile zu 100 % im eigenen Haus vorantreibt, haben eine Reihe von Schlagworten programmiert, um die Übersichtlichkeit zu gewährleisten. Käferbäume sind zum Beispiel unter „Kalamität“ verortet, es gibt aber auch Begriffe wie „Z-Baum“ oder „Jagd“. Selbstverständlich ist das System mit den forstwirtschaftlich relevanten Baumarten vertraut. Außerdem, so Hollmeier, komme LogBuch auch mit Akzenten und Dialekten zurecht. Genutzt wird eine bewährte, aber von LogBuch modifizierte Spracherkennung, die derzeit offline Daten speichert und später für die Weiterverarbeitung im Büro online verarbeitet. Bei manchen forstlichen Fachbegriffen tut sich die Erkennung noch schwer, daran wird aber kontinuierlich gearbeitet. Nebengeräusche seien dagegen kein Problem, nur bei starkem Wind empfiehlt sich die Verwendung eines Headsets.

Wenn der Forstwirt oder der Harvester zu seinem Auftrag gelotst wurde, könnte der Job von LogBuch bereits erledigt sein. Doch damit wäre das Potenzial der smarten Forstarbeit nicht ausgeschöpft. Unter dem Überbegriff „Forst 4.0“ arbeitet Stihl daher an einem System, das die Vorarbeit via LogBuch quasi aufnimmt und weiterführt.

„Förster machen sich viele Gedanken bei ihren Waldbegängen“, stellte Julian Danner fest, bei Stihl Produktmanager für digitale Themen rund um die professionelle Forstwirtschaft. Sie sehen unterwegs, was an welcher Stelle getan werden kann oder muss, egal ob sofort oder in ein paar Jahren. Übrig blieben bislang Listen oder Skizzen. Der Ansatz von Stihl ist dagegen, die Gedankenarbeit der Förster ins Zeitalter der Digitalisierung zu übertragen. Danner: „LogBuch liefert eine digitale Waldkarte, für uns wird es spannend, wenn der Waldarbeiter darauf zugreifen kann.“

Ohne Zettel

Die in Königsbronn vorgestellte Lösung fußt auf dem gleichen gedanklichen Ansatz: Anstatt der immer noch weitverbreiteten „Zettelwirtschaft“ bei der Holzaufnahme soll auch der der Forstwirt durch eine Sprachaufzeichnung eine digitale Holzliste erstellen können. Dazu gibt er nach der Aufarbeitung eines Baumes die entsprechenden Daten Baumart, Länge, Mittendurchmesser und Qualität ein. Auch hier wird ein Positions-Marker gesetzt.

Die digitale Aufnahme bietet allen Beteiligen Vorteile: Der Forstwirt oder Unternehmer bekommt einen tagesaktuellen Überblick, der Förster muss die Daten nicht doppelt erheben und der Rücker bekommt auch präzise Infos, welches Volumen in welcher Gasse bereitliegt.

Noch befinden sich die Überlegungen in einem sehr frühen Stadium. Zum Beispiel muss noch geklärt werden, ob man die Aufnahme wie beim LogBuch durch einen echten Knopf starten soll. Außerdem sollen wichtige Aspekte in der Anwendung verfeinert werden. Zum Beispiel, dass der Nutzer kontrollieren kann, ob seine Eingaben auch richtig verstanden wurden. Wann das System auf den Markt kommen wird, ist derzeit noch nicht absehbar.

Digitaler Auftrag

Die Datenweitergabe im Rahmen der mechanisierten Holzernte war auch Thema des Digitalen Waldtags. Stephan Ying von Wahlers Forsttechnik, dem deutschen Importeur von Ponsse-Maschinen, erläuterte vor der Kulisse eines Scorpion-Harvesters die Übernahme von LogBuch-Daten ins OptiMap-System von Ponsse. Dabei kann der Förster Arbeitsaufträge als Shape-Files, zum Beispiel für vom Harvester zu fällende Käferbäume, an den Harvester senden. Auf dessen Bordcomputer werden dann sowohl die markierten Bäume als auch der eigene Standort angezeigt. „Der Fahrer kann die Bäume punktgenau ansteuern“, so Ying. Nach dem Abarbeiten können zum Beispiel die GPS-Daten der Stämme oder die Fahrlinien an einen Forwarder weitergegeben werden, der danach ebenso präzise navigieren und die Stämme einsammeln kann. OptiMap lässt sich laut Ying auch auf Fahrzeugen anderer Hersteller installieren.

Der Forwarder erhält dabei nicht nur Geodaten, sondern auch die zu rückenden Mengen, was die Einsätze noch besser planbar macht. Außerdem gehen etwa bei einem Fahrerwechsel keine Informationen verloren. In OptiMap sei stets sichtbar, welche Aufträge bereits abgearbeitet sind. Über die bessere Auffindbarkeit seien deutliche Effizienzsteigerungen möglich, so Ying. Betont wurde bei dieser Präsentation jedoch auch, dass die Daten über Arbeitsleistung und -fortschritt „auf der Maschine bleiben“, sprich: in der Hand des Unternehmers. Der kann dann entscheiden, ob und welche Informationen er an seinen Auftraggeber weiterreicht.

Ein wichtiges Signal sendet der erste Digitale Waldtag alleine dadurch, dass hier ganz verschiedene Firmen gemeinsam an der Vernetzung ihrer Forst-Anwendungen arbeiten. Denn je unkomplizierter und herstellerunabhängiger die Lösungen funktionieren, umso attraktiver dürften sie auch werden.

Jens Eber

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