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Zukunftswald

Modernes Luzern

Auf dem kleinen Messegelände am Fuße des Berges Pilatus in Luzern brechen moderne Zeiten an.
Nicht nur, weil es neben der Präzision immer mehr Digitaltechnik und alternative Antriebe gibt, sondern auch
die Präsentationsformen für die Besucher erreichen ein neues Niveau.

Absolut am Puls der Zeit präsentierte sich die Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) mit ihrer Installation zum Thema „Zukunftswald gestalten – Baumarten für den Klimawandel“. Das dazugehörige Forschungsprojekt lief schon seit 2009, aber just in diesen Tagen kommt das Ergebnis in Form einer App, mit der jeder Waldbesitzer in der Schweiz ortsgenaue Vorschläge bekommt, mit welchen Baumarten er in Zukunft arbeiten sollte www.tree-app.ch.

Interaktiv: Anhand des Bergmodells kann man sehen, wie die Vegetationszonen im Laufe der Jahre nach oben wandern. Die „Erwärmungsstreifen an der Wand zeigen den Temperaturverlauf in der Schweiz seit 1900 Foto: H. Höllerl

Auf dem Messestand gab es einen zweigeteilten Berg (Süd- und Nordhang) zu sehen, bei dem mit Hilfe eines Projektors die verschiedenen Stufen der Waldgesellschaften farbig dargestellt wurden. In einer Zeitrafferaufnahme wandern diese seit 1995 und bis 2085 immer weiter nach oben. Die künstlerisch wirkende Wandgestaltung bildeten zwei verschiedene Verläufe der sogenannten Erwärmungsstreifen, bei denen für jedes Jahr ein Farbstreifen markiert, ob es zu kalt (blau) oder zu warm (rot) ist. Die Wissenschaftler haben herausgefunden, dass sich die Schweiz bereits jetzt gegenüber der vorindustriellen Zeit um rund 2 °C erwärmt hat. Für ihr Land rechnen die Eidgenossen damit, dass sie im günstigsten Fall bei 3,5 °C Erwärmung landen werden. Das hört sich schlimm an, versucht unsere Regierung doch, für Deutschland irgendwie noch unter 2 °C zu bleiben. Andererseits kommt das Alpenland auch von niedrigeren Werten und hat Möglichkeiten, mit der Vegetation in die Höhe auszuweichen. Dennoch: zum heutigen Zeitpunkt ist davon auszugehen, dass der Klimawandel so stark ist und so rasch abläuft, dass sich der Wald ohne menschliche Hilfe nicht genügend rasch anpassen kann, um seine Leistungen weiter zu erbringen. Entsprechend wichtig ist es, dass die Verantwortlichen die Anpassung gezielt unterstützen und rechtzeitig eingreifen, um die Baumartenzusammensetzung sukzessive zu verändern.

Gleich nebenan hatte die schweizerische Unfallversicherungsanstalt Suva einen hochmodernen Stand aufgebaut, der mit kühlen Farben und glatten Formen erst einmal so gar nicht zur Forstwirtschaft passen mag. Aber die Messebesucher blieben auch hier vielfach an dem Design hängen und nutzten die digitalen Angebote mit denen zum Beispiel die uralten zehn lebenswichtigen Regeln der Waldarbeit ganz neu umgesetzt worden sind.

Digitalisierung

Das System Woodtech Symbiot arbeitet mit Präzisions-GNSS, um den Sicherheitsbereich bei einer Seilbahn zu überwachen. Den Kasten links tragen die Anschläger am Körper, der rechte Sender begleitet den Lasthaken Foto: H. Höllerl

Digitaltechnik zur Verbesserung der Sicherheit hat neuerdings auch das Unternehmen Dralle im Portfolio. Bisher bekannt für die Fotovermessung von Holzpoltern im Wald mit Stereokameras auf Autodächern, haben die Dänen jetzt den Europa-Vertrieb des Symbiot-Systems von Woodtech in Chile übernommen. Dabei werden um eine Seilkrananlage herum mit Hilfe von Präzisions-GNSS genaue Gefahrenzonen abgesteckt. Die Anschläger unten im Bestand tragen jeweils kleine Sender in ihrer Kleidung und auch der Lasthaken wird von einem Sender begleitet. So lässt sich verhindern, dass jemand den gefährlichen Bereich betritt. Nach einer kurzen Vorwarnung wird die Seilanlage notfalls automatisch gestoppt.

Dralle, die zum ersten Mal in Luzern ausstellten, zeigten aber auch eine neue Lösung aus ihrem ursprünglichen Kompetenzbereich Holzvermessung: Für Situationen, wo die Vermessung per S-Scale-Kamera zu aufwändig ist, gibt es jetzt auch die abgespeckte manuelle Variante M-Scale. Hier dient das Polterfoto, das mit einer Smartphone-Kamera aufgenommen wird, nur zur Stückzählung und gegebenenfalls zur Dokumentation der Qualität. Die eigentliche Volumenmessung muss separat händisch erfasst werden. Danach können die erhobenen Holzdaten aber über das gleiche Webportal professionell verwaltet und weitergegeben werden, wie das auch bei den Messfahrzeugen genutzt wird.

Mit dem speziellen Tragegestell von Fuegos wird die Auszeichnung oder Holzaufnahme mit der Logbuch-App vollständig „hands-free“ Foto: H. Höllerl

Auch für Logbuch war 2019 Premiere in der Schweiz. Das Startup-Unternehmen aus Waiblingen zeigte eine sehr praktische Ergänzung zu ihren „forstlichen Diktiergerät“. Mit einem maßgeschneiderten Tragesystem für Smartphone und den GNSS-Empfänger auf dem Rücken lässt sich die Datenerhebung bei der Auszeichnung wirklich freihändig erledigen.

Elektrifizierung

Bei den Seilkrananlagen hat mittlerweile eigentlich so ziemlich jeder namhafte Hersteller einen elektrifizierten Laufwagen im Angebot. Mayr-Melnhof hatte sich da bisher zurückgehalten, weil bei ihrer Spezialität – den langen Dreiseil-Anlagen – eine elektrische Ausspulung im Prinzip keinen Vorteil bringt. Außerdem sind die Sherpa-Laufwagen von MM nach der Prämisse konstruiert, dass diese Geräte irgendwann immer mal abstürzen und deswegen möglichst leicht und widerstandsfähig aufgebaut sein sollten. Trotzdem gibt es jetzt einen patentierten Sherpa U-E als Dreitonner, bei dem ein 10-kW-Motor von einem Li-Ionen-Akku angetrieben das Seil mit einer Kraft von 2 kN, mit Untersetzung sogar 6 kN, ausspulen kann. Rekuperation beim Einzug verlängert die Zeit, bis man wieder laden muss. Der Mechanismus erspart entweder den Einsatz des Hilfsseiles, oder aber er ermöglicht das „endlose“ Ausspulen beim Überspannen eines Tals, während man sonst auf die Kapazität der Hilfsseilspule begrenzt wäre.

Der Elektro-Sherpa von Mayr-Melnhof nutzt einen Li-Ion-Akku für den seitlichen Beizug im Zweiseilbetrieb Foto: H. Höllerl

Werkstuning

Weltpremiere: Die neue Stihl MS 400 in Luzern Foto: H. Höllerl

Eine Motorsägen-Weltpremiere war in Luzern auch wieder einmal zu verzeichnen – allerdings nicht so groß aufgezogen wie seinerzeit bei der großen Husqvarna 572. Stihl hatte diesmal die nagelneue MS 400 dabei, die künftig zwischen MS 362 und 462 rangieren wird. Trotz der Nuller-Nomenklatur handelt es sich bei der neuen Säge nicht um einen Einspritzer wie bei der MS 500i. Auch wenn sich das vielleicht viele Kunden wünschen – diese Technik herunter zu skalieren ist wohl gar nicht so einfach. Dennoch steckt unter der orangen Haube wieder eine Innovation – der erste Magnesium-Kolben in einer serienmäßigen Motorsäge. Sowas gibt es sonst nur im Rennsport und bei Tuningfahrzeugen. Als eine Art Werkstuning darf man die Maßnahme auch verstehen: Die MS 400 besitzt dasselbe Chassis wie die MS 362. Lediglich Kolben und Zylinder wurden vergrößert. Die Leistung wächst dadurch von 3,5 auf 4,0 kW, das Gewicht nimmt jedoch nicht einmal um 200 g zu. Das Leistungsgewicht 1,45 kg/kW kommt schon fast an die MS 462 heran. Die liegt bei 1,4 kg/kW. Trotzdem bietet diese für noch einmal 200 g mehr auch nochmal 0,4 kW Leistung obendrauf. Der Hersteller scheint davon auszugehen, dass im deutschen Markt weiterhin eher das größere und teurere Modell gefragt sein wird, denn hierzulande soll die Markteinführung der MS 400 wohl erst im nächsten Herbst stattfinden.

Schweizer Spezialitäten

Die Kettenschärfmaschine von Vallorbe verwendet handelsübliche Rundfeilen Foto: H. Höllerl

Natürlich dürfen im Land der Uhrmacher auch die spezifisch schweizerischen Techniklösungen nicht fehlen. Ein besonders schönes Beispiel stellt das Kettenschärfgerät von Vallorbe dar. Der kleine blaue Apparat ist ein Wunderwerk an Präzision. Durch den Einsatz herkömmlicher Rundfeilen werden die Zähne sehr schonend bearbeitet. Ein Feilhub-Zähler gibt an, wann man die Feile jeweils 1/4-Drehung verdrehen sollte, um sie konsequent auszunutzen. Eine Zahnerkennung gibt es nicht. Bei ungleichmäßiger Anzahl von Sägezähnen hilft jedoch die Vorprogrammierung der Anzahl. Im Vergleich zu vielen anderen Schärfmaschinen baut die Vallorbe sehr kompakt und liefert sicher hervorragende Ergebnisse. Leider wird der Verkaufspreis auch wieder einmal schweiz-typisch sehr hoch: Im Heimatland kostet das Gerät knapp 5000 CHF, für Deutschland gibt es noch keinen Vertrieb.

Schweizer Spezialität: Der Schiltrac mit Sattelkupplung und Penz-Kran kann auf seinem gelenkten Mini-Sattel bis zu 9,5 t Holz zu Tal fahren Foto: H. Höllerl

Der Schiltrac ist so etwas ähnliches wie unser Unimog, nur noch mehr auf steile Hänge zugeschnitten, mit einem niedrigen Schwerpunkt und Allradlenkung. Für extreme Holzabfuhrsituationen hat der Hersteller in Buochs jetzt eine Kombination mit Penz-Ladekran und einem kurzen Sattelauflieger mit Lenkachse auf die Räder gestellt. Damit lassen sich rund 10 m³ Holz oder 9,5 t Last zu Tale bringen. Bei einer Fahrzeugbreite von wenig mehr als 2 m und Pendelachsfahrwerk verlieren auch steile Hohlwege ihren Schrecken. Für den Ferntransport taugt der Schiltrac allerdings nicht so sehr – bei 45 km/h ist Schluss.

Großhacker HDC 812 von Wüst, standesgemäß auf einem Volvo FH 750 aufgebaut Foto: H. Höllerl

Heinrich Höllerl

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