Sturmschäden im Wald
Die Modelle der Forschenden zeigen, dass viele Faktoren dazu beitragen, sturmstabile Bestände zu entwickeln. Das Waldmanagement sei anpassbar, Durchforstungen schaden der Bestandesstabilität aber nicht grundsätzlich.
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Modellforschung: Wälder gegen Sturm schützen

20. April 2022

Über Sturmschäden in deutschen Wäldern sowie die Frage nach möglicher Prävention wurde auf forstpraxis.de zuletzt häufiger berichtet. Ein neues Modell zeigt nun auf, was Bäume in einem tropischen Zyklon 2018 erlitten. Das Ziel dieser Untersuchungen? Empfehlungen für den Waldbau, die Entwicklung sturmfester Bestände und die Baumartenwahl in Sachen Infrastruktur – auch in Europa.

Wie Bäume und die Infrastruktur künftigen Stürmen und Unwettern standhalten, das untersuchten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um Prof. Dr. Kana Kamimura von der Universität Shinshu in Japan gemeinsam mit Dr. Barry Gardiner, Forstwissenschaftler aus Freiburg, anhand von Modellen.

Sind bewirtschaftete Wälder stabil gegen Sturm?

Per Zufall konnten die Daten zum Baumverhalten in einem 100-km/h-Sturm 2018 erhoben werden – Forschende statteten 36 Sicheltannen mit hochwertigen Sensoren aus, um anderen Untersuchungen nachzugehen. Ein Sturm der Kategorie 5 kam dazwischen und hinterließ die unerwarteten Daten, die Forstleute weltweit künftig in Waldbaufragen unterstützen könnten. Denn die Bäume, deren Verhalten alle zehn Minuten erfasst werden konnte, standen teils auf einer durchforsteten, teils auf einer nicht durchforsteten Fläche.

29 Bäume hielten dem Sturm und der Analyse stand. Die umgefallenen Bäume standen alle in der durchforsteten Fläche, so die Forschenden.

Das richtige Waldmanagement gegen den Sturm

Die Ergebnisse bedeuten aber nicht, dass Wälder nicht mehr durchforstet werden sollten, sagt Prof. Dr. Marc Hanewinkel von der Professur für Forstökonomie und Forstplanung an der Universität Freiburg. Er leitet das Freiburger Teilprojekt des Forschungsnetzwerks ClimXtreme, ein vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziertes Projekt. Hanewinkel und Gardiner beschäftigen sich vor allem mit den Auswirkungen von Winterstürmen in Mitteleuropa: „Wir müssen damit rechnen, dass sich das Sturmgeschehen auch bei uns aufgrund des Klimawandels verändert – und nicht zum Positiven.“ Das Waldmanagement müsse daher an diese Gefahren angepasst werden.

„Die Hauptbotschaft ist, dass Bäume nach einer Durchforstung verletzlicher sind, weil ihre Nachbarn entfernt wurden“, so Gardiner. „Stehen die Bäume dagegen dichter, geben die Nachbarn einem Baum Stabilität, weil sich ihre Kronen berühren, denn die Kraft des Windes wird so abgeleitet und reduziert.“

Waldbau anpassen ohne Einheitslösung

Das Projekt für die Sturmstabilität europäischer Wälder beziehe aber regionale Aspekte und ihr spezifisches Sturmrisiko bei der Modellbildung mit ein. Beispielsweise für Bahnstrecken und wie sich Sturmschäden hier vermeiden lassen könnten. Diese Einschätzung wird durch Meteorologinnen und Meteorologen der Freien Universität Berlin unterstützt.

Schon jetzt werde deutlich, dass die Art der Durchforstung einen Unterschied macht: Im Verbung stehende Bäume können sich auch bei starkem Sturm gegenseitig stabilisieren. Das zeigen Gardiners Ergebnisse. Stehen die Bäume jedoch zu eng beisammen, ist ihr Wachstum beeinflusst und sie sind anfälliger, Stürmen nicht mehr standzuhalten. Die Ergebnisse zeigen, dass die Baumarten selbst dabei eine große Rolle spielen, so Hanewinkel. Der Waldumbau hin zu Laub- oder Mischwäldern könne ein Teil der Lösung sein, da Laubbäume im Winter weniger greifbare Fläche für Wind bieten.

Mehrere Faktoren – Region, Standort, Baumart, Baumabstände – gemeinsam betrachtet könnten zu stabilen Wäldern in künftigen Stürmen führen, so Hanewinkel: „Das ist ein komplexes Optimierungsproblem.“ Genauere Ergebnisse publizierten die Forschenden kürzlich in der Zeitschrift Science Advances.

Quelle: Albert-Ludwigs-Universität Freiburg