Forstpolitik

Machtergreifung über den Wald

Bearbeitet von Jörg Fischer

Ein Gastkommentar unterm Weihnachtsbaum von Prof. a. D. Irslinger zu den Forderungen von Natur- und Umweltschutzorganisationen im Deutschen Naturschutzring (DNR) zur Waldpolitik.

Oh Tannenbaum – das Forderungspapier „Von der Waldkrise zur nachhaltig ökologischen und generationengerechten Waldwende“ des Deutschen Naturschutzrings (DNR) passt in die Vorweihnachtszeit. Die inzwischen vierte Corona-Welle überrollt Deutschland, der Wald stirbt durch Hitze und Trockenheit in bisher unbekanntem Ausmaß, Bolsonaro fackelt den Regenwald ab: Zukunftsängste machen sich breit und da sägen unsere Forstwirte auch noch Bäume ab. Geht’s eigentlich noch?

Aber wer kann schon unterscheiden zwischen einem tropischen Primärwald-Ökosystem und einem naturnah bewirtschafteten deutschen Wald? Seit Jahren nutzen Öko-Populisten und Pseudo-Waldschützer diese Fehlwahrnehmung nur zu gern, um Förster-Bashing zu betreiben und die Waldwirtschaft in Deutschland madig zu machen. Richtig ist, dass der Amazonas-Regenwald extrem wichtig ist für das globale Klima! Liegt es da nicht nahe, den deutschen Wald vor den Förstern zu schützen!?

Ein massiver Vertrauensmissbrauch!

2010 haben Zehntausende gegen Stuttgart 21 „Lügenpack“ skandiert. Und jetzt veröffentlicht der Deutsche Naturschutzring, der Dachverband der deutschen Natur-, Tier- und Umweltschutzorganisationen, ein Positionspapier, das voller Lügen steckt. Wobei Naturschützer ja grundsätzlich unser Vertrauen verdienen – oder? Aber dieses Vertrauen wird massiv missbraucht. Denn es geht hier weder um Klima- noch um Naturschutz, schon gar nicht um Waldschutz, sondern um Machtergreifung über den Wald. Es werden hierzulande keine Wälder gerodet, um sie zu verbrennen. Wälder werden gepflegt und Bäume werden gefällt, um daraus Holzprodukte herzustellen. Ein Baum besteht bekanntlich auch aus Ästen und beim Hobeln fallen Späne, auch die alten Möbel und Balken landen im Holz-Heizkraftwerk. Kreislaufwirtschaft nennt man das, dabei werden in Deutschland pro Jahr CO2-Emissionen von über 100 Mio t vermieden, über 10 % der deutschen jährlichen Treibhausgasemissionen. Und da schreiben die deutschen Naturschutzverbände im vorliegenden Papier im Ernst, dieser Prozess sei nicht CO2-neutral? Folgt jetzt den Corona-Querdenkern ein Wald-Querdenkertum?

Lokal schützen, global verschmutzen?

Prof. Hans-Joachim Schellnhuber, einer der weltweit renommiertesten Klimaforscher, trommelt für mehr Holzhäuser, denn eine Stadt aus Holz speichert mehr Kohlenstoff als der wildeste Wald! Aber woher soll all das Holz kommen? Keine Sorge, es ist genügend da, aber ohne nachhaltige Waldnutzung hierzulande schaffen wir die Bauwende nicht, es sei denn auf Kosten der Biodiversität der letzten Urwälder Osteuropas und in Übersee. Holz aus Primärwäldern ist aber, im Gegensatz zum Holz aus heimischen Wäldern, nicht CO2-neutral, Holzimporte schädigen deshalb auch das Klima ganz enorm. Lokal schützen, global verschmutzen – ist das die Devise der selbsternannten Waldschützer?

Dabei ist auch manches richtig in dem Papier. Viele Probleme im Wald sind menschengemacht. Der Wald in Deutschland ist komplett menschengemacht. Aber den Förstern die Aufforstung der riesigen Nachkriegskahlschläge schuldhaft zuzuschreiben ist genauso, wie die Trümmerfrauen dafür verantwortlich zu machen, die in der Nachkriegsnot gebauten Häuser nicht nach modernen Standards isoliert zu haben. Keine andere Berufsgruppe wie die Forstpartie hat so früh begonnen, den Klimawandel ernst zu nehmen. Seit Jahrzehnten werden Wälder umgebaut, um sie zu stabilisieren. Aber Wälder, die Jahrhunderte alt werden können, lassen sich nicht über Nacht durch andere ersetzen.

So hohe Holzvorräte wie seit dem Mittelalter nicht mehr

Die Waldwirtschaft in Deutschland ist die nachhaltigste und naturverträglichste weltweit. Sie ist weder ausschließlich auf maximale Holzerzeugung ausgerichtet noch ist sie schlecht für den Artenschutz. Die Wälder in Deutschland haben so hohe Holzvorräte wie seit dem Mittelalter nicht mehr. Mehr Vorrat anzureichern, wie es z. B. das Klimaschutzgesetz der alten Bundesregierung vorsieht, ist das Gegenteil von Klimaschutz und Generationengerechtigkeit, weil Wälder im Klimawandel langsamer, nicht schneller wachsen und hochbevorratete Wälder wie Immobilienblasen zusammenbrechen werden. Sechs Prozent der Wälder in Deutschland sind bereits wilde Wälder – das muss reichen. Keine Pflanzenart ist in den letzten Jahrzehnten im Wald ausgestorben, im Gegenteil: Die Waldvögel haben sogar zugenommen. Der Rückgang der Insekten findet nicht im Wald statt, sondern ist auf landwirtschaftlich beeinflusste Flächen beschränkt. Mehr Waldwildnis bringt nicht grundsätzlich mehr Artenschutz, viele Arten sind auf den Wald als Teil der Kulturlandschaft angewiesen. Der Wald erhält sich übrigens selbst, er braucht uns nicht. Aber ohne den Erhalt des Waldes in einem zur Nutzung des nachhaltig produzierbaren Rohstoffes Holz geeigneten Zustand erreichen wir die Pariser Klimaziele allenfalls durch den Aufbau neuer Kernkraftwerke. Das gilt übrigens über das Jahr 2050 hinaus, denn dann brauchen wir den Nutzwald erst recht, um die überhöhten CO2-Gehalte der Atmosphäre wieder abzubauen. Weder Kernkraftwerke noch ein wild gewordener Wald können das leisten!

In silva salus!

Die ganze Welt beneidet uns um unseren nach den Prinzipien der Nachhaltigkeit nach Jahrhunderten der Verwüstung wieder aufgebauten Wirtschaftswald. Und just in diesem Augenblick tauchen Populisten am Waldrand auf, die ihren Saft aus den Ängsten der Menschen ziehen und uns weismachen wollen, in wilden Wäldern liege das Heil der deutschen Waldnatur.

Prof. a. D. Roland Irslinger, irslinger@gmx.de