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Abb. 1: Rosskastanien-Miniermotte, rostbrauner, 5 mm großer Schmetterling

Die Rosskastanien-Miniermotte (Cameraria ohridella)

Jeden Sommer das gleiche Bild: Die Kastanien beginnen sich braun zu verfärben! Und das, obwohl der Herbst noch lange auf sich warten lässt. Nahezu überall in Mitteleuropa ist dieses Phänomen seit knapp 30 Jahren zu beobachten. Ursächlich für dieses Schadbild ist der Befall durch einen Neozoon – die Rosskastanien-Miniermotte (Cameraria ohridella).

Abb. 1: Rosskastanien-Miniermotte, rostbrauner, 5 mm großer Schmetterling Abb. 2: Blätter der Rosskastanie mit charakteristischen Blattminen Abb. 3: Starke Laubverfärbung im Frühherbst durch starken Befall mit der Rosskastanien-Miniermotte Abb. 4: Vorzeitiger Laubabwurf nach starkem Befall durch die Rosskastanien-Miniermotte Abb. 5: Neuaustrieb und Blüte im Herbst 2017

Der Kleinschmetterling Cameraria ohridella wurde 1984 am Ohridsee im Grenzgebiet von Mazedonien zu Albanien entdeckt und erstmals beschrieben [8, 9]. 1989 und 1990 wurde die Rosskastanien-Miniermotte dann in St. Florian bei Linz, Oberösterreich, von K. Puchberger gefunden [11, 15, 16, 17]. Letztlich konnte der Einschleppungsweg nach Mitteleuropa nicht aufgeklärt werden [17]. Nach Einschleppung und erfolgreicher Etablierung kam es bereits 1990 zu einer Massenvermehrung und rasanten Verbreitung in alle Himmelsrichtungen in das gesamte Anbaugebiet der Rosskastanie (Aesculus hippocastanum) [12, 17 ,19]. In Deutschland trat die Art dann erstmals 1993 bei Passau auf [4, 19]. England erreichte sie 2002 [23] und Norwegen 2013 [1]. Die Ausbreitung der Art folgte vor allem entlang von Verkehrswegen, sodass die anthropogene Verschleppung der Art für die Verbreitungsgeschwindigkeit von 80 bis 100 km pro Jahr von wesentlicher Bedeutung gewesen sein dürfte [3]. Windverdriftung und aktiver Flug des Falters werden zwar auch beobachtet [3], sie dienen allerdings eher der lokalen Verbreitung an einem neuen Einschleppungsort („Brückenkopf“) [3] und können die rasante Verbreitung in ganz Europa nicht hinreichend erklären.

Neozoon folgt Neophyt

Lange Zeit herrschte Unklarheit über das ursprüngliche Verbreitungsgebiet der Rosskastanien-Miniermotte, da der erste Fundort in Mazedonien nicht zwingend die Heimat des Insekts sein musste [11]. Eine Einschleppung aus Nordamerika oder Ostasien [10, 12] sowie die Entwicklung auf anderen Wirtspflanzen wurde diskutiert [11]. In Untersuchungen zum Wirtspflanzenspektrum [10], von Herbarbelägen aus dem 19. Jahrhundert [13] sowie genetische Untersuchungen [13, 24] zeigen, dass der südliche Balkan (Albanien und Mazedonien) und Zentralgriechenland tatsächlich das ursprüngliche Heimatgebiet der Art darstellen. Dies legt den Verdacht nahe, dass die Rosskastanien-Miniermotte in den eiszeitlichen Refugialräumen der Rosskastanie gemeinsam mit dieser überdauert hat. Die Rosskastanie konnte nach der Eiszeit nicht aus eigener Kraft wieder in Mitteleuropa einwandern, wo sie vor der Eiszeit durchaus heimisch war, sondern wurde erst 1576 von den Türken auf ihren Eroberungsfeldzügen quer durch Europa eingeschleppt [2, 18]. Sie ist daher als Neophyt zu betrachten. Die Verbreitung erfolgte über ihre Früchte, die die Türken als Pferdefutter mit sich führten [18]. Die Rosskastanien-Miniermotte hatte dagegen zunächst keine Möglichkeit, ihrer Wirtspflanze zu folgen. Da beide Arten die letzte Eiszeit in zumindest einem gemeinsamen Refugialgebiet der Rosskastanie verbracht haben, besitzen sie eine gemeinsame evolutionäre Geschichte, die vermutlich in der vorangegangenen Warmzeit begonnen hat und die zu einer gegenseitigen Anpassung (coevolutionäre Beziehung) geführt hat. Die Arten „kennen“ sich also und haben über Angriffs- und Verteidigungsstrategien gelernt miteinander zu interagieren. Der Umstand, dass beide Arten durch den Menschen zu unterschiedlichen Zeitpunkten absichtlich (Rosskastanie) [2] bzw. unabsichtlich (Kastanienminiermotte) in Mitteleuropa eingeschleppt bzw. verbreitet wurden, ist in diesem Zusammenhang von untergeordneter Bedeutung, bietet aber einen weiteren Erklärungsansatz für die rasche Verbreitung der Schmetterlingsart, bei passenden klimatischen Voraussetzungen. Gleichzeitig relativiert dieser Zusammenhang aber auch die Bedeutung des Schmetterlings als neozootischer Schädling für die Rosskastanie, haben doch zwei altbekannte Partner wieder zueinander gefunden. Die Rosskastanien-Miniermotte ist daher als Beispiel für die Ungefährlichkeit neobiotischer Arten [20] ungeeignet.

Biologie und Wirtspflanzenkreis

Der rotbraune, durch seine Größe von etwa 5 mm unscheinbare Schmetterling [6, 7, 13], kann unter den bisherigen Klimabedingungen in Deutschland 3 bis 4 Generationen pro Jahr durchlaufen [3, 6]. Die ersten Falter schlüpfen von Mitte April bis in den Mai hinein aus den Puppen in der Bodenstreu (Reste der vorjährig minierten Blätter). Die Eiablage der Frühjahrsgeneration erfolgt zunächst im unteren Kronenbereich. Die Sommer- und Herbstgenerationen (Juli bis Mitte September) bevorzugen hingegen zur Eiablage die oberen Kronenbereiche, insbesondere wenn die unteren Blätter schon stark durch die erste Generation befallen wurden [19]. Je nach Witterungsverlauf verursacht der Minierfrass der Raupen eine umfangreiche Laubverfärbung bis hin zu einem vorzeitigen Laubfall. Besonders spektakulär sind der Wiederaustrieb und die erneute Blüte von stark befallenen Rosskastanien im Frühherbst nach dem vorzeitigen Laubfall. Früchte und Blüte sind dann zur selben Zeit an den betroffenen Bäumen vorhanden. Diese physiologische Reaktion des Baumes tritt induziert durch den Laubfall und die warmen Witterungsbedingungen in trockenwarmen Jahren auf und konnte auch 2017 beobachtet werden.

Die Rosskastanien-Miniermotte befällt vornehmlich die weiß blühende Rosskastanie (Aesculus hippocastanum) und deren Varietäten, allerdings auch rund 17 weitere Aesculus-Arten aus Nordamerika und Ostasien [3]. Die rot blühende Rosskastanie (Aesculus carnea) wird ebenfalls von der Rosskastanien-Miniermotte befallen, allerdings kann sie diese nicht optimal als Wirtspflanze nutzen, sodass der Befall verhalten bleibt und nicht zu umfänglichen Blattschäden führt [3]. Interessanterweise werden auch nicht alle weißblütigen Rosskastanien, selbst bei unmittelbarer Nachbarschaft, gleichmäßig befallen [3]. Bei starkem Befallsdruck finden sich auch Blattminen an Berg- und Spitzahornblättern, allerdings ohne dass eine vollständige Entwicklung des Schädlings bisher nachgewiesen werden konnte [3].

Schadwirkung

Die hauptsächliche Schadwirkung der Rosskastanien-Miniermotte liegt bislang in der ästhetischen Beeinträchtigung durch die Braunfärbung der Blätter und der Minderung der Schattenspende bei vorzeitigem Blattverlust [5, 14]. Die physiologische Schwächung des Baumes durch den Fraß und die reduzierte Photosyntheseleistung seiner Blätter scheinen den betroffenen Rosskastanien dagegen relativ wenig auszumachen, bzw. wirken sich auf Frucht- und Samengröße negativ aus. Dies ist entsprechend ihrer coevolutionären Beziehung und dem, selbst bei starkem Befall, relativ spät im Jahr vollständigen Verbraunen der Blätter [3] auch so zu erwarten. Allerdings kann mit dem Fortschreiten des Klimawandels, insbesondere durch die Verlängerung der Vegetationszeit dieses Gleichgewicht zugunsten der Miniermotte gestört werden, da die plurievoltine Art die Generationen schneller durchlaufen könnte. Der Blattverlust würde damit früher und umfassender eintreten. Insbesondere auch der Neuaustrieb im Frühherbst nach vollständigem Blattverlust, der eine Vitalitätsminderung darstellt, könnte dann häufiger zu beobachten sein. Die phytosanitäre Bewertung der Rosskastanien-Miniermotte wäre in diesem Fall zu überdenken.

Häufig begleitet der Blattbräunepilz Guignardia aesculi, eine ebenfalls neobiotische Art, das Schadbild auf den Rosskastanienblättern. Die Befallsbilder beider Arten werden dabei häufig miteinander verwechselt [9]. Im Gegensatz zu den Minierschäden breitet sich die Bräune über die Blattnerven hinaus aus und ist häufig von einem gelben oder hellbraunen Rand begrenzt. Das Schadbild des Bräunepilzes ist auf beiden Blattseiten gleich intensiv. Die Miniermotte hingegen frisst vornehmlich im Bereich des Palisadenparenchyms unterhalb der oberen Epidermis (Blattoberseite), sodass die Unterseite weniger stark verfärbt ist. Offensichtlich begünstigt der Befall der Rosskastanien-Miniermotte den Folgebefall mit dem Blattbräunepilz, allerdings gibt es durch die Konkurrenz um dasselbe Nahrungssubstrat auch eine antagonistische Beziehung der beiden Arten zu einander [9].

Vorbeugung und Bekämpfung

Der bisher effektivste und einzig zu empfehlende Weg, der Rosskastanien-Miniermotte zu begegnen, ist das Entfernen der befallenen Blätter im Herbst. Die Überwinterung der äußerst winterharten Puppen der Herbstgeneration erfolgt in diesem Material, sodass dessen konsequente Vernichtung die Populationsdichte der ersten Frühjahrsgeneration und damit den Befallsgrad maßgeblich vermindern kann [3, 7, 14, 21]. Nicht zuletzt dämmt diese Maßnahme auch den beschriebenen Blattbräunpilz Guignardia aesculi ein, der ebenfalls in der Bodenstreu
überwintert [9].

Literaturhinweise:

[1] AARVIK, L.; BOUMANS, L.; SØRLIBRÅTEN, O. (2014): The horse chestnut leaf-miner, Cameraria ohridella Deschka & DimiC, 1986, (Lepidoptera, Graillariidae) established in Norway. Norwegian Journal of Entomology 61: 8-10. [2] AAS, G.; LAUERER, M. (2005): Die Gemeine Rosskastanie (Aesculus hippocastanum) als Neubürger in unserer Flora. LWF Wissen 48: 17-20. [3] BACKHAUS, G. F.; WULF, A.; KEHR, R.; SCHRÖDER, T. (2002): Die Rosskastanien-Miniermotte (Cameraria ohridella) – Biologie, Verbreitung und Gegenmaßnahmen. Nachrichtenbl. Deut. Pflanzenschutzd. 54 (3): 56-62. [4] BUTIN, H.; FÜHRER, E. (1994): Die Kastanien-Miniermotte (Camerario ohridella DESCHKA & DIMIĊ), ein neuer Schädling an Aesculus hippocastanum. Nachrichtenbl. Deut. Pflanzenschutzd. 46(5): 89-91. [5] DESCHKA, G. (1993): Die Miniermotte Cameraria ohridella DESCHKA & DIMIĊ, eine Gefahr für die Roßkastanie Aesculus hippocastanum L. (Insecta, Lepidoptera, Lithocolletidae). Linzer Biol. Beitr. 25 (1): 141-148. [6] DESCHKA, G. (1994): Die Roßkastanienmotte – Lebensbild eines blattminierenden Schädlings. ÖKO L 16 (3): 32-36 [7] DESCHKA, G. (1995): Beitrag zur Populationsdynamik der Cameraria ohridella DESCHKA & DIMIĊ (Gracillariidae, Lepidoptera, Chalcididae, Ichneumonidae, Hymenoptera). Linzer Biol. Beitr., 27(1): 255-258. [8] DESCHKA, G.; DIMIĊ, N. (1986): Cameraria ohridella n. sp. aus Mazedonien, Jugoslawien (Lepidoptera, Lithocolletidae). Acta Entomologica Jugoslavia 22(1-2): 11-23. [9] DIEHL, B. (2006):Vergleich der von der Roßkastanienminiermotte Cameraria ohridella und dem Blattbräunepilz Guignardia aesculi verursachten Schadbilder, untersucht am Standort Saarbrücken. Delattinia 32: 251-265. [10] GRABENWEGER, G.; GRILL, R. (2000): On the Place of Origin of Cameraria ohridella DESCHKA & DIMIĊ (Lepidoptera: Gracillariidae). Beiträge zu Entomofaunistik 1: 9-17. [11] . HEITLAND, W.; FREISE, J. (2005): Die Rosskastanien-Miniermotte, der auffälligste Schädling der weißblühenden Rosskastanie. LWF Wissen 48: 28-30. [12] HEITLAND, W.; KOPELKE, J.-P.; FREISE, J. und METZGER, J. (1999): Ein Kleinschmetterling erobert Europa – die Roßkastanien-Miniermotte Cameraria ohridella. Natur und Museum 29 (6): 186-195. [13] LEES, D. C.; Lack, H. W.; ROUGERIE, R.; HERNANDEZ-LOPEZ, A.; RAUS, T.; AVTZIS, N. D.; AUGUSTIN, S.; LOPEZ-VAAMONDE, C. (2011): Tracking origins of invasive herbivores through herbaria and archival DNA: the case of the horse-chestnut leaf miner. Frontiers in Ecology and the Environment 9(6): 322-328. [14] PFLANZENSCHUTZAMT BERLIN (2015): Die Kastanienminiermotte (Cameraria ohridella), Merkblatt, http://www.berlin.de/senuvk/pflanzenschutz/merkblaetter/de/download/kastanienminiermotte.pdf. [15] PSCHORN-WALCHER, H. (1994): Freiland-Biologie der eingeschleppten Roßkastanien-Miniermotte Cameraria ohridella DESCHKA ET DIMIC (Lep., Oracillariidae) im Wienerwald. Linzer Biol. Beitr. 26: 633-642. [16] PSCHORN-WALCHER, H. (2001): Zehn Jahre Rosskastanien-Miniermotte (Cameraria ohridella DESCHKA & DIMIC; Lep., Gracillariidae) im Wienerwald. Linzer Biol. Beitr. 33/2:941-947 [17] PUCHBERGER, K. M. (1995): Zur Geschichte der ersten Ausbreitung von Cameraria ohridella DESCHKA & DIMIC 1986 in Österreich (Lepidoptera, Gracillariidae). Entom. Nachr.Blatt, 2(1): 2-3. [18] ROLOFF, A. (2005): Biologie und Ökologie der Rosskastanie (Aesculus hippocastanum L.). LWF Wissen 48: 13-16 [19] SCHMIDT, O. (1997): Roßkastanien-Miniermotte weiter auf dem Vormarsch. AFZ/Der Wald 52 (22): 1220. [20] SCHMIDT, O. (2017): Neue Arten – zwischen Verfremdung und Bereicherung – Neozoische Insekten an Gehölzen und ihre ökologischen Folgen. LWF aktuell 114: 15-19. [21] STRAW, N. A.; BELLETT-TRAVERS, M. (2004): Impact and management of the Horse Chestnut leaf-miner (Cameraria ohridella). Arboricultural Journal 28 (1-2): 67-83. [22] THALMANN, C.; FREISE, J.; HEITLAND, W.; BACHER, S. (2003): Effects of defoliation by horse chestnut leafminer (cameraria ohridella) on reproduction in Aesculus hippocastanum. Trees-Structure and Function 17: 383-388. [23] TILBURY, C.; EVANS, H. (2003): Exotic Pest Alert: Horse chestnut leaf miner, Cameraria ohridella DESCH. & DEM. (Lepidoptera: Gracillariidae). Forestry Commission: 4 S. [24] VALADE, R.; KENIS, M.; HERNANDEZ-LOPEZ, A.; AUGUSTIN, S.; MARI MENA, N.; MAGNOUX, E.; ROUGERIE, R.; LAKATOS, F.; ROQUES, A.; LOPEZ-VAAMONDE, C. (2009): Mitochondrial and microsatellite DNA markers reveal a Balkan origin for the highly invasive horse-chestnut leaf miner Cameraria ohridella (Lepidoptera, Gracillariidae). Molecular Ecology 18: 3458-3470.

Ralf Petercord
Abb. 1: Rosskastanien-Miniermotte, rostbrauner, 5 mm großer Schmetterling Abb. 2: Blätter der Rosskastanie mit charakteristischen Blattminen Abb. 3: Starke Laubverfärbung im Frühherbst durch starken Befall mit der Rosskastanien-Miniermotte Abb. 4: Vorzeitiger Laubabwurf nach starkem Befall durch die Rosskastanien-Miniermotte Abb. 5: Neuaustrieb und Blüte im Herbst 2017

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