Naturschutz, Landschaftspflege

Luchspopulation: Ihre Zukunft in Mitteleuropa

Bearbeitet von Carolin Föste

Der Verlust der genetischen Vielfalt in wiederangesiedelten Luchspopulationen ist besorgniserregend. Das berichten Forschende von Senckenberg und vom LOEWE-Zentrum für Translationale Biodiversitätsgenomik (TBG). Warum gibt es Anlass zur Sorge?

Die beiden Institute haben mit einem internationalen Team die genetische Vielfalt von Luchsen in Europa untersucht. In ihrer im Fachjournal „Biological Conservation“ erschienenen Studie zeigen sie, dass die genetische Vielfalt in den Populationen wiederangesiedelter Luchse über die Jahre stark abgenommen hat. Die Forschenden warnen, dass dieser Verlust, zusammen mit den teils erhöhten Inzuchtwerten, in einigen Beständen den Erhalt der seltenen Art langfristig gefährden könne. Zudem zeigen sie in ihrer Arbeit, welche Faktoren für stabile und gesunde Luchspopulationen in Europa notwendig sind.

Luchspopulationen in Deutschland und Europa

Der Luchs (Lynx lynx) wurde jahrhundertelang bejagt und schließlich Mitte des 19. Jahrhunderts in Deutschland und angrenzenden Ländern vollständig vom Menschen ausgerottet. Heute gibt es sowohl in der Bundesrepublik als auch in mehreren anderen Regionen Mitteleuropas wieder Populationen der Pinselohren.

„Das ist ein Riesenerfolg, der durch die gezielten Wiederansiedlungsprogramme in Europa ermöglicht wurde!“, erklärt Dr. Sarah Mueller vom Fachgebiet Naturschutzgenetik am Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt und dem LOEWE-TBG. Die Ausbreitung der Luchspopulationen ginge vielerorts allerdings nur langsam vonstatten oder stagniere ganz.

Illegale Bejagung und Straßenverkehr fordern Luchse

Obwohl der Luchs seit 1992 in der Europäischen Union unter Schutz steht, komme es immer wieder zur illegalen Bejagung der größten europäischen Katzenart. Auch der Straßenverkehr fordere jedes Jahr mehrere Tiere. Das Team um Mueller hat in der Studie nun weitere mögliche Gründe für die Stagnation der Luchs-Ausbreitung gefunden: Die Forschenden untersuchten genomweite Muster der genetischen Vielfalt und Inzucht in allen sechs erfolgreich wiederangesiedelten Populationen Mitteleuropas sowie in zwölf natürlichen Populationen in Europa und Asien, um mögliche genetische Ursachen für die langsame Erholung des Luchses in Europa aufzudecken.

Mueller beschreibt hierzu: „Fast alle wiederangesiedelten Luchspopulationen haben eine deutlich geringere genetische Vielfalt als die natürlichen Vorkommen. Zusätzlich ist in den wiedereingeführten Populationen Inzucht verbreitet; am stärksten ausgeprägt ist sie in den Luchsbeständen mit der geringsten Anzahl von Gründerindividuen.“

Welche Ursachen hat die Inzucht unter Luchsen?

Zu der verminderten genetischen Diversität und den hohen Inzuchtquoten komme es den Forschenden nach einerseits durch einen, schon zu Anfang der Wiederbesiedlung unzureichenden Genpool der ausgesetzten Luchse und anderseits durch die von Straßen und Siedlungen zerschnittenen Lebensräume der gefleckten Raubkatze. Diese erschweren oder verhindern nicht nur den Kontakt von Männchen und Weibchen während der Paarungszeit, sondern nehmen jungen Luchsen die Möglichkeit, aus ihrem Geburtsrevier abzuwandern.

„Luchse besetzen riesige Reviere, die mehr als 200 Quadratkilometer groß sein können. Dabei halten sich die Tiere nicht an nationale Grenzen“, erläutert Mueller und ergänzt: „Es gibt dennoch auch berechtigte Hoffnung: Ausgehend von der Wiederansiedlung im Harz breiten sich Luchse auch über die stark fragmentierte Kulturlandschaft aus. Es gibt demnach die Chance, dass wir es schaffen, eine gut vernetzte, individuenstarke Metapopulation – eine Gruppe von Teilpopulationen, die untereinander einen eingeschränkten Genaustausch haben – aufzubauen, die ihre genetische Vielfalt nicht wieder langfristig einbüßt.“

Luchsmanagement: Ein Begleitschutz für Luchse?

Die Forschenden treten daher für eine europäische Lösung im Luchsmanagement ein und betonen die Bedeutung großer zusammenhängender Lebensräume, die den Luchsen die Wanderschaft und damit den Genaustausch außerhalb ihres Reviers ermöglichen. Zudem setzen sie sich in ihrer Studie für die Auswilderung weiterer Populationen ein, um „Trittsteine“ zwischen den aktuellen, noch zu weit auseinander liegenden Beständen zu schaffen. Kurzfristig stelle auch der Austausch einzelner Individuen zwischen den ausgewilderten Populationen eine Möglichkeit dar, um deren Diversität zu erhöhen.

„Angesichts der beobachteten genetischen Konsequenzen ist eine standardisierte, regelmäßige genomische Untersuchung ausgewilderter Luchsbestände besonders wichtig, um einen kritischen Grad an Grad genetischer Verarmung erkennen und rechtzeitig Maßnahmen treffen zu können“, sagt Dr. Carsten Nowak, Letztautor der Studie und Fachgebietsleiter Naturschutzgenetik bei Senckenberg und LOEWE-TBG.

Quelle: Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung