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Teilnehmer am Jahrestreffen 2017 des Verbandes Deutscher Forstbaumschulen im Hotel Mercure in Erfurt

Treffen der Forstbaumschulen 2017 in Thüringen

Das Jahresmitgliedertreffen 2017 des Verbandes Deutscher Forstbaumschulen (VDF) fand vom 21. bis 23. September in Erfurt statt.

Nach dem verbandsinternen Teil erwartete die Verbandsmitglieder und ihre Gäste am 22. September im öffentlichen Teil ein exklusiver Überblick über die Forstwirtschaft in Thüringen.

Den Einstieg lieferte der zuständige Referatsleiter im Thüringer Ministerium für Infrastruktur und Landwirtschaft Achim Ramm. Er machte unter anderem deutlich, dass eine geringe Bindung der Privatwaldbesitzer zu ihrem Eigentum immer noch Probleme bereitet, was sich auf die Umsetzung von Waldbauempfehlungen auswirkt. Die Anzahl der privaten Waldeigentümer wird auf 180.000 bis 200.000 geschätzt, ihr Flächenanteil mit 220.000 ha (knapp 42 %) und die Durchschnittsfläche mit 1 ha angegeben. Ziel für den Gesamtwald ist eine höhere Baumartenmischung. Ramm vertritt dabei die Auffassung, Laubholz stets „verantwortungsbewusst“ einzubringen. Von „guter Arbeit“ zeuge zum Beispiel ein Fichtenreinbestand, der in der nächsten Bestandesgeneration dauerhaft 5 bis 10 % Laubholz enthält. Eine hundertprozentige Umwandlung – wie in den 1990er-Jahren angestrebt – funktioniere nicht, „um Laubholzbeimischung sollte man sich aber bemühen“. Allen Waldeigentümern steht hierfür eine flächendeckende Standortkartierung – wie in allen neuen Bundesländern – als Informationsquelle für die Baumartenwahl zur Verfügung.

Zu den forstpolitischen Zielen gehört weiterhin die Waldflächenmehrung. Allerdings wird diese durch eine geringere Flächenbereitstellung aus dem Agrarbereich sowie hohe Naturschutzauflagen erschwert. Deutlich verschärft hat sich die Problematik der Waldflächenstilllegung durch die nationale Wildnis-Diskussion: In der Naturschutz-Offensive 2020 des Bundes werden 2 % der Landesfläche Deutschlands als großflächige Wildnisgebiete gefordert. Expertengruppen haben sich auf 1.000 ha verständigt, was für Achim Ramm „in der Kulturlandschaft schon ein ordentlicher Schluck aus der Pulle ist“. Man sollte, betonte er, generell die Nutz-, Schutz- und Erholungsfunktion der Wälder als Einheit betrachten, so bewirtschaften und auch öffentlich einbringen. Als derzeit zentrales forstpolitisches Ziel betonte Ramm abschließend noch einmal den Erhalt des Gemeinschaftsforstamtes. Ein weiterer „entscheidender Punkt“ ist für ihn die gute Zusammenarbeit mit den Verbänden.

Letzteres griff der Geschäftsführer des VDF sogleich auf: „Wenn wir Sie unterstützen können, sind wir immer für Sie da“, sagte Alain Paul.

Fokus Privatwald

Mit Wolfgang Heyn kam der Geschäftsführer des Waldbesitzerverbandes für Thüringen zu Wort. Dort ist der gelernte Förster seit 26 Jahren aktiv, außerdem engagiert er sich bei der DKV (Deutsche Kontrollvereinigung) – Gütegemeinschaft für forstliches Vermehrungsgut e. V. und im Deutschen Forstzertifizierungsrat von PEFC. Seine Ausführungen bestätigten die von Achim Ramm angeschnittenen Probleme, sowohl was die Situation im Privatwald als auch was die Herausforderungen durch die Waldstilllegung anbelangt. Die aktuelle Landesregierung treibe die bereits von der Vorgängerregierung festgelegten 25.000 ha Waldstilllegung durch weitere Vorhaben, z. B. das Nationale Naturmonument Grünes Band, auf die Spitze, meinte Heyn. Beim Thema Waldumbau kritisierte er Tendenzen zur „Verbuchung“ und verwies auf Schnittpunkte der Waldeigentümer zu den Forstbaumschulen. So würde sich der Klimawandel und der Aufbau von Mischwäldern nur mit Pflanzungen bewältigen lassen. Dass jedoch Forstbaumschulen für die Bereitstellung nachgefragter Pflanzen in Art und Menge einige Jahre Vorlauf benötigen, sei bei den Privatwaldbesitzern leider immer noch nicht richtig angekommen, konstatierte Heyn. Schließlich stellte er noch die Frage in den Raum: Ist Thüringen auf die Bewältigung von Sturmfolgen durch Aufforstungen wie nach „Kyrill“ 2017 vorbereitet?

Viele Waldbesitzer würden glauben, dass sie spontan alle Pflanzen bekommen können, es sei ja immer alles vorhanden. Diese Erfahrung hätten auch Forstbaumschulen gemacht, so der VDF-Geschäftsführer. Für Paul sind damit jedoch unmittelbar Fragen der Zuverlässigkeit und Qualitätssicherung verknüpft. Sein Angebot an den Thüringer Waldbesitzerverband zur Zusammenarbeit nahm Heyn gerne an. Über die Teilnahme an Versammlungen oder Veröffentlichungen in der Waldbesitzerzeitschrift würden sich die jeweiligen „Befindlichkeiten“ darstellen lassen.

Fokus Staatswald

Berührungspunkte mit Baumschulen hat auch der Vorstand von ThüringenForst, Jörn Ripken. Sein Beispiel: In den 1990er-Jahren musste er als Mitarbeiter der Landesforstdirektion eine Kalkulation für die landeseigene Forstbaumschule Breitenworbis machen, die damals aufgrund politischer Forderungen ihre Produktion einstellen sollte. Im Endergebnis wurde die Produktion von rund 2 Mio. Pflanzen jährlich auf 600.000 Pflanzen reduziert.Bei weniger Pflanzen sei eine Produktion wirtschaftlich nicht mehr sinnvoll, so der Experte. Ripken informierte über aktuelle Strukturen und Aufgabenfelder bei ThüringenForst. Das Modell des Gemeinschaftsforstamtes werde in Thüringen politisch über alle Fraktionen akzeptiert. Eine geschlossene Vertretung aller Waldbesitzformen und damit des Waldes in Politik und Gesellschaft ist für Ripken notwendig und zeitgemäß. Eine große Herausforderung für den Staatsforstbetrieb stellt die Sicherung der Rentabilität im Kontext der besonderen Allgemeinwohlverpflichtung dar. Waldbauliches Leitbild ist der „naturnahe Dauerwald“: ein standortgerechter, baumartenreicher, strukturierter und ungleichaltriger Wald, der Risiken durch abiotische und biotische Einflüsse minimiert. Allein schon die Sicherung der Vermögenswerte zwinge jeden verantwortungsvollen Waldeigentümer angesichts der Risiken des Klimawandels zu einem gut sortierten Warenlager mit vielen Baumarten. Neben dem passiven betreibt ThüringenForst intensiv den aktiven Waldumbau. Die Baumartenempfehlungen auf Basis der Standortkartierung sind Richtschnur, ihm persönlich, ergänzte Ripken, enthalten sie aber zu viel Rotbuche: Unter Einbeziehung des Aspektes Liquidität werde ein nadelholzreicher Dauerwald gebraucht. ThüringenForst benötigt Saatgut und v. a. Pflanzen, sowohl wurzelnackte als auch Container-Pflanzen. Bei den Nadelbaumarten sind Weißtanne, teilweise Küstentanne, und insbesondere Douglasie gefragt. Die Kiefer („eigentlich eine wunderbare Baumart im Klimawandel“) ist für Ripken durch die notwendige Pflanzenanzahl und die Kosten für das Pflanzen ein „Verlierer“ in Thüringen. Immer gebraucht werde die Fichte. Die Baumschulen wollen Qualität liefern, die Forstbetriebe wollen Qualität haben. Klar kostet das gutes Geld, doch darf dann eine Qualitätskontrolle nicht fehlen, meinte Ripken und gab eine Praxiserfahrung weiter: Der „unangenehmste Kollege“ (sprich der dafür fachlich geeignetste) sollte die Abnahme für das gesamte Forstamt machen.

ThüringenForst benötigt derzeit pro Jahr ca. 1 Mio. Pflanzen, davon werden grob geschätzt 25 % zugekauft und 75 % selbst produziert. Auf die spontane Frage eines Zuhörers, ob selbst produzierte Pflanzen an Privatwaldbesitzer verkauft werden, antwortete Ripken: „Das ist definitiv nicht das Ziel.“ Vorkommen könne es, dass nicht benötigte Pflanzen bei Nachfrage zu Marktpreisen abgegeben werden – „aber keine aktive Werbung“. Die Produktion in der eigenen Forstbaumschule soll keinesfalls ausgedehnt werden, unterstrich Ripken, sondern ähnlich wie im Bereich der Holzernte gelte es, Fähigkeiten und Kenntnisse zu erhalten. Forstpolitisch betrachte er die Versorgung von privaten Baumschulen auch aus Klengen und öffentlichen Samenbetrieben als „Teil der Daseinsvorsorge“. ThüringenForst beerntet daher bei besonderen Herkünften oder Baumarten auch Bestände, wo sich gewerbliche private Betriebe aus betriebswirtschaftlichen Gründen zurückziehen müssen. Die Forstbaumschule in Breitenworbis sorgt für ein breites Angebot herkunftsgerechter Pflanzen für den Waldumbau bzw. die Wiederbewaldung nach Sturmkatastrophen.

VDF setzt auf Zusammenarbeit

„Das Stichwort Daseinsvorsorge Saatgut ist für uns wichtig, das ist das A und O“, umriss Paul schließlich die Sichtweise der privaten Forstbaumschulen. Diese könnten nicht alles selbst bereitstellen. Es sei deshalb eine gute Nachricht, dass der Forst die Daseinsvorsorge als Aufgabe der Zusammenarbeit sieht. Gute Aussichten für die Forstbaumschulen eröffnen wohl die von den Referenten angesprochenen Zusammenhänge von Klimawandel, Waldumbau und Baumartenwahl. Doch, gab Paul zu bedenken, wenn in dem gleichen Rhythmus wie in den vergangenen 25 Jahren weiterhin Baumschulen sterben, „müssen Sie Pflanzen importieren“.

In der abschließenden Diskussionsrunde wurde der Pflanzenverkauf durch staatliche Baumschulen nochmals kritisiert: Private Baumschulen müssten überzählige Pflanzen vernichten, wurde argumentiert, was in anderen Bundesländern weit gravierender der Fall sei. „Ich sehe staatliche Baumschulen eher positiv“, lautete die Einschätzung eines anderen Zuhörers: Nicht, weil sie alles produzieren, sondern weil sie wissen, was eine ordentliche Pflanze kostet für einen Baum, der in 100 Jahren noch topp sein soll.

Ripken merkte an, dass der Niedergang von Baumschulen eng verknüpft war mit dem massiven Rückgang von Pflanzungen allgemein. Sein Vergleich für den Staatswald in Thüringen: Waren es zu Beginn der 1990er-Jahre noch geschätzt 5 Mio. Pflanzen pro Jahr, sind es derzeit 1 Mio. Pflanzen. Zielgrößen für die Forstbaumschule Breitenworbis bleiben: nicht unter 600.000 und nicht über 800.000 Pflanzen jährlich. Somit kann sich bei steigendem Bedarf der Anteil des Zukaufs aus privaten Baumschulen durchaus erhöhen.

Dem Schlusswort von Paul lässt sich entnehmen: Wenn die Herausforderungen des Klimawandels an den Wald gelöst werden sollen, dann führt kein Weg an einer Zusammenarbeit vorbei. „Ohne Baumschulen können wir nur auf die Sukzession hoffen, und das ist mir als Förster zu gefährlich.“

Stephan Loboda

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