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Entnahme von Proben heimischer Baumflechten

Langzeitforschung: Baumflechten werden seltener

Rentierflechte, Landkartenflechte, Elchgeweihflechte oder Lungenflechte: Flechten eignen sich besonders gut als Bioindikatoren und reagieren äußerst sensibel auf Umwelteinflüsse. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler rund um Flechtenforscher Roman Türk haben im Auftrag des Umweltbundesamtes das Flechtenvorkommen am Forschungsstandort Zöbelboden, der vom Umweltbundesamt und Österreichischen Bundesforsten (ÖBf) gemeinsam mit dem Nationalpark Kalkalpen betrieben wird, untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass der Bewuchs von Flechten auf Baumstämmen seit Mitte der 1990er Jahre stark zurückgegangen ist. Die Flechtenvielfalt hat um rund 20 % abgenommen und auch die Artenzusammensetzung hat sich zugunsten stickstoffliebender Arten verändert. Ursache für diese Veränderungen sind vor allem Stickstoffeinträge aus der Luft, auf die Flechten sehr sensibel reagieren. In den abgelegenen und weitläufigen Waldgebieten der Kalkalpen wären Wachstumsbedingungen grundsätzlich ideal und ein dichter und artenreicher Flechtenbewuchs auf Bäumen sehr gut möglich, so die Experten.

Forschungs-Hotspot im Wald

Durchgeführt wurden die Untersuchungen in den Wäldern der Österreichischen Bundesforste (ÖBf), genau am Zöbelboden in den Nördlichen Kalkalpen (OÖ). Dort befindet sich einer der am besten ausgestatteten Forschungsstandorte Österreichs und Europas mitten im Wald. „Die Forschungsfläche erstreckt sich auf rund 90 Hektar Wald und liegt mitten im Karst des Reichraminger Hintergebirges“, erklärt Rudolf Freidhager, Vorstand der Österreichischen Bundesforste, die Bedeutung dieses einzigartigen Forschungsgebiets. Für die aktuelle Erhebung wurden in aufwändiger Feldarbeit in Steilgelände die Flechtenvorkommen auf rund 100 Bäumen untersucht, Arten gezählt, vermessen und Schadbilder aufgenommen. Im Vergleich mit einer Bestandsaufnahme von 1993 zeigt sich, dass einige Flechtengesellschaften nicht mehr oder nur mehr rudimentär vorhanden sind. Von den seltenen Arten war fast keine mehr anzutreffen. Lediglich von der Lungenflechte konnten noch einzelne Exemplare vorgefunden werden, die jedoch stark geschädigt oder fast abgestorben waren. „Von den ursprünglich 88 verschiedenen Flechtenarten waren bereits 16 Flechten nicht mehr festzustellen“, beschreibt Umweltbundesamt-Geschäftsführerin Monika Mörth die Situation. „Ökosystemmonitoring hat am Zöbelboden lange Tradition. So detaillierte Aufzeichnungen sind einzigartig. Was wir hier messen und beobachten, liefert uns auch Hinweise für die Entwicklung an anderen Waldstandorten in Österreich und in Europa.“

ÖBf

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