Schwarzwald-Idyll mit starkem Auto
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Kraft und Köpfchen

30. September 2019

Matthias Hammann gehörte 2012 zu den allerersten Fahrern des Ratioplus-Lenksystems für Langholzfahrzeuge von Doll Fahrzeugbau. Das Holztransportunternehmen der Familie Hammann hat ihren Sitz in derselben Region wie der Fahrzeugbauer, im nördlichen Schwarzwald. Was liegt näher, als sich die Technik direkt von ihm anhand seines neuen Autos erklären zu lassen?

Es geht nicht anders: Für diesen Beitrag müssen wir ein paar Klischees bedienen – dicke, lange Schwarzwaldtannen in einer idyllischen Landschaft mit glasklaren Bächen und gewundenen Bergsträßchen – das volle Programm. Es kommt nicht von ungefähr, wenn sich in diesem Landstrich überproportional viele Holz-Lkw mit starker Motorisierung und schweren Kranen finden. Sie werden wirklich gebraucht.

Matthias Hammann fährt in dieser Szenerie nun schon seit 25 Jahren Holz. Sein Vater Paul hat den Betrieb vor über 50 Jahren begründet, heute führt er die GmbH zusammen mit seiner Frau, seinem Bruder Armin, seinem Neffen Benjamin und zwei weiteren Fahrern. Als eingefleischter Mercedes-Pilot konnte er sich zuletzt nicht mehr recht mit dem Design des Arocs anfreunden. Der Bruder fuhr schon seit längerem Scania und so ließ er sich schließlich überzeugen. Sein neues Auto ist ein V8 – nicht der ganz große R 730, aber auch als R 650 besitzt der 16-l-Motor mit 478 kW und 3 300 Nm kaum weniger Power. Dafür kommt er ohne Abgasrückführung aus und das macht sich im Spritverbrauch doch bemerkbar. Beim Kran hingegen gab es keine Kompromisse: Der Palfinger-Epsilon S 300 L ist das Stärkste, was es im Moment auf dem Markt zu kaufen gibt. Als Einfach-Teleskop mit 8,6 m Reichweite bringt er es auf ein Hubmoment von 280 kNm. Das kann kein Z-Kran auch nur annähernd leisten, deswegen gab es notgedrungen die Langarm-Variante für die man leider den ungeliebten Dach-Einschnitt in Kauf nehmen muss, damit die Fahrzeughöhe wieder passt. Ansonsten legen die Hammänner nämlich durchaus Wert auf die Optik: Die Grundfarbe ihrer Fahrzeuge ist ein spezieller Grünton, mit reichlich kontrastierendem Rot, bis hin zu den Naben der Aluräder. Auch an Chrom und eloxierten Riffelblechen wurde hier nicht gespart, ebensowenig wie an LED-bestückten Lampen. Der hochgelegte Auspuff mag im Kranbetrieb gar nicht so optimal sein – er sieht auf jeden Fall bärenstark aus. Nebenbei liefert er einen guten Beweis für die Sauberkeit der neuen Motorengeneration: Auch nach mehrmonatigem Einsatz des Fahrzeugs glänzt das Rohr innen noch wie fabrikneu. Ansonsten findet Matthias an seinem neuen Auto vor allem das Opticruise-Getriebe „gigantisch“, das mit seinen ultraschnellen Schaltzeiten im Offroad-Modus seinesgleichen sucht.

Das Beste aus zwei Welten

Ansonsten sind wir ja heute unterwegs, um die Besonderheit der Ratioplus-Lenkung zu erfahren. Das soll eine kluge Kombination aus Selbstlenker und Zwangslenker sein, steht im Prospekt. Dazu müssen wir aber diese Begriffe erst einmal klären. Beim weitverbreiteten Selbstlenker befindet sich das ganze Lenksystem innerhalb des Nachläufers. Die Verdrehung des Schemels durch die aufliegenden Stämme steuert zwei Hydraulikzylinder an, die dafür sorgen, dass die vorderen Räder entsprechend einschlagen. Diese Technik ist einfach aufgebaut, entsprechend leicht und hat einen geringen Verschleiß zur Folge. Leider entwickelt der Selbstlenker – nomen est omen – bisweilen ein gewisses Eigenleben und muss auf engen kurvigen Waldstraßen häufig mit Hilfe einer Zusatzlenkung vom Fahrer aktiv im Zaum gehalten werden. Bei Vollbremsungen neigt die Fuhre zudem dazu, hinten seitlich auszubrechen.

Beim Zwangslenker dagegen, in den 1970er Jahren von der Firma Huttner im Holztransport eingeführt, wird der Lenkimpuls vorne am Lkw-Schemel erzeugt und über Hydraulikleitungen nach hinten weitergegeben. So läuft der Wagen sehr sauber in der Spur der Zugmaschine. Die aufwändige Technik ist jedoch schwer und die zwanghafte Führung bedeutet eine höhere Belastung für Achsen und Reifen.

Der Ratioplus von Doll schließlich vereinigt beide Steuerungssysteme in sich. Bei langsamer Fahrt oder im Rückwärtsgang bekommen die Lenkzylinder im Nachläufer ihre Befehle anhand von Winkelsensoren im Lkw-Schemel. Das Fahrzeug läuft in der Spur wie ein Zwangslenker. Ein Nachkorrigieren per Hand ist dabei so gut wie nicht mehr notwendig, zumal die moderne Technik auch den Abstand zwischen Zugmaschine und Nachläufer mit einberechnet. Auf Knopfdruck, oder ab einer Geschwindigkeit von 35 km/h automatisch, wird der Ratioplus-Zug zum Selbstlenker. Bei höheren Geschwindigkeiten auf öffentlichen Straßen läuft die Fuhre somit ein ganzes Stück leichter und die Ladung schwenkt auch weniger aus als im Spurläufer-Modus. Natürlich hat die komplexe Steuerungstechnik ihren Preis. Sie lässt sich auch nur schwer in ein bestehendes Fahrzeug nachrüsten. Aber der Umgang mit einem 25 m langen Gespann im winkligen Geläuf des Schwarzwalds wird damit schon sehr erleichtert.

Genussvolle Tour

Von alledem bekommt man als Mitfahrer bei Matthias Hammann kaum etwas mit. Es fällt nur auf, mit welcher Mühelosigkeit, ja fast Eleganz er die riesigen Stämme an die jeweils richtige Stelle bugsiert. Der mächtige Kran trägt da natürlich viel dazu bei, aber auch der will erst einmal so virtuos bedient werden, wie das hier der Fall ist. Beim Sägewerk Pfeifle in Schorrental endet unsere Tour und die Schwarzwaldriesen sind eben so schnell wieder abgeladen, wie sie vorher auf den Wagen kamen.

Heinrich Höllerl