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Ist der Wald in Deutschland zu alt für den Klimawandel?

Kommentar: Deutscher Wald zu alt für den Klimawandel?

Kommentar der Arbeitsgemeinschaft Rohholz e. V. (AGR) zu den Ergebnissen der Kohlenstoffinventur 2017: Deutschland hat viel Wald und Holz im Überfluss – letzteres allerdings nur theoretisch. Die Kohlenstoffinventur 2017 zeigt, dass tatsächlich weniger genutzt wurde, als für den Wald gut wäre. Der Wald ist zu alt, um auf Klimaveränderungen reagieren zu können.

Die Forscher des Thünen-Instituts veröffentlichten die Ergebnisse der Kohlenstoffinventur 2017 und fassen die Ergebnisse wie folgt zusammen: Es gibt mehr alte und dicke Bäume, der Laubbaumanteil wächst, der Holzvorrat ist gestiegen. Der Anstieg des Holzvorrats hat sich beschleunigt, weil deutlich weniger Holz, insbesondere Fichte, genutzt wurde.

Auf den zweiten Blick

Dr. Denny Ohnesorge, Geschäftsführer der AGR, der Rohstoffgruppe der Holzindustrie, wirft einen zweiten – kritischen – Blick auf die Ergebnisse der Kohlenstoffinventur. Grundsätzlich sind die Kernaussagen positiv: Eine forstliche Übernutzung der Wälder, wie in einigen tropischen Regionen, brauchen wir in Deutschland nicht zu befürchten. Die Bewertung der Ergebnisse fällt jedoch auch vor dem Hintergrund der aktuellen Waldschäden differenzierter aus. Die Kohlenstoffinventur zeige wie schon die letzte Bundeswaldinventur aus dem Jahr 2014 eines ganz deutlich: „Der deutsche Wald hat ein demographisches Problem: Er ist zu alt und zu dick!“

Denn so positiv die ökologische Entwicklung der Wälder grundsätzlich ist, offenbaren die Ergebnisse auch ein zunehmendes Problem im Klimawandel: „Alte Bäume sind ökologisch wertvoll, aber alte Wälder sind auch besonders anfällig gegen Klimastress infolge langer Dürreperioden wie wir sie in den letzten beiden Jahren erleben mussten“, so Ohnesorge. Dies zeigen die Borkenkäfer- und Dürreschäden, welche deutschlandweit über alle Baumarten, aber besonders in älteren Wäldern zu verzeichnen sind. Diese Schäden und die nachfolgenden hohen Schadholznutzungen sind von der Kohlenstoffinventur noch nicht erfasst.

Verjüngung des Waldes für eine schnellere Anpassung

Die Extremwetterereignisse machen deutlich, dass der Wald mehr noch als bisher gemischt und mit Baumarten verjüngt werden müsse, die die Auswirkungen des Klimawandels voraussichtlich besser vertragen. In den letzten zehn bis fünfzehn Jahren wurden viel zu wenig junge Bäume nachgezogen.

Aktuell ist die Forst- und Holzwirtschaft im Ausnahmezustand, da viele Wälder infolge der Dürre absterben und in kurzer Zeit viel Rohholz auf dem Markt kommt. Für die Industrie ist ein solch hoher Schadholzanfall von großem Nachteil, denn sie ist auf eine kontinuierliche und planbare Versorgung angewiesen. Die Qualität von Schadholz ist tendenziell geringer und die Verarbeitungskapazitäten sind begrenzt. Für die kommenden Jahre befürchtet die AGR in den Schadholzregionen einen deutlichen Rückgang der Rohholzverfügbarkeit. Deshalb setzt sie sich für ein besseres Risiko- und Krisenmanagement in der Forstwirtschaft ein.

Verstärkte Nutzung alter Wälder in Normaljahren

Die AGR fordert deshalb ein Umdenken: Es sollten in Normaljahren mehr alte Wälder genutzt und der Wald mit geeigneten Baumarten verjüngt werden. Nur so kann die Leistungsfähigkeit und Vitalität des Waldes im Klimawandel verbessert und Schadholzereignissen vorgebeugt werden.

Eine Zusammenfassung der Ergebnisse des Thünen-Instituts finden Sie auf forstpraxis.de. Die ausführlichen Ergebnisse können Sie in der  Ausgabe 14/2019 von AFZ-DerWald nachlesen.

AGR/Red.

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