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Advaligno Klettersäge

Kletteraffe

Es gibt gute Nachrichten für alle Waldbesitzer und Forstunternehmer, die sich mit der Wertastung beschäftigen. Das Hochentastungsgerät der Firma advaligno aus Friedrichshafen könnte für ihre Aufgaben den Mechanisierungsschub bringen, den einst die Motorsäge oder die Harvester in der Holzernte gebracht haben.

Die Firma advaligno stellte Anfang April 2017 das Wertastungsgerät Patas 23/09 vor. Ihr Erfinder ist der Unternehmer und Konstrukteur Ernst Jordan aus Neustadt am Rübenberge, der über Jahrzehnte hinweg in ganz Deutschland Waldbäume wertgeastet hat. Sein wichtigstes Arbeitswerkzeug dafür war die legendäre Klettersäge KS 31 der Firma Fichtel & Sachs. Als die Produktion dieser Säge in den 1980er Jahren auslief, hat er noch jahrelang alte Geräte gekauft, um mit ihnen die Ersatzteilversorgung sicherzustellen. Die von einem Zweitaktmotor angetriebene KS 31 wurde um den Baumstamm geklappt, fuhr mit ihren acht luftbereiften Rädern in Spiralen den Baum hoch und trennte dabei mit einer fest montierten Kettensäge die Äste ab. „Über 6 000 Stück gab es damals allein in Deutschland“, erinnert sich Ernst Jordan. Richtig durchgesetzt hat sich die Wertastung mit ihr dennoch nicht. Zu oft verklemmte sich das Gerät oben am Stamm und musste mühselig mit einer Stange wieder heruntergeholt werden. Sie verursachte Stammschäden, in die Pilze eindrangen, und nicht zuletzt beschädigten ihrer Räder in der Saftzeit das Kambium, sodass sie nur im Winter eingesetzt werden konnte.

Ernst Jordan
Ernst Jordan erläutert die Funktionsweise der Patas 23/09 Foto: O. Gabriel

Wertastung rationalisieren

Schon in den 1990er Jahren begann Jordan daher, eigene Klettersägen zu entwickeln. Der eine oder andere Leser erinnert sich vielleicht noch an die LIGNA 2009, auf der Ernst Jordan eine Studie der „Hochentastungssäge Hase 35“ vorgestellte. Bei ihr fanden sich schon einige Elemente, die auch die heutige Entwicklungsstufe Patas 23/09 auszeichnen: vor allem die drei Vorschubbänder, die hydraulisch über ein separates Antriebs- und Trägerfahrzeug angetrieben wurden. Für die Entastung sorgten damals drei Kreissägeblätter. Das Gerät war allerdings zu sperrig und zu schwer. Und so entstanden seitdem weitere Prototypen, mit denen das Familienunternehmen im Laufe der Jahre rund 200 000 Bäume geastet hat.

Die Patas 23/09 entfernt die Äste jetzt mit fünf Entastungsmessern, wie man sie von Harvesteraggregaten kennt. Wie das funktioniert, das war bei der Vorführung in einer Lärchendurchforstung eindrucksvoll zu erleben: Zwei Bediener fahren das Astungsaggregat mit dem Antriebs- und Trägerfahrzeug in die Rückegasse und tragen es an den ersten markierten Baum. Sie klappen das Gestell auf, legen es um den Baum und verriegeln es wieder. Sind die Entastungsmesser an den Stamm gelegt, wird die Klettersäge per Funkfernbedienung den Stamm hoch geschickt. Für den nötigen Vorschub sorgen drei hydraulisch angetriebene Raupenbänder. Auch sie kennt man von manchen Harvesteraggregaten, nur dass sie die Vorschubkräfte nicht mit Stahlbändern, sondern mit rindenschonenden Gummiriemen übertragen. Und das geht rasend schnell: Brauchte die Klettersäge KS 31 für eine Astung bis auf 12 m Höhe locker fünf Minuten, ist die Patas 23/09 nur acht bis zehn Sekunden unterwegs. Ein echter Kletteraffe eben, wie es der vom Husaren- oder Patas-Affen entlehnte Name nahelegt. Sollte sich diese Geschwindigkeit in der Praxis bestätigen, dann wäre nach Auskunft von advaligno mit der neuen Klettersäge eine Arbeitsleistung von 30 bis 40 Bäumen pro Stunde möglich, bei optimalen Verhältnissen noch mehr.

Advaligno Klettersäge
Raupenantrieb und Entastungsmesser - ein völlig anderes Funktionsprinzip als die alten Klettersägen Foto: O. Gabriel

10 Sekunden für einen Baum

Das neue Gerät eignet sich für Stammdurchmesser von 23 bis 9 cm und bewältigt Aststärken bis etwa 3,5 cm. Die Anpassung an den Stammdurchmesser erfolgt einerseits über die federnd gelagerten Astungsmesser. Andererseits sitzen ein Vorschubband und zwei Entastungsmesser an einer beweglichen Parallelogrammkonstruktion, mit der Band und Messer immer mit dem nötigen Druck an den Stamm gepresst werden. Diese Konstruktion sorgt gleichzeitig dafür, dass die Messer leichten Krümmungen folgen und Stammverdickungen ausweichen können.

Bisher kann das gut 50 kg schwere Gerät nur mit zwei Personen eingesetzt werden. Die Entwicklung ist jedoch noch nicht ausgereizt. Auf der LIGNA 2017 soll eine Version stehen, die nur noch 45 kg wiegt und nach Vorstellung der Firma in Zukunft von einer Person bedient wird. Das Parallelogramm wurde bei ihr durch eine einfachere Konstruktion ersetzt. Zudem lassen sich die fünf Entastungsmesser jetzt pneumatisch verstellen. Das gilt auch für den Rahmen, der sich per Knopfdruck öffnen lässt. Für Kunden, die einen Traktor besitzen, wird advaligno außerdem eine Bauweise für den Betrieb aus dem Traktor-Dreipunktvorrichtung anbieten.

Zweimannarbeit?

Um Entwicklung, Produktion und Vertrieb voranzutreiben, hat die Familie Jordan im Oktober 2016 mit drei Partnern die Firma advaligno GmbH mit Hauptsitz in Friedrichshafen und einem Standort Nord in Wunstorf für die Forschung und Entwicklung gegründet. In ihr hat Ernst Jordans Sohn Tim die technischen Aufgaben in der Geschäftsführung übernommen, der im Moment auch Roland Priebe (Marketing, Vertrieb international), Alexander Streeb (Finanzen, Vertrieb Deutschland) und Bernd Buck angehören.

Der Preis für die neue Hochentastungssäge steht zwar noch nicht fest. Die Partner rechnen aber damit, dass sich die Kosten der Wertastung mit der Patas um bis zu 70 % im Vergleich zu Verfahren mit Hand- und Stangensägen sowie mit der Distelleiter reduzieren könnten. Große Hoffnungen setzt das Unternehmen neben der mitteleuropäischen Forstwirtschaft auf die weltweit im Vormarsch befindlichen Eukalyptus-Plantagen, in denen in der Regel sämtliche Bäume geastet werden.

Oliver Gabriel

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