Waldschutz

Kirschessigfliege richtet auch im Wald große Schäden an

Bearbeitet von Jörg Fischer

Die Kirschessigfliege ist vielen als Schädling in der Landwirtschaft bekannt. Eine Untersuchung der Kantone Zug und Zürich mit Beteiligung der Eidg. Forschungsanstalt WSL zeigt nun, dass auch das Ökosystem Wald von diesem invasiven gebietsfremden Insekt beeinflusst wird.

Früchte diverser Waldpflanzen sind stark befallen, was erhebliche ökologische Schäden zur Folge haben kann. Direkte Auswirkungen spüren auch Beerensammler: saftige Heidelbeeren und Holunderfrüchte sind Mangelware.

Die Kirschessigfliege – eine invasive Art

Die aus Südost- und Ostasien stammende, etwa 2,5 bis 3,5 mm große Kirschessigfliege (Drosophila suzukii) wurde 2008 nach Europa eingeschleppt. Seither verursacht sie massive Ernteausfälle im Obst- und Weinbau und hat dadurch viel Aufmerksamkeit erlangt. Der Fokus der Forschung lag bisher auf der Landwirtschaft und suggeriert, dass die Kirschessigfliege nur in landwirtschaftlichen Kulturen Schaden anrichten kann.

Invasive Arten – darunter versteht man eingeführte Arten, die sich rasch ausbreiten und Überhand nehmen – können natürliche Lebensräume sowie Ökosysteme verändern und heimische Arten verdrängen. Wie häufig die gebietsfremde Fliege in unseren Wäldern vorkommt, welche Früchte sie wie stark befällt und welche Auswirkungen dies auf das Waldökosystem hat, ist jedoch noch unzureichend bekannt. Deshalb haben die Kantone Zug und Zürich, wissenschaftlich beraten von der Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL, ein entsprechendes Projekt durchgeführt.

Welche Wirtsarten werden wie stark befallen?

Für die Studie hat das Ökobüro Biotopia von Mitte Juni bis Mitte Oktober 2020 an insgesamt 64 Stellen das Auftreten der Kirschessigfliege und die Schäden an Waldfrüchten untersucht. Insgesamt 12.000 Früchte wurden auf Eiablagen der Kirschessigfliege geprüft. Von 39 untersuchten potenziellen Wirtspflanzen waren die Früchte von 31 Pflanzenarten befallen.

Eiablagen an Schwarzem Holunder (Sambucus nigra): Zu sehen sind ein bereits geschlüpftes Ei sowie eine frische Eiablage mit heraushängenden Atmungsschläuchen.
Eiablagen an Schwarzem Holunder (Sambucus nigra): Zu sehen sind ein bereits geschlüpftes Ei sowie eine frische Eiablage mit heraushängenden Atmungsschläuchen.
Foto: Irene Bühlmann

Der Befall war bei manchen Waldpflanzen sehr stark: Bei 19 Pflanzenarten hatten die Fliegen in über 50 % aller Früchte Eier gelegt. Bei Beerensammler beliebte Waldfrüchte wie Brombeeren, Heidelbeeren, Himbeeren oder Holunderfrüchte waren auch für die Kirschessigfliege besonders attraktiv. „Die Auswirkungen sind massiv“, sagte Irene Bühlmann vom Ökobüro Biotopia. „Beim Schwarzen Holunder lag die Befallshäufigkeit bei 83 %. Das bedeutet, dass von den geschätzten 70.000 vorhandenen Holunderfrüchten auf allen Untersuchungsflächen vermutlich knapp 60.000 Früchte von der Kirschessigfliege befallen waren.“

In Insektenfallen in den Untersuchungsgebieten waren bis zu 95 % aller gefangenen Essigfliegen Kirschessigfliegen. Dies zeigt, wie häufig und extrem dominant die gebietsfremde Kirschessigfliege gegenüber einheimischen Fliegen ist.

Welche ökologischen Konsequenzen sind zu erwarten?

Von der Kirschessigfliege befallene Brombeeren (Rubus corylifolius agg.)
Von der Kirschessigfliege befallene Brombeeren (Rubus corylifolius agg.)
Foto: Irene Bühlmann

Das weiträumige Massenvorkommen der gebietsfremden Fliege in den Wäldern und der starke Befall von Waldpflanzen bleiben nicht ohne Folgen, erklärte Martin Gossner, Leiter der Gruppe Waldentomologie an der WSL, der die Studie wissenschaftlich begleitet hat: „Nebst den bekannten wirtschaftlichen Schäden in der Landwirtschaft verursacht die Kirschessigfliege ebenso ökologische Schäden im Wald. Sie reduziert die Nahrungsquellen fruchtfressender Tiere, die Samenausbreitung stark befallener Pflanzen und sie verdrängt einheimische Fliegenarten. Darüber hinaus macht uns die Kirschessigfliege das Sammeln schmackhafter Waldfrüchte madig.“

Durch die Eiablage zerstört die Fliege den mechanischen Schutz der Fruchthaut, wodurch die Frucht mit Mikroorganismen und Schimmelpilzen infiziert wird. Von diesen ernähren sich die Fliegenlarven. Der Befall beschleunigt den Zerfall, die Früchte verrotten und werden ungenießbar. Angesichts der großen Zahl von befallenen Beeren sind gravierende ökologische Folgen nicht auszuschließen. Viele Tiere wie zum Beispiel Vögel sind auf Früchte als Nahrungsquelle angewiesen und spielen zudem eine wichtige Rolle bei der Ausbreitung von fruchttragenden Pflanzen. Befallene Pflanzen erleiden deshalb einen erheblichen Nachteil für ihre Ausbreitung und ihr langfristiges Bestehen.

Die genauen ökologischen Auswirkungen sind noch nicht abschließend geklärt, ebenso wenig wie eine wirkungsvolle Bekämpfung der Fliege. Denkbar wären waldbauliche Maßnahmen wie die Förderung von Gehölzen mit Früchten, die sich für die Entwicklung der Fliege schlecht eignen, oder von natürlichen Gegenspielern im Wald. „Wir müssen besser verstehen, welche Faktoren die Kirschessigfliege begünstigen, um eingreifen zu können“, erklärte Gossner. Die neuen Erkenntnisse dieser Studie seien ein erster wichtiger Schritt zur Lösungssuche.

Quelle: WSL