Kantenschliff

Auf Kante geschärft

Dem sogenannten Kantenschliff für Sägeketten werden zugleich wahre Wunderdinge nachgesagt wie auch eine enorme Gefährlichkeit. Seit über 20 Jahren rät das Kuratorium für Waldarbeit und Forsttechnik (KWF) dringend vom Kantenschliff ab. Schnittschutzhosen wurden bei Schneidversuchen sehr früh durchtrennt. Das Thema war lange in der Versenkung verschwunden. Seit Kurzem tauchen aber vermehrt Videos und Forenbeiträge dazu auf.

Es gibt in Deutschland kein Verbot des Kantenschliffs. Viele große Forstbetriebe haben allerdings ihren Mitarbeitern den Einsatz untersagt. Die Hersteller vertreiben bei uns solche Produkte nicht. In der Schweiz oder den USA gibt es sie z.B. von Stihl. Die Absatzmengen sind aber minimal.

Vorteile

Durch die Schärfmethode entsteht eine geradlinige Schneide auch an der Flanke des Zahns. Damit sollen gerade beim Sägen schräg und längs zum Holz die Fasern viel leichter durchtrennt werden. Zugleich sorgt die Seitenschneide für einen ruhigen Stechschnitt und weniger Kickback. Die steile Dachschneide hat eine bessere Standzeit, sagen die Fans.

Matthias Knörr beherrscht auch den Handschliff mit der Rechteckfeile. Das dauert aber sehr lange und erfordert extrem viel Übung Foto: H. Höllerl

Dabei müssen jedoch diverse Winkel peinlich genau eingehalten werden, die beiden Schneiden sich exakt in der Spitze des Meißelzahns treffen. Die korrekte Ausführung mit der Handfeile erfordert viel Übung und Geduld . Es gibt ein spezielles Schärfgerät mit jeder Menge Einstellmöglichkeiten, was auch viel Erfahrung fordert. Nach der Umrüstung auf europäische Netzspannung kommt so ein Apparat auf 1750 CHF.

Gefährlichkeit

Auch eine konventionelle Kette wird beim Vollgasschnitt vom Schnittschutz nicht aufgehalten. Die gebräuchliche Schutzklasse I bedeutet nur, dass eine auslaufende Kette mit einer Restgeschwindigkeit von 20 m/s die innerste Stoffschicht nicht durchtrennt. Wir haben an der Hochschule für Forstwirtschaft in Rottenburg einen eigenen Prüfstandslauf durchgeführt: Zwei professionell handgeschärfte Ketten und eine Werkskette gegen einen Kantenschliff. Das Ergebnis:

Auch sieben Lagen Schnittschutz hatten dem Kantenschliff nichts entgegenzusetzen. Die Kette ist noch tief in den Trägerschaumstoff eingedrungen Foto: D. Wolff

Trotz sieben Schichten Schnittschutzmaterial, hat die Kantenschliffkette nicht nur die gesamte Hose durchtrennt, sondern ist auch noch tief in den Trägerschaumstoff („das Bein“) eingedrungen. Der Highspeedfilm zeigt: Die Kantenschliffkette braucht gut doppelt so lange bis zum Stillstand und zieht dabei kaum Fäden.

 


 

Fazit: Viele Motorsägenunfälle, die heute glimpflich ausgehen, würden mit Kantenschliffketten zu echten Verletzungen führen. Steht diesem erhöhten Risiko überhaupt ein messbarer Vorteil gegenüber?

Schnittleistung

Unsere Schnittversuche im Holz brachten folgende Ergebnisse: Beim normalen Trennschnitt oder Stechschnitt (quer zur Faser)  gibt es keine Unterschiede zur Rundfeilung. Bei Schräg- und Längsschnitten ist die Kantenschliffkette jeweils rund 30% schneller. Schrägschnitte gibt es beim Fallkerbdach aber auch beim Entasten. Die erhöhte Standfestigkeit konnten wir nicht nachweisen, sie wurde aber bisher in allen Fachbeiträgen bestätigt.

Gut abgeschnitten?

Die Erkenntnisse sind sehr zwiespältig. Die Geschwindigkeit im Schräg- und Längsschnitt verspricht tatsächlich eine Mehrleistung. Dem gegenüber steht der hohe Aufwand beim Schärfen und ein deutlich erhöhtes Verletzungsrisiko. Ohne funktionierenden Schnittschutz kann man nicht mit gutem Gewissen zur Anwendung des Kantenschliffs raten.

Den vollständigen Artikel finden Sie hier.

Heinrich Höllerl

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