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Jörg Lunderstädt, Göttingen, LWF

Jörg Lunderstädt verstorben

Im Alter von 82 Jahren verstarb am 15. Oktober 2017 Jörg Lunderstädt, Professor i. R. für Forstzoologie und Waldschutz an der Georg-August Universität Göttingen und Leiter des gleichnamigen Instituts von 1989 bis 2000. Lunderstädt prägte durch seine über 30-jährige Forschungs- und Lehrtätigkeit an der Universität Göttingen den angewandten Waldschutz in Deutschland maßgeblich.

In Ettersburg bei Weimar als ältester Sohn des dortigen Forstmeisters geboren, wuchs Jörg Lunderstädt inmitten des Waldes in einem typischen Forsthaushalt auf und hatte folgerichtig von Kindesbeinen an den Wunsch, ebenfalls Forstmann zu werden. Lunderstädt besuchte bis Kriegsende die Hermann-Lietz-Schule in Ettersburg. 1947 floh die Familie aus der sowjetischen Besatzungszone und wurde zunächst im südniedersächsischen Escherode auf einem Bauernhof einquartiert. Später siedelte die Familie in eine Waldhütte am nahegelegenen Kahlenberg um. Lunderstädt besuchte in dieser Zeit das Hermann-Lietz Internat auf Schloss Buchenau. 1950 fand der Vater eine Anstellung als Forstmeister in Breisach und die Familie zog nach Baden. Nach dem Abitur in Freiburg studierte Lunderstädt Biochemie und Phytopathologie an den Universitäten Freiburg, Kiel und Göttingen. 1963 promovierte er an der agrarwissenschaftlichen Fakultät der Universität Göttingen im Institut für Pflanzenpathologie und Pflanzenschutz bei Prof. Fuchs zu dem Thema „Die Aktivität einiger Enzyme des Kohlenhydratstoffwechsels in Weizenkeimpflanzen nach Infektion mit Puccinia graminis tritici“.

Nach einem zweijährigen Forschungsaufenthalt in Winnipeg/Kanada kehrte er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an dieses Institut zurück und wechselt schließlich 1969 an das Institut für Forstzoologie der forstlichen Fakultät. Sein Forschungsfeld war die ökophysiologische Interaktion zwischen Wirtspflanze und Insekt, die er als wesentliches Steuerungsprinzip der Populationsdynamik phytophager Insekten verstand. In diesem Kontext entstand auch seine Habilitationsschrift „Zur Bestimmung der Nahrung als Abundanzfaktor für phytophage Insekten am Beispiel der Wechselbeziehung zwischen Fichte (Picea abies KARST.) und Gilpinia hercyniae (Hym., Diprionidae)“, die er 1979 bei der Forstlichen Fakultät der Universität Göttingen erfolgreich einreichte. Lunderstädt verband in seinem Forschungsansatz z. T. langfristig laufende Freilanduntersuchungen mit biochemisch/physiologischen Laboruntersuchungen und hatte dabei immer den forstpraktischen Bezug im Fokus. So richtete er am Brackenberg Versuchsflächen ein, die über 25 Jahre betreut wurden und in denen der Einfluss von Durchforstungsmaßnahmen auf die Waldschutzsituation analysiert wurde.

Universitäre Forschung war für Jörg Lunderstädt nie akademischer Selbstzweck, sondern immer durch den Anwendungsbezug zu legitimieren. Ein besonderes Anliegen war ihm daher auch die Zusammenarbeit der forstlichen Fakultät mit den Forstlichen Versuchsanstalten und den Forstämtern, die er als Institutsleiter konsequent ausbaute. Das Institut für Forstzoologie wurde, diesem Verständnis folgend, auf sein Betreiben hin, in den 1990er Jahren in das Institut für Forstzoologie und Waldschutz umbenannt.

Neben der Forschung war ihm auch die Lehre eine Herzensangelegenheit. Lunderstädt war ein brillanter Hochschullehrer, dessen Vorlesungen stets übervoll waren. Wenn die Studenten „mit den Füßen“ abstimmten, gingen sie in seine Vorlesung, die er bis auf wenige Ausnahmen immer selbst hielt. Diese Aufgabe nicht als unangenehme Pflicht auf Assistenten oder Doktoranden zu delegieren, gehörte für ihn zum Selbstverständnis eines Universitätsprofessors. Er hatte sein Wissensgebiet tief durchdrungen, wollte dieses Wissen weitergeben und hatte die Gabe, es auf unnachahmliche, begeisternde Weise vermitteln zu können. Sein Markenzeichen war sicher der Laborkittel, seine Arbeitskleidung, die er im Labor ebenso wie im Hörsaal trug und die seine Geschäftigkeit und die Ernsthaftigkeit seines Handelns unterstrich. Vorlesungen, Exkursionen, die Betreuung von Diplom- und Doktorarbeiten, der Kontakt mit seinen Studierenden bereiteten ihm bei all der Arbeit und Kraft, die damit verbunden war, Freude, die man spüren konnte und von der eine ganze Generation von Forstabsolventen profitieren durfte. Sein Wunsch, selbst Förster zu werden, erfüllte sich nicht – er wurde ihr Lehrer.

Privat war Jörg Lunderstädt Landwirt. In Meensen, einer kleinen Ortschaft in der Samtgemeinde Dransfeld, besaß er einen kleinen Bauernhof, bewirtschaftete etwas Grünland, hielt zwei Pferde und fuhr Kutsche. Dies entsprach seinem naturverbundenen Naturell und war für ihn der perfekte Ausgleich zur Verwaltungsbürokratie der Universität, der er als Institutsleiter unterworfen war. Hier lebte er mit seiner Ehefrau, zog drei Kinder groß und freute sich an drei Enkelkindern. Dienstliches und privates versuchte er streng zu trennen, musste allerdings schmunzelnd zugeben, dass er „beim Heu wenden, auch die ein oder andere wissenschaftliche Fragestellung wälzte“.

Jörg Lunderstädt war ein Mensch, der sich selbst nie besonders wichtig nahm. Er war bescheiden, prinzipientreu, stets voller Tatendrang, überaus gewissenhaft und exakt. Gleichzeitig konnte er herzhaft über sich selbst lachen. Jörg Lunderstädt starb nach mehrjähriger Krankheit, einer Krankheit, die ihn durch den zunehmenden Verlust seines Orientierungssinnes zu einem Schatten seiner selbst machte. In Erinnerung bleibt der Mensch, der im Licht steht.

R. Petercord/LWF

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