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Jarraff

Die Giraffe

Bei der „Jarraff“ aus dem amerikanischen Minnesota haben wir einen besonderen Superlativ: Es handelt sich dabei vermutlich um die höchste Forstmaschine der Welt. Der ellenlange weiße Hals ermöglicht es, Äste bis in einer Höhe von 23 m abzutrennen.

Die geländegängige Baumschneidemaschine ist vor allem darauf konzipiert, elektrische Freileitungen oder Oberleitungen der Bahn freizuschneiden. Dafür bringt sie ein ganz besonderes Feature mit: Der Ausleger besteht aus einem nicht-leitenden Glasfasermaterial. Deswegen muss für die Schneidearbeiten der Strom nicht abgeschaltet werden. Das ist ein großer Vorteil für die Auftraggeber der Familie Meinhardt im thüringischen Sonneberg. Ihrer HEB GmbH gehört dieses Ungetüm. In Deutschland waren sie die ersten, die den Vorteil dieser Technik erkannten. In Frankreich dagegen laufen schon über fünfzig dieser Maschinen.

Motormäßig ist bei diesem Gerät gar nicht so übermäßig viel Leitstung vonnöten: Der Vierzylinder von Cummins bringt 97 kW. Er muss ja auch nur ein Gewicht von knapp 11 t bewegen und das auch nicht allzu schnell: Für den Transfer von Baustelle zu Baustelle auf der Straße wären 8 km/h ein bißchen wenig, aber mit der Jarraff geht es direkt ins Gelände – auf Wunsch sogar noch mit 2,50 m langen Bandlaufwerken anstatt der vier Räder im Format 28 × 26 Zoll. Die verursachen dann sogar noch weniger Bodendruck.

Die Kabine der Jaraff ist immer leicht nach hinten gekippt. Seitwärts neigt sie sich zusammen mit dem Ausleger. So ist der Blick des Fahrers immer genau in der Flucht mit der Säge H. Höllerl

Trotz der enormen Auslage braucht die Giraffe keine zusätzlichen Stützbeine bei der Arbeit. Das ermöglicht es einem geübten Bediender, sogar während der Fahrt zu schneiden – ein nicht unerheblicher Geschwindigkeitsvorteil. Apropos Geschwindigkeit: Der erste Eindruck mag vielleicht sein, dass man mit einem einzelnen Sägeblatt mit gerade einmal 61 cm Durchmesser am Ende dieses langen Halses nicht sehr effektiv arbeiten kann. Die Darbietung von Eckart Meinhardt belehrt uns schnell eines Besseren: Geradezu virtuos fährt er mit seinem Skalpell in einer fließenden Wisch-Bewegung an den Bäumen entlang und kappt die gewünschten Äste im Handumdrehen. Dabei hilft ihm, dass die Konstrukteure sehr genau auf die Sichtachse geachtet haben. In der Kabine, die immer leicht nach hinten gekippt ist, hat der Fahrer einerseits eine sehr entspannte Sitzposition und andererseits blickt er genau in der Flucht des Auslegers – sogar dann, wenn er diesen zur Seite dreht – dann neigt sich der Oberwagen samt Führerhaus gleich mit. Das ermöglicht eine enorm präzise Arbeitsweise. Bei den neuesten Modellen der Jarraff lässt sich das Sägeblatt zusätzlich noch um jeweils 90° nach links und rechts verdrehen. Für besonders saubere Schnitte im korrekten Astwinkel bei der Baumpflege wäre das wichtig, aber bisher hat Meinhardt diese Funktion bei seiner Giraffe noch nicht vermisst.

Aus dieser Perspektive wirkt die Konstruktion fast zerbrechlich – aber der Eindruck täuscht: Das Glasfaserrohr des Auslegers ist leicht und stabil zugleich H. Höllerl

Was wären die Alternativen? Baumkletterer oder Hubsteiger verursachen zwar weniger Kosten, obwohl der Personalaufwand beträchtlich ist. Von der Arbeitsgeschwindigkeit können sie bei weitem nicht mithalten. Aus Sicherheitsgründen muss die Leitung hier auch immer stromlos geschaltet werden. Deutlich schneller kommt man mit Gehängesägen am Helikopter voran. Abgesehen von den enormen Maschinenkosten ist „im Vorbeifliegen“ jedoch ein so feinfühliges und zielgerichtetes Arbeiten wie mit der Auslegersäge nicht möglich. Das ist aber durchaus manchmal vonnöten, gerade wenn Äste schon sehr nah an die Freileitungen heranreichen. Da gilt es auch mit dem isolierten Arm gut aufzupassen. Auch wenn es zum Boden hin keinen Kurzschluss geben kann – durchtrennt man mit 3 500 U/min so ein Kabel, wird es im Nachbarort trotzdem dunkel. Das Gleiche kann im Übrigen passieren, wenn ein Ast sich über zwei Kabel zugleich legt. Da würden mit lautem Knall im Umspannwerk die Sicherungen fliegen.

Selbst bei direktem Kontakt mit den Hochspannungsleitungen passiert nichts – nur durchschneiden sollte man sie nicht E. Meinhardt

Die Firma HEB hat sich bis vor einigen Jahren auch mit mechanisieter Holzernte beschäftigt. Doch auch im Thüringer Wald machte sich irgendwann der allgemeine Preiskampf bemerkbar. Auf der Messe Interforst 2014 sah Eckart Meinhardt diese außergewöhnliche Maschine und witterte schnell die Chance, mit seinem Betrieb in eine interessante Nische auszuweichen. Seit zwei Jahren läuft die Giraffe jetzt in Thüringen und Nordbayern. Die Harvester und Forwarder sind verkauft. Weiter weg müssen die Meinhardts im Prinzip nie fahren, denn das Potenzial ist gewaltig. Allein für die Stadtwerke Sonneberg sind es schon viele Kilometer Stromleitungen, die zu pflegen sind, von den kleinen Bahnstrecken in der Region gar nicht zu reden. Trotzdem gibt es bisher kaum Konkurrenz. Auch nicht auf technischer Seite: Neben diesem amerikanischen Hersteller, der die Jarraff in dieser Form schon seit vielen Jahren herstellt, baut nur die Firma Eliatis in Frankreich neuerdings auf ihren Chaptrack-Geräteträger einen ähnlichen Teleskoparm auf.

Heinrich Höllerl

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