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Bitte zum Diktat!

Über Digitalisierung in der Forstwirtschaft kann man lange philosophieren und diskutieren. Der bessere Weg ist möglicherweise: einfach machen! Am Forstbetrieb von Franckenstein im mittelfränkischen Ullstadt läuft schon sehr viel digital. Ganz ohne obrigkeitliche Vorgaben oder Berührungsängste auf der anderen Seite.

Digitalisierung „von unten“ wäre vielleicht ein guter Begriff, für das was hier im Forstbetrieb gerade stattfindet. Es ist nämlich nicht der Waldbesitzer, Freiherr Paul von und zu Franckenstein, der die Verwendung der modernen Technik für seinen Förster Manuel Neubauer verordnet hat, sondern genau umgekehrt: Neubauer hatte schon 2007 – da war er noch gar nicht mit dem Studium fertig – bei einem Praktikum in Kanada mit digitalen Forstplanungstools gearbeitet.

Was in den Weiten Nordamerikas funktioniert, kann auch in einem deutschen Forstbetrieb hilfreich sein, zumal wenn rund 1 500 ha Wald sich als Splitterbesitz über mehrere Bundesländer verteilen. Ein einzelner Förster kann da extrem viel Zeit auf der Straße verbringen. Oder er sorgt dafür, dass möglichst viele Informationen digital vorliegen und leicht mit Mitarbeitern und Unternehmern geteilt werden können.

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Als Neubauer 2012 gleich nach der Anwärterprüfung hier als Revierleiter anfängt, überzeugt er seinen neuen Chef sehr schnell, ein Topcon-GPS-Gerät und die Software Arcpad anzuschaffen. Das Hauptargument damals war die Vielzahl an forstlichen Förderanträgen, für die man jeweils präzise Flächeneinmessungen brauchte. Seit ziemlich genau einem Jahr ist der 37-Jährige auf die Software LogBuch von SDP umgestiegen, einer Tochtergesellschaft von Stihl.

Bei Forst & Technik haben wir zwar schon ein paar Mal kurz über das digitale Erfassungs- und Planungstool LogBuch berichtet. Bisher hatten wir aber noch nicht die Gelegenheit, mit einem echten Anwender zu sprechen. Auf unsere vorsichtige telefonische Anfrage hin, was der Betrieb denn damit heute so abbilde, lautet die prompte Antwort: „Alles!“ – Na, da sind wir doch mal gespannt …

Die Region gehört mit zu den wärmsten und trockensten von ganz Bayern und so verwundert es auch nicht, wenn unser Rundgang durchs Revier bei einigen Borkenkäfer-Kahlflächen beginnt, die wieder aufgeforstet werden müssen. Auch heute sind die dazugehörigen Förderanträge wieder ein großes Thema. Die Präzisions-Satellitenempfänger à la Topcon waren früher eine ziemlich kostspielige Angelegenheit mit vierstelligen Einstandspreisen. „Ich mach das heutzutage alles mit dem hier“, sagt Manuel Neubauer und zieht ein Handy aus der Hosentasche.

Der Multiempfänger erkennt auch die russischen, chinesischen und japanischen Satelliten Foto: H. Höllerl

Zugegeben, für ein Smartphone ist das CAT S 61 ziemlich groß geraten, zumal das Outdoormodell hier auch noch in einer zusätzlichen Schutzhülle steckt, mit der sich der Apparat auch direkt an den Gürtel hängen lässt. Aber dieses Modell verfügt über eine ganz wesentliche Besonderheit: einen Multi-Satellitenempfänger. Während unsere gebräuchlichen Telefone oder auch die Fahrzeugnavis üblicherweise nur mit dem amerikanischen GPS-System kommunizieren, empfängt das S 61 ebenso die russischen GLONASS, die chinesischen Beidou, die japanischen QZSS, die europäischen Galileo-Satelliten und noch ein paar andere. Während wir hier so am Waldrand stehen, wären für die Positionsbestimmung 35 Signale verfügbar, von denen die Software aber nur ein Dutzend benutzt, um damit auf einen PDOP-Wert von 1,0 zu kommen. Der gibt die Genauigkeit der Position an. Für die Anforderungen der Förderrichtlinien ist ein Wert <5 erforderlich. „Damit hatte ich noch zu keinem Zeitpunkt ein Problem“, sagt Neubauer. Der Zusatz-Empfänger ppm 10xx, den die Firma SDP als Ergänzung zu anderen Smartphones oder Tablets empfiehlt, verspricht zwar auf Wunsch eine noch höhere Genauigkeit bis in den Dezimeter-Bereich, aber dafür ist er mit über 2 000 € auch ganz schön teuer, muss separat angeschlossen, mit Strom versorgt und herumgetragen werden. Das CAT S 61 kostet zwar auch rund 750 €, hat aber alles was benötigt wird dabei, insbesondere einen sehr großen Akku mit 4 500 mAh. Trotzdem liegt im Auto immer eine Powerbank für sehr kalte Tage.

Stückzahlen ermitteln

Manuel Neubauer erhebt auch auf den Pflanzflächen die zukünftigen Rückegassen – der Forstbetrieb arbeitet seit einigen Jahren sehr viel mit Containerpflanzen wegen der hervorragenden Anwuchserfolge. Die kosten in der Beschaffung relativ viel Geld, deswegen möchte er die benötigten Stückzahlen im Vorfeld möglichst genau wissen.

Verortung und Vernetzung

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Beim Einmessen von Polterplätzen für die Holzabfuhr verifiziert Manuel Neubauer die Koordinaten lieber direkt vor Ort Fotos: H. Höllerl

Wir laufen weiter den Waldweg entlang. In der Forstwirtschaft geht es eigentlich permanent darum, wo irgendwelche Tätigkeiten stattfinden soll, um eine klare Verortung. Als nächstes kommen wir an einigen Holzpoltern vorbei, die zur Abfuhr vorgesehen sind. Der Förster sprüht die entsprechende Losnummer an und erfasst die Holzdaten nebst Koordinaten im Gerät. Wie kommen die Informationen jetzt zum Holzfahrer? Bei den großen Industriekunden hat er mit dieser Fragestellung ja meist nichts zu tun, aber wie läuft es bei den kleineren Sägern? Von einem allgemein üblichen Standardverfahren zur Weitergabe solcher Daten kann ja weit und breit nicht die Rede sein. Vor der Investition in NavLog-Geräte schrecken die meisten Spediteure immer noch zurück. Eine persönliche Einweisung der Fahrer kann Manuel Neubauer sich zeitlich nicht leisten.

An der prompten Antwort merkt man sofort, dass wir es hier mit jemand zu tun haben, der Lust auf die neuen Technologien hat und auch selber Ideen dazu entwickelt: „Im schlimmsten Fall erzeuge ich eine PDF-Karte mit den Polterplätzen und schicke sie dem Fuhrmann. Aber wir haben herausgefunden, dass es dafür einige kostenfreie oder zumindest ganz günstige Apps gibt. Mit GPX-Viever oder Outdooractive können die Fahrer meine GPX-Daten direkt einlesen und sich auf der digitalen Karte bis zu den Holzstapeln lotsen lassen.“

Verstreuter Hiebsanfall

Auf unserem weiteren Weg kommen wir an einigen Einzelwürfen vorbei. Sturm Sabine hat nicht übermäßig viel Schaden angerichtet, aber gerade bei so einem verstreuten Hiebsanfall war die Informationsweitergabe an die Waldarbeiter früher extrem aufwändig. Neubauer nimmt hier noch nicht mal sein Smartphone aus der Tasche – mit einem Grinsen drückt er auf seine Armbanduhr und diktiert: „Kalamität-Sturmwurf-Douglasie-BHD 23!“ Natürlich ist das nicht wirklich seine Armbanduhr, sondern der Bluetooth-Auslöseknopf für die Logbuch-Spracheingabe. Die Entwickler hatten eigentlich vorgesehen, dass man diesen an den Griff der Sprühdose baut: „Ich habe oft bis zu vier verschiedene Farben dabei – damit müsste ich ständig wechseln. Da bin ich auf die Idee gekommen, das Ding einfach auf eine ausrangierte Uhr zu kleben. So habe ich es immer dabei, wenn ich es brauche.“

Den Auslöseknopf für die Logbuch-Spracheingabe hat Manuel Neubauer sich auf eine ausrangierte Armbanduhr geklebt Foto: H. Höllerl

Besonders hilfreich werden digitale Helfer immer dann, wenn die Informationsflüsse sich auch rückkoppeln und Datenbestände sich aktualisieren. Das ist bei der dargestellten Übertragung an die Holzfahrer noch nicht gegeben. Bei den eigenen Waldarbeitern, sehr schnell aber auch beim Forstunternehmer, rentiert es sich, eigene kleine Accounts innerhalb LogBuch anzulegen. Während die Lizenz für den Hauptarbeitsplatz knapp 90 € im Monat kostet, wären solche Mitarbeiterkonten schon für unter 20 €/Monat zu haben, je nach Rabattstaffel. Dann ist im Forstbüro aber beispielsweise sofort ersichtlich, wenn ein Käfernest aufgearbeitet bzw. gerückt ist. Hilfskonstruktionen mit unterschiedlichen Apps entfallen dann.

Maschinenkommunikation

Neubauer hat den Ehrgeiz, bei einer Hiebsplanung eine präzise Vorkalkulation zu machen. Insofern ist es für ihn selbstverständlich, bei der Auszeichnung die Daten der Entnahmebäume aufzunehmen. Dank Diktierfunktion sieht er das auch als keinen schlimmen Mehraufwand an. Den BHD der Stämme schätzt er zwar auch nur und kluppt nicht jeden einzelnen Baum, aber auch so liegen seine Massenabweichungen nur im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Für den Franckenstein´schen Betrieb gibt es noch keine digitale Forsteinrichtungskarte. Die wird gerade erst erstellt. Doch in vielen Beständen hat er die Rückegassen schon eingemessen. Für den Harvesterfahrer kann sich daraus eine Reihe von Vorteilen ergeben: Erstens weiß er genau, wieviel Arbeit zu erledigen ist und zweitens ist auf der digitalen Karte genau ersichtlich, welche Bäume wo zu erreichen sind.

Der Ponsse-Fahrer sieht sich selbst und weiß genau, wo er wie viele Bäume ernten muss Screenshot: Ponsse

Die Voraussetzung dafür ist auch hier wieder eine funktionierende Datenweitergabe. Das hat Neubauer schon mit mehreren Unternehmern und Maschinenfabrikaten ausprobiert. Mit seinem Stammunternehmer Frank Dennerlein und dessen Ponsse funktioniert das beispielsweise hervorragend. Die Shapefiles lassen sich ohne Weiteres im Ponsse-Optimap darstellen, der Fahrer weiß sofort, wo´s langgeht. Mit grünen Maschinen hingegen war die Kommunikation bisher noch nicht komplikationslos.

Nichts wird vergessen

Der Phantasie sind kaum Grenzen gesetzt: Mit sauber verorteten Fegestellen lässt sich auch die Bockjagd optimieren Foto: H. Höllerl

Als wir weitergehen, deutet der passionierte Forstmann plötzlich auf eine verfegte Douglasie, aktiviert seinen Sprechknopf und erfasst die Stelle im System: „Wir haben unsere Hochsitze kartiert und wenn ich im Frühjahr so etwas finde, kann ich meinen Jägern gleich einen Tipp geben, wo es vielversprechend ist, sich Anfang Mai zur Bockjagd hinzusetzen. Das hätte ich sonst bis zum nächsten Zusammentreffen längst wieder vergessen.“ Das gilt genauso für Schäden an Wegen und Jagdeinrichtungen, Habitatbäume oder notwendige Verkehrssicherungsmaßnahmen. All diese Informationen lassen sich vor Ort leicht aufnehmen, sammeln und später bei Bedarf auswerten.

Ist er denn uneingeschränkt glücklich mit dem Logbuch-System? „Es gibt natürlich immer etwas zu verbessern. Demnächst sollen wir eine Erfassung zur Schwammspinner-Prognose machen. Da fehlt mir zum Beispiel ein eigenes Symbol in der Karte. Die Eingabemasken für die verschiedenen Themen sind fest vorgegeben. Da würde ich mir eigene Gestaltungsmöglichkeiten wünschen. Aber auf der anderen Seite erzeugen zu viele Optionen bei anderen Usern vielleicht Befürchtungen, sie könnten etwas in der Datenbank kaputt machen. Das ist eine Gratwanderung.“ Aus vielen Gesprächen zum Thema Digitalisierung im Forst können wir Manuel Neubauer da nur beipflichten.

Heinrich Höllerl

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