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Dirk Wolff

Waldwirtschaft 4.0: Dirk Wolff, der Digitalisierer

Vor einem Jahr startete die Projektreihe Waldwirtschaft (WaWi) 4.0 an der Forsthochschule Rottenburg. Ende Februar gab es wieder einen großen Workshop mit Zwischenergebnissen. Es stellt sich heraus, dass manche Bretter noch schwerer zu bohren sind als ohnehin schon erwartet war.

In einer so traditionsverhafteten Branche wie der Forstwirtschaft ist der Weg ins Digitalzeitalter stellenweise noch etwas mühsamer als in anderen Wirtschaftszweigen. Das durfte auch Professor Dirk Wolff von der HFR Rottenburg im Laufe verschiedentlicher Umfragen und Erhebungen zu den Teilprojekten von WaWi 4.0 persönlich erfahren. In manchen Kreisen der baden-württembergischen Forstwelt hat er schon den Beinamen „Der Digitalisierer“ bekommen, der nicht immer nur positiv gemeint ist.

Dienstliche Anordnung

Zwischenzeitlich ist er auch nicht mehr uneingeschränkt der Meinung, dass man alle Mitarbeiter mit guten Argumenten und positiven Beispielen von der Vorteilhaftigkeit digitaler Tools überzeugen kann. Bei manchen Kollegen müsse man wohl tatsächlich auch den Weg der dienstlichen Anordnung gehen. Das gehört auch zu den Erkenntnissen, die beispielsweise bei einer Umfrage unter den Revierleitern von ForstBW zutage traten. Natürlich spielt die Altersstruktur mit dabei eine Rolle, wenn 60 % der Teilnehmer über 51 Jahre alt sind. Auch die aktuell laufende Forstreform im Land sorgt vielfach für Unsicherheit und Frustration. Trotzdem zeigt sich, dass unter den Befragten ein guter Teil extreme Individualisten sind, die sich als wenig technikaffine Digitalisierungsskeptiker neuen Arbeitsmethoden erst einmal schlicht verweigern. Das geht sogar so weit, dass einzelne Antwortgeber bei der Frage nach einer landesweiten Vereinheitlichung der Arbeitsmarkierungen im Wald die „künstlerische Freiheit bedroht“ sahen. Dass ein Forstunernehmer vielleicht froh wäre, wenn er sich nicht in jedem Revier wieder auf andere Signaturen und Farben einstellen müsste, kommt solchen Kollegen scheinbar nicht in den Sinn.

Zugleich wächst aber die Zahl der jungen Mitarbeiter, die als „digital natives“ von Kindesbeinen an mit Computertechnik vertraut sind. Für jene gehört eine vernünftige Digitalausstattung zum Teil schon wesentlich zu einem attraktiven Arbeitsplatz. Geld und Dienstwagen sind da gar nicht mehr primär im Fokus.

Hinzu kommt ein Phänomen, das man den „WhatsApp-Effekt“ nennen könnte: Die Messengerdienste sind allgegenwärtig und binden immer mehr Features ein. Im Alltagsleben wird es selbstverständlich, dass man sich gegenseitig Bilder, Tonaufnahmen, aber auch Internetlinks und seinen aktuellen Standort ohne großen Aufwand zuschicken kann. Treffpunkte, Arbeitsorte und sogar Polterkoordinaten werden auch im forstlichen Berufsleben schon so ausgetauscht. Plötzlich steigt die Akzeptanz dieser digitalen Kommunikation und zugleich die Erwartungshaltung, dass ein professionelles Tool bitteschön ähnlich komfortabel zu bedienen sein soll.

Digitale Hiebsplanung

Ein wichtiges Teilprojekt von WaWi 4.0 befasst sich mit der digitalen Hiebsplanung. Obwohl es im Prinzip schon länger Möglichkeiten gibt, die zu erwartenden Massen und Sortimente eines Hiebes, sei es planmäßig oder kalamitätsbedingt, im Vorfeld qualifiziert zu erheben, wird dieses Feld doch in den allermeisten Fällen sehr stiefmütterlich behandelt. Die Mengenangaben nach der Bestandesauszeichnung entspringen allzu oft dem reinen forstlichen Götterblick und der langjährigen Erfahrung und sind damit schnell mit gewaltigen Abweichungen behaftet. Aus Sicht der Wissenschaft ist es eine vergebene Chance, beim Auszeichnen, wenn man ja definitiv direkt vor Ort ist, man keine Informationen über die zu entnehmenden Bäume „mitnimmt“. Die Ansätze einiger Forstbetriebe in der Vergangenheit mit Vollkluppungen haben sich aber auf der Fläche nie etablieren können – hoher zeitlicher Aufwand und teilweise sogar die körperliche Belastung sorgten für eine schlechte Akzeptanz.

Käferkatastrophe

Die Käferkatastrophe der vergangenen Jahre hat mit verschiedenen Apps zur Erfassung und Verortung von befallenen Bäumen einen neuen Fokus auf die Möglichkeiten der Digitaltechnik erzeugt. Plötzlich merken viele Waldbesitzer und Förster, wie wertvoll es sein kann, präzise Daten zu haben, die sich auch aktualisieren, wenn die Prozesskette voranschreitet.

Am forstlichen Hauptstützpunkt Wental läuft seit Mai 2019 ein offener Versuch mit dem digitalen Erfassungssystem Logbuch, in dem, ausgehend von der Käferholzsuche, diverse Nutzungsszenarien über die gesamte Holzerntekette durchgespielt werden. Eine Besonderheit dieses Systems ist, dass die Datenerfassung nicht wie allgemein üblich über Tastaturen oder Touchscreen erfolgt, sondern wahlweise per Sprache. Der Nutzer aktiviert die Software über einen frei positionierbaren Bluetooth-Knopf. Dieser kann zum Beispiel an der Sprühdose befestigt sein. Dann diktiert er dem Programm die gewünschten Angaben: „Fichte – Käferbaum – BHD 34“.

Diese Daten werden direkt in der Datenbank gespeichert und mit den aktuellen Geokoordinaten verknüpft. Von den Entwicklern des Systems wird neben der Vielzahl an Anwendungsmöglichkeiten auch immer wieder die leichte und zeitsparende Spracheingabe hervorgehoben. Eine REFA-Studie der HFR mit 102 Bäumen und jeweils einer Erfassungszeit von 1,5 Stunden machte diesen Zeitvorteil auch sehr klar. Obwohl die unterschiedlichen Probanden bei der manuellen Eingabe schnell besser wurden, blieb doch bis zum Schluss ein deutlicher Abstand zum einfachen Aufsprechen. Doch das war nicht die gesamte Wahrheit: Vor allem bei starker Dialektfärbung funktioniert die Online-Spracherkennung nicht immer fehlerfrei und es muss später im Büro nachgearbeitet werden. Dafür kann der Erfasser seine eigene Tonaufnahme nochmal abhören und die korrigierten Daten manuell nachtragen.

Trotz solcher Hindernisse, die eine gewisse Bereitschaft erfordern, sich auf die neue Technik einzulassen, überwiegt in Wental bei den Akteuren der positive Eindruck. Vor allem die kommode Informationsweitergabe, wo Käferbäume aufzuarbeiten (oder später zu rücken) sind, kommt sehr gut an. Die Nutzer entwickelten sehr schnell auch Phantasie, wie sie das Logbuch-System im Vorbeigehen auch für weitere Datensammlungen einsetzen können, die erst später ausgewertet und genutzt werden, so zum Beispiel Angaben zu reparaturbedürftigen Hochsitzen oder Schlaglöchern in den Forstwegen (siehe dazu auch den Artikel ab S. 46). Eine Schnittstelle zum EDV-System des Landesforstbetriebes „Fokus 2000“ ist natürlich im Rahmen eines solchen Einzelversuchs nicht umgesetzt worden, insofern sind weitergehende Rationalisierungseffekte ausgeblieben. Beim Thema „genaue Hiebs-Vorkalkulation“ zeigte sich auch hier recht schön das Phänomen der forstlichen Individualität: Die Akteure sehen nicht so leicht einen persönlichen Benefit und schnell wird der zeitliche Aufwand kritisch oder überproportional hoch gesehen.

Wertoptimierte Aufarbeitung

Bei gleichzeitiger Aushaltung verschiedener Längen im PZ-Sortiment lässt sich die Wertschöpfung eines Hiebes verbessern. Studenten der HFR haben das für 40 Hiebsmaßnahmen bei ForstBW einmal simuliert und hochgerechnet. Die Erlössteigerungen liegen bei durchschnittlich 1,33 %, wenn man anstelle einer Fixlänge 4- und 5-m-Abschnitte aufarbeitet. Produziert man zugleich 3-, 4- und 5-m-Längen, steigen die Erlöse insgesamt um 2,01 %. Da wird schnell klar, dass dafür kaum Mehraufwand beim Rücken oder beim Transport entstehen darf, der diese Vorteile sonst schnell wieder auffrisst.

Diese Überlegungen stoßen jedoch in verschiedener Hinsicht an Grenzen: Die Säger bei uns sind aktuell in der Mehrzahl nicht gewillt, verschiedene Sortimentslängen gemischt anzunehmen. Zuwenig Kapazität bei den Sortierboxen ist ein häufig genanntes Argument. Holzfahrer geben zu bedenken, dass Kurzlängen mit 3 m den Stapel auf dem Lkw gefährlich destabilisieren und deswegen separat geladen werden müssen. So bleibt die skandinavische Methode „alles auf einen Haufen“ hierzulande erst mal ein Wunschtraum.

Heinrich Höllerl

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