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Beim urbanen Holzbau müssen in den Landesbauordnungen sieben- bis zehngeschossige Holzkonstruktionen durchaus möglich sein.

Impuls für urbanen Holzbau geht von Berlin aus

Holz erobert die Stadt! Dies ist die Botschaft des 2. Fachdialogs „Nachhaltiger Holzbau“, den die Berliner Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz und der Gesamtverband Deutscher Holzhandel (GD Holz) am 7. Mai 2018 in Berlin organisierten. Als Neuerung wurde die Tagung von einer Baustellenexkursion begleitet. Sie führte 40 Interessenten am Folgetag zu zukunftsweisenden Holzbauprojekten in Berlin-Adlershof und Potsdam.

Mit den drei Fachdialogen zur Holzbeschaffung aus nachhaltiger Waldwirtschaft 2015 und 2016 und zum Nachhaltigen Holzbau 2017 festigte das Land Berlin seinen Ruf als Modellstadt auf diesen Feldern. Nicht von ungefähr übernahm der Bund in seinem Bundesbeschaffungserlass das „Berliner Modell“. Im noch jungen Jahr 2018 sei man nochmals einen weiteren großen Schritt zur Stärkung des Holzbaus vorangekommen, waren sich Jürgen Klatt, Vorsitzender des Gesamtverbandes Deutscher Holzhandel (GD Holz), und Lutz Wittich, Stellvertretender Leiter der Berliner Forsten, in ihren Begrüßungsworten an die mehr als 100 Besucher des 2. Fachdialogs „Nachhaltiger Holzbau“ einig. Sie benannten drei wichtige Akzente mit Signalkraft für das gesamte Bundesgebiet:

  • Erstens beschloss das Land Berlin im März 2018 eine wegweisende Änderung der Berliner Bauordnung. So wird im § 26 eine neue Regelung zur einfacheren Genehmigung von Gebäuden aus Holz bzw. mit tragenden Teilen aus Holz eingeführt. Nach Baden-Württemberg bringt nun auch Berlin auf diesem Wege mehr Nachhaltigkeit in die Bautätigkeit und Bauindustrie.
  • Zweitens wird der Senat demnächst festlegen, dass zukünftig größere öffentliche Gebäude in Berlin nach dem Bewertungssystem „Nachhaltiges Bauen“ des Bundes errichtet werden und zumindest den „Silbernen Standard“ erreichen. In diesem Kontext soll auch verbindlich vorgegeben werden, dass bei baulichen Wettbewerben von öffentlichen Gebäuden der Baustoff Holz bevorzugt zu verwenden ist, sofern keine bauordnungsrechtlichen Vorschriften dem entgegenstehen.
  • Drittens errichtet das Land Berlin derzeit drei größere Schulen sowie 30 Kitas als Holzkonstruktionen. Bei der Schulbauoffensive mit einem Gesamtvolumen von insgesamt 5,5 Mrd. € sollen Schulen verstärkt in Holzkonstruktionsbauweise errichtet werden.

Der Holzbau ist in der Stadt angekommen

Die Novellierungen der Landesbauordnungen lobte Architekt Prof. Tom Kaden, Kaden und Lager GmbH, als „positiven Holzweg“. Der Holzbaupionier, der inzwischen an der TU Graz lehrt, sprach wie selbstverständlich von sieben- bis zehngeschossigen Holzkonstruktionen und bejahte damit die in seinem Vortragstitel „Urbaner Holzbau?“ involvierte Frage. Einen hohen Vorfertigungsgrad und das Gestalten in Serie benannte Kaden als Erfolgsfaktoren für eine konkurrenzfähige städtische Holzarchitektur. Gleichzeitig brach er eine Lanze für die Mischbauweise, weil es darum gehe, die jeweiligen Baustoffe dort einzusetzen, wo sie ihre Stärken haben,.

Öffentlicher Bau ebnet nachhaltigen Holzprodukten den Weg

Die Öffentliche Beschaffung als Motor für nachhaltigkeitszertifizierte Holzprodukte thematisierte Dipl.-Forstwirt Eugen Dickerhoff von Klöpferholz GmbH & Co. KG. Anhand von Zahlen und Warengruppenbeispielen zeigte er auf, dass heute ausreichend zertifiziertes Holz nach den Standards von PEFC und FSC für den Holzbau zur Verfügung steht. Mit 32,9 Mrd. € – das waren 2017 gut 28 % des Umsatzes im Bauhauptgewerbe – würden öffentliche Beschaffer einen starken Hebel in der Hand halten, so Dickerhoff.

„Holzbauten haben die geringste Mieterfluktuation“, lautete eine der verblüffenden Aussagen von Dipl.-Ing. Architekt Hans-Otto Kraus, Beiratsmitglied der Bundesstiftung Baukultur, im Rahmen seines Referates „Mehr, schneller, günstiger – Geht das mit einem Holzbau?“. Er begründete auf vielschichtige Weise, warum es oftmals lohnt, in Ausschreibungen dem vermeintlich teureren Holzbau-Konzept zu vertrauen. „Billig ist die teuerste Variante des Bauens. Entscheidend ist die Wirtschaftlichkeit über einen Zeitraum von 40 Jahren und mehr“, so Kraus. Die kurze, oftmals halbierte Bauzeit, die höhere Wohnzufriedenheit, die einfache Instandhaltung und Rückbaubarkeit seien wichtige Aspekte.

Neben der Nachhaltigkeitszertifizierung sei der Nachweis eines unbedenklichen Emissionsverhaltens für Bauprodukte ein wichtiges Marktzugangskriterium, führte Dipl.-Ing. Harold Neubrand unter der Überschrift „Holzbau emissionsarm“ aus. Neubrand wies darauf hin, dass eine mangelhafte Innenraumlufthygiene ein K.O.-Kriterium im DGNB-Bewertungsschema sei. Das Problem: Die im Bauprozess verwendete Vielzahl an Materialien und Produkten mache eine Prognose über die spätere Konzentration von Emissionen (Aldehyde, Terpene) in der Raumluft schwierig. Daher sprach er sich auch für die Vorlage von notwendigen Prüfzeugnissen für emissionsarme Holzprodukte, Beratungen, regelmäßige Überwachungen am Bau sowie Raumluftmessungen spätestens vier Wochen nach Fertigstellung aus, um die Vorgabe der Muster-Verwaltungsvorschrift Technische Baubestimmungen zu erfüllen.

Den Schlusspunkt im Theorieteil des Fachdialogs setzte Ulrike Oertel, Brandschutzexpertin bei Eberl-Pacan Architekten+Ingenieure Brandschutz, mit „Neue Entwicklungen zum Holzbau in den Bauordnungen“. Sie lobte die Vorreiterrolle Berlins und gab ihrer Hoffnung Ausdruck, dass bald auch Hamburg und danach weitere Bundesländer die Holzmassivbauweise mit sichtbaren Holzbauteilen (statt Kapselung) ab Gebäudeklasse 4 und 5 ermöglichen werden. Aus Expertensicht sei es längst möglich, auch mit Holz den notwendigen Feuerwiderstand zu gewährleisten und im Brandfall die Übertragung von Feuer und Rauch in andere Gebäudebereiche zu verhindern.

Holzbau zum Anfassen

Am zweiten Veranstaltungstag luden die Berliner Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz und GD Holz) zur Besichtigung von zwei ganz unterschiedlichen Holzbaustellen ein:

  • In der Newtonstraße in Berlin-Adlershof baut die kommunale Wohnungsbaugesellschaft drei Punkthäuser mit insgesamt 42 Wohnungen in Holz-Hybridbauweise. Fast 10 % der derzeit von der HOWOGE errichteten bzw. geplanten Gebäude werden mit dem Baustoff Holz umgesetzt.
  • Auf einem Grundstück am Waldpark in Potsdam errichten die Architekten Farid und Susanne Scharabi für eine private Baugruppe ein dreigeschossiges KfW-55-Projekt mit neun Eigentumswohnungen. Es handelt sich um einen Holzmassivbau auf einem Keller aus Stahlbeton.

GDH/Red.

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