Baum und Natur

Im besten Alter – die Fichte

Bearbeitet von Rainer Soppa

Mein Name ist Abies – Picea abies. Darauf lege ich Wert, gerade, weil die meisten Leute mich nicht wirklich kennen. Ich gehöre zu den Kieferngewächsen, werde aber oft lapidar als Tanne angesprochen. Dabei bin ich doch die Fichte.

Fichte - Picea Abies
Foto: Roloff/Dr. Silvius Wodarz Stiftung

In letzter Zeit scheinen sich die Menschen gegen mich verschworen zu haben. Sie sagen, ich würde nur in Monokulturen wachsen, nicht gut für die Natur sein und überhaupt würde ich hier nicht hingehören. Das glauben viele, obwohl sie doch nicht einmal meinen Namen kennen.

Gepflanzt wurde ich nach dem Krieg, weil ich so anspruchslos bin und schnell Bau-, Möbel- und Papierholz liefere. Das ist auch mein Lebensziel, meine Bestimmung. Ich habe keine Angst vor der Motorsäge. Im Gegenteil: wenn die Zeit gekommen ist, habe ich als Dachstuhl, Fensterrahmen oder Kommode so etwas wie ein ewiges Leben. Träumen nicht die meisten Menschen genau davon?

Aber zurück in mein Leben. Im Laufe der Jahre kamen Rehe und Rotwild und haben mir erst die Triebe abgebissen und später die Rinde vom Leib gerissen. All das habe ich mit ein paar kleineren Blessuren und Beulen überstanden. Aber was jetzt kommt, treibt mir die Sorgenfalten ins Gesicht. In den letzten Jahren war es so trocken, dass ich gerade so eben meinen Durst stillen konnte. An Wachstum oder das Anlegen von Reserven war gar nicht zu denken.

Im Sommer kamen dann Schwärme von Borkenkäfern und fielen über mich und meine Artgenossen her. Normalerweise wäre mir das relativ egal. Um die Verwandtschaft zu zitieren: Was juckt es eine Eiche, wenn sich eine Sau an ihr reibt? In normalen Jahren gehen mir diese Krabbeltierchen am Stamm vorbei. Ich ertränke sie einfach mit meinem Baumharz. Aber dafür habe ich nicht mehr genug Wasser. Millionen von meiner Art sind seit 2018 bereits gestorben.

Jetzt bin ich gerade mal 70 Jahre alt – im besten Baumalter also. Mir stellt sich die Frage, wie es weitergehen soll. Sehen die Menschen denn nicht, wie wir leiden? Schätzen sie nicht wert, was wir in den vergangenen Jahrzehnten für sie getan haben? Mir bleibt die Hoffnung auf einen verregneten Sommer und keine Stürme, damit ich mich wieder erholen kann.

Text: Rainer Soppa