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IKEA will nur noch FSC: Waldbesitzer wehren sich

Der schwedische Möbelkonzern ändert seine Strategie: Bis zum Jahr 2020 soll das Holz für IKEA-Möbel nur noch aus FSC-zertifizierten Wäldern stammen. Durch diesen radikalen Ausschluss anderer Label wird das größere Zertifizierungssystem PEFC benachteiligt.

Deutsche Waldbesitzer, die PEFC-zertifiziert sind, und Vertreter von Waldbesitzerverbänden sehen hierin nicht nur eine Gefahr für den Holzabsatz. Zugleich stellt das Vorgehen eine Diskriminierung der seit Generationen gelebten und umgesetzten nachhaltigen Waldbewirtschaftung dar.

FSC und der Möbelgigant IKEA spielen zu diesem Zweck über Bande: Zulieferer werden von IKEA mit der Aufforderung kontaktiert, sie sollten doch mehr FSC-Holz anbieten. Als Nächstes werden die Forstbetriebe von den Zulieferern informiert und aufgefordert, ihren Wald FSC-zertifizieren zu lassen. Es geht aber auch direkter: Über ein Schreiben an den Geschäftsführer des Waldbesitzerverbands (WBV) Brandenburg e. V., Martin Hasselbach, machte IKEA seine Forderung nach einer FSC- Zertifizierung deutlich.

Bei Gesprächen zwischen Holzabnehmern, Waldbesitzern, FSC- und IKEA-Vertretern zeigt sich oft alles andere als ein verständnisvoller Umgang. So sei der IKEA-Vertreter in einem solchen Gespräch doch „sehr erstaunlich“ aufgetreten, bezeugte Louis Graf zu Erbach-Fürstenau, Waldbesitzer und stellvertretender Vorsitzender der Familienbetriebe Land und Forst Hessen e. V.

Norbert Leben, Präsident des WBV Niedersachsen und Geschäftsführer der Forstwirtschaftlichen Vereinigung Nordheide, stellte nach einem solchen Meeting fest: „IKEA hat sich relativ ruhig verhalten, aber doch auch sehr bestimmt.“ PEFC werde als Gesprächspartner üblicherweise nicht zu diesen Gesprächen eingeladen. IKEA übe auf diese Weise „Druck der feinsten Art“ auf Waldbesitzer und Industrie aus. Ob dieses Vorgehen jedoch Erfolg hat, ist fraglich. Louis Graf zu Erbach-Fürstenau meint: „Wenn man Druck erzeugt, bedeutet das nicht unbedingt, dass die Leute dem auch nachgeben.“

Gründe

Warum sich IKEA plötzlich auf FSC beschränken will, scheint wenige, aber klar erkennbare Gründe zu haben. „Das Geschäftsmodell von IKEA ist auf einen rasant steigenden Möbelumsatz ausgerichtet, der einen enormen Ressourcenverbrauch mit sich bringt. Das dieses Geschäftsmodell von Umweltverbänden nicht infrage gestellt wird, ist für IKEA sehr wichtig“, erklärt Natalie Hufnagl-Jovy, Referentin für europäische und internationale Forstpolitik bei der AGDW und Vizepräsidentin von PEFC International.

„Dadurch, dass IKEA auf ein Zertifizierungssystem setzt, das von den Umweltverbänden unterstützt wird, verringert das schwedische Unternehmen mögliche Angriffspunkte. Inhaltlich gibt es nämlich keine Gründe, da die Waldbewirtschaftung sowohl bei FSC als auch bei PEFC nachhaltig ist.“ Louis Graf zu Erbach-Fürstenau sieht das genauso und vermutet: „Man ist als Firma, die sehr viel Holz verbraucht, vielleicht der Meinung, dass man weniger im Fokus steht, wenn man FSC-Holz benutzt.“

„IKEA sieht nicht mit den Augen des Waldbesitzers. Der Waldbesitzer muss noch ein Mitspracherecht haben, wie wir es z. B. durch die Beteiligung in allen Gremien bei PEFC haben. Ein Überstülpen von FSC wird schlecht ankommen. Deshalb bin ich sehr zurückhaltend. Es wird für meine Begriffe auch nicht gelingen, weil wir damit Gestaltungsrechte für das Eigentum aufgeben“, so Leben.

Zudem befördert IKEA mit seiner Strategie die sogenannte „Doppelzertifizierung“. Waldflächen, die bereits PEFC-zertifiziert sind, sollen zusätzlich nach den FSC-Standards zertifiziert werden. „IKEA stiehlt sich des Weiteren aus der Verantwortung, ernsthaft etwas zu nachhaltiger Waldbewirtschaftung beizutragen. Denn die eigentliche Herausforderung, die Forstzertifizierung weltweit weiter nach vorne zu bringen, wird hiermit nicht gelöst – global gesehen sind schließlich erst ca. 10 % aller Wälder zertifiziert, macht Natalie Hufnagl-Jovy deutlich. „Neueste Zahlen belegen, dass sich die Fläche doppelt zertifizierter Wälder seit 2012 fast verdoppelt hat.“

Kosten

Aus finanzieller Sicht kommt für die Mehrheit der Waldbesitzer, besonders die vielen kleinen Familienforstbetriebe, eine FSC-Zertifizierung nicht infrage, weil hier hohe Kosten entstehen. „Ich als kleiner Waldbesitzer kann und will mir das nicht leisten“, erklärt Norbert Leben. Die von FSC gewollte Flächenstilllegung von 5 % im Privat- und Kommunalwald habe einen geringeren Holzeinschlag zur Folge sowie den Verlust von Arbeitsplätzen und negative Folgen für die CO2-Bilanz. Das Problem dahinter: „Wir Waldbesitzer wollen einen integrativen Naturschutz und keine Flächenstilllegung, denn unser Ansatz ist die multifunktionale Forstwirtschaft auf ganzer Fläche. Wenn ich die erhöhten Verwaltungskosten und die Ertragsdifferenz dazunehme, ist das nicht unerheblich“, stellt Norbert Leben fest.

Eine von der Hessischen Landesregierung beauftragte Studie zeigt für HessenForst deutlich, dass eine FSC-Bewirtschaftung mit einem hohen Mehraufwand verbunden ist. Eine weitere Vergleichsstudie zu FSC und PEFC, die vonseiten IKEA und FSC propagiert wird, sehen viele eher skeptisch, da mehrere Untersuchungen bereits zu dem Ergebnis kamen, dass FSC erheblich teurer ist, obwohl die Systeme als vergleichbar anzusehen sind. Die Gleichwertigkeit von PEFC und FSC wird sowohl vom EU-Parlament (2006) als auch von der deutschen Bundesregierung in ihrer Beschaffungsrichtlinie von 2011 konstatiert.

Gegen eine FSC-Zertifizierung führen Waldbesitzer und Fachleute an, dass IKEA mit einem deutlichen Glaubwürdigkeitsproblem behaftet ist. Der schwedische Konzern will zwar, dass seine Zulieferer zertifiziert sind, jedoch ist das Unternehmen selbst nicht nach den Chain-of-Custody-Standards des FSC zertifiziert. WBV-Geschäftsführer Martin Hasselbach erinnert das an „neu-testamentarische Verhältnisse“: Wasser predigen, aber selber Wein trinken.“

IKEA müsse sich nun bewegen, so Norbert Leben. Solange sie nicht selbst FSC-zertifiziert seien, wäre dies Etikettenschwindel und schlicht unglaubwürdig.

Lösungswege

Doch was ist die Antwort auf all diese Bedenken? Könnten öffentliche Proteste einen Weg aus dem Dilemma darstellen? „Jemand, der diskriminierend auftritt, muss damit rechnen, dass er selbst kritisiert wird“, erläutert Martin Hasselbach. Proteste scheinen nur dann sinnvoll, wenn sie vorher gut durchdacht wurden. Man müsse auch sehr sorgfältig abwägen, welche Ziele man sich zu welchem Zeitpunkt auswähle, so Hasselbach. Gedanken machen sollte man sich auch über die Gestaltung einer solchen Protestaktion.

Wichtig ist für Natalie Hufnagl-Jovy, dass sie Aufklärungswert haben muss: „IKEA kann ein wichtiger Partner sein, der einen positiven Einfluss auf nachhaltige Waldbewirtschaftung weltweit haben könnte. Hierzu müsste der Fokus jedoch darauf liegen, die Gesamtfläche von FSC- und PEFC-zertifizierten Wäldern zu vergrößern, anstelle der momentanen Strategie, die letztlich nur dazu führt, dass bereits PEFC-zertifizierte Wälder zusätzlich noch FSC-zertifiziert werden.“ Eingängige Botschaften, die der Öffentlichkeit die kritische Lage aufzeigen, sollten somit zu einem Aufrütteln IKEAs führen, und dies nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern wie Litauen, der Tschechischen Republik und Frankreich, wo IKEA ebenfalls Druck auf Waldbesitzer ausübt. Das Auftreten von IKEA wird seitens der Waldeigentümer als arrogant und diskriminierend wahrgenommen, da es von keinerlei Respekt und Wertschätzung gegenüber der Entscheidungsfreiheit und dem seit Generationen geleisteten Engagement für nachhaltige Waldbewirtschaftung zeugt. Die von IKEA gesetzte Frist rückt näher. Das Auftreten von IKEA gegenüber dem PEFC-Holz erscheint Graf zu Erbach-Fürstenau nicht zielführend. „Ich finde es schade, dass IKEA sich so verrannt hat. Es wird der Sache nicht gerecht.“ Mit dem Beschluss des Konzerns, sich nur für ein Zertifikat zu entscheiden, werde das Anliegen von „mehr Nachhaltigkeit“ sogar infrage gestellt.

Den Waldbesitzern und -bewirtschaftern wird die Entscheidungsfreiheit genommen, sich das für ihren Betrieb passende Zertifizierungssystem auszusuchen. Ein glaubwürdiges Interesse an nachhaltiger Forstwirtschaft kann so nicht unter Beweis gestellt werden. Norbert Leben, Präsident des WBV Niedersachsen, bringt es auf den Punkt: „Es geht doch eigentlich um unseren Wald. Wir reden groß über Nachhaltigkeit und da darf es uns eigentlich nur um eine glaubhafte Zertifizierung gehen. Ob die nun FSC, PEFC oder California heißt, das ist am Ende des Tages vollkommen egal.

AGDW – Die Waldeigentümer

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