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Holzschwemme im Schweizer Wald

Stürme, Trockenheit und Borkenkäfer sorgten 2018 für eine Holzschwemme im Schweizer Wald. In den nächsten Wochen droht sich die Situation weiter zu verschärfen. Der Klimawandel bringt die Waldeigentümer in Not und verändert das Erscheinungsbild der Wälder rasanter als erwartet. WaldSchweiz, der Verband der Waldeigentümer, orientierte vor Ort im Wald bei Solothurn über die aktuelle Lage.

Im Schweizer Wald sind vergangenes Jahr schätzungsweise mehr als eine halbe Million Bäume abgestorben oder mussten zwangsweise gefällt werden. Und das Baumsterben geht weiter – schleichend und von vielen unbemerkt verändern sich die Wälder. Die Forstleute wissen kaum mehr wie ihnen geschieht.

Auch Förster Thomas Studer ist betroffen. Er leitet den Forstbetrieb Leberberg und bewirtschaftet 2.700 ha Wald von Bettlach bis Flumenthal am Solothurner Jurasüdfuss, wo das Informationstreffen stattfand. Auch hier geht es vielen Bäumen an den Kragen, neben der Fichte erstaunlicherweise auch der Weißtanne, die bisher als trockenheitsresistenter galt. Das gibt der Branche zu denken. Und es zeigt, die Auswirkungen des Klimawandels auf den Wald sind weniger absehbar als bisher angenommen.

17.000 m³ Schadholz sind in Studers Revier seit dem Sturm Burglind im Januar 2018 angefallen – hier ein Baum, dort eine ganze Gruppe, 90 % außer Programm. „Die geplanten Holzschläge können wir vergessen, wir rennen nur noch den notfallmäßigen Eingriffen hinterher“, sagt Förster Thomas Studer. Der längerfristige Waldbauplan ist über den Haufen geworfen. Und wie alle Förster sitzt er zurzeit wie auf Nadeln, denn mit jedem warmen und trockenen Tag steigt die Wahrscheinlichkeit für einen weiteren Borkenkäferbefall. Nachdem sich die Tierchen im vergangenen Jahr über mehrere Generationen vermehren konnten, rechnen die Spezialisten diesen Sommer mit wahren Invasionen der Baumschädlinge.

Wohin mit dem Holz?

Im Revier Leberberg warten wie anderswo grosse Stapel Baumstämme auf den Abtransport. Die Lager der Sägereien sind voll. Noch ist nicht einmal alles Schadholz vom vergangenen Jahr verarbeitet. Und die Schweiz steht nicht alleine da. Diverse Länder in Mitteleuropa sind betroffen. Durch die europaweite Schadholzschwemme, die allein 2018 etwa das 30-fache einer jährlichen Schweizer Gesamtnutzung betrug, fallen die Holzerlöse regelrecht in den Keller.

„Dadurch fehlen den Forstbetrieben noch mehr finanzielle Mittel, um unsere Wälder sorgfältig an die großen Veränderungen anzupassen“, sagt Markus Brunner, Direktor von WaldSchweiz. Für den Verband der Waldeigentümer ist zentral, dass jetzt alle Akteure der Schweizer Wald- und Holzbranche zusammenstehen und die Herausforderungen gemeinsam und koordiniert angehen. So geht der erste Appell von Brunner an die eigenen Mitglieder: Er erwartet von den Waldeigentümern, dass sie sich untereinander solidarisch zeigen und ihre waldbaulichen Tätigkeiten den außerordentlichen Umständen anpassen und soweit möglich aufeinander abstimmen. Konkret ist in Gebieten, die von Stürmen, Käfern oder Trockenheit verschont blieben, eine Reduktion der Holzernte geboten, damit der Markt nicht mit Holz überschwemmt wird.

Waldeigentümer zählen auf Solidarität

Von Bund und Kantonen erhofft sich WaldSchweiz die tatkräftige und kurzfristige Mithilfe bei der Gestaltung der Rahmenbedingungen für die Forstwirtschaft. Denn der Holzmarkt, die Witterung und erst recht die Borkenkäfer kümmern sich nicht um Kantonshoheiten oder Landesgrenzen. Die Waldeigentümer fordern deshalb, dass alle Forstschutzmaßnahmen und Aktionen, die den Holzmarkt betreffen, unter den Kantonen abgesprochen werden, basierend auf einer koordinierten Erfassung und Analyse der Schadholzsituation. Bei Bewilligungsverfahren und griffigen Sofortmaßnahmen erhofft man sich mehr Flexibilität und auch finanzielle Hilfe.

Auch auf die Unterstützung der Holz verarbeitenden Branche und der Holz-Endverbraucher ist die Waldwirtschaft angewiesen. Denn nur wenn genügend Holz abgesetzt und vermarktet wird, können die Waldeigentümer den Wald pflegen und schneller dem Klimawandel anpassen. Seitens der Holzwirtschaft braucht es dafür neue Lager- und Verarbeitungskonzepte, die der anfallenden Holzmenge gerecht werden und die eine angemessene Wertschöpfung im Wald und bei der inländischen Holzverarbeitung erlauben. Die Konsumentinnen und Konsumenten schließlich tun Gutes für den Wald, indem sie Schweizer Holz nachfragen und so mithelfen, dass die Förster nicht darauf sitzen bleiben.

Borkenkäfer in der Schweiz

In der Schweiz gibt es 119 verschiedene Borkenkäferarten. Viele von ihnen werden kaum wahrgenommen, weil sie unauffällig leben. Der wohl berüchtigtste Borkenkäfer ist der Buchdrucker (Ips typographus), der vor allem in Wäldern mit Fichten vorkommt und dort großflächige Schäden anrichten kann.

2018 hatten sich auch die drei Weißtannenborkenkäfer-Arten stark ausgebreitet. Foto: WaldSchweiz/Jaquemet

2018 hatten sich auch die drei Weißtannenborkenkäfer-Arten stark ausgebreitet. Am häufigsten ist der Krummzähnige Weißtannnenborkenkäfer (Pityokteines curvidens). Auch der Mittlere Weißtannenborkenkäfer (Pityokteines voronzovì) tritt gegenwärtig verstärkt auf, wie die Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) meldet. Ausnahmsweise befällt er nicht nur Äste und Wipfel, sondern auch dickere Stämme.

 

WaldSchweiz vertritt die Interessen der rund 250.000 privaten und öffentlichen Waldeigentümer in der Schweiz. Der Verband unterstützt die Waldeigentümer bei der optimalen Vermarktung ihrer Holzprodukte und anderer Waldleistungen. Er bietet professionelle Aus- und Weiterbildung sowie betriebswirtschaftliche Unterstützung. Mitglieder von WaldSchweiz sind kantonale und regionale Waldwirtschaftsverbände, Kantone sowie einzelne Waldeigentümer.

Red./WaldSchweiz

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