Naturschutz, Landschaftspflege

Hohe Schrecke: Aus stinkendem Schlamm wird Teichparadies

von Mirjam Kronschnabl-Ritz

Aus den Augen, aber nicht aus dem Sinn – viele Jahre war ein etwa 3.000 qm2 großer Weiher im östlichen Teil der Hohen Schrecke für Menschen schwer zugänglich. Er liegt genau auf der Grenze zwischen Thüringen und Sachsen-Anhalt im Landkreis Sömmerda (Thüringen) und dem Burgenlandkreis (Sachsen-Anhalt) mitten in einem geschützten Waldstück, das sich natürlich entwickeln darf. Aus diesem Weiher soll jetzt ein selten gewordenes Paradies für Amphibien und Insekten entstehen.

Dr. Dierk Conrady von der Naturstiftung David nutzte im Herbst die Chance, um sich ein Bild vom Zustand des Teiches zu machen. Forstarbeiter hatten zeitweise einen Weg durch das Gelände beräumt und so wieder geöffnet. „Der vom russischen Militär einst zu Übungszwecken angelegte Teich war in einer sehr schlechten Verfassung. Durch eine dicke Schlammschicht stark verlandet mit wenig offener Wasserfläche. Da mussten wir aktiv werden“, so der Naturschutzexperte anlässlich des UNESCO-Welttages der Feuchtgebiete am 2. Februar. Der Welttag der Feuchtgebiete soll die öffentliche Wahrnehmung für die ökologische Bedeutung von Feuchtgebieten verbessern.

Naturschützer erwarten wachsende Artenvielfalt

Die Teichflächen in Sachsen-Anhalt gehören als Nationales Naturerbe dem DBU Naturerbe. Die gemeinnützige Tochtergesellschaft der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) hat die Initiative der Naturstiftung David begrüßt und unterstützt. Mit Fördermitteln der Stiftung Umwelt, Natur- und Klimaschutz des Landes Sachsen-Anhalt (SUNK), der Regina Bauer Stiftung sowie des Naturschutzgroßprojektes Hohe Schrecke wurde der Teich Ende 2020 saniert. „Schon in diesem Sommer wird dort die Artenvielfalt explodieren und ein Paradies für Amphibien und Insekten entstehen, die nährstoffarme Lebensräume brauchen“, freut sich Dr. Uwe Fuellhaas, Gewässer- und Feuchtgebietsmanager im DBU Naturerbe.

Kleingewässer sind besonders wichtig

Aus ökologischer Sicht seien die Klein- und Kleinstgewässer wichtig: Sie zählen zu den artenreichen Lebensräumen der heimischen Natur. Und sie sind selten geworden. So sind etwa in der Landwirtschaft viele Senken und temporäre Gewässer verfüllt worden. „Eine Teichsanierung wie diese lohnt sich für die Natur immer. Vielleicht stehen dort schon bald Kraniche oder auch der Schwarzstorch“, hofft Conrady.

Weiher sondieren und Schlamm abbaggern

Im ersten Schritt machten sich Waldarbeiter des Bundesforstbetriebes Mittelelbe daran, die umliegenden Bäume zu entnehmen, um das Gelände und vor allem auch den angrenzenden Damm freizustellen. „Über Jahre sind immer wieder Blätter in den Weiher gefallen und haben dazu beigetragen, dass er mehr und mehr verlandete“, erläutert Conrady. Die Baumwurzeln destabilisierten den Damm, was zu einem Dammbruch hätte führen können. Zudem sei auch Wasser dort über undichte Stellen entwichen. Unter Sauerstoffmangel setzten Fäulnisprozesse im Wasser ein, die eine dicke Schlammschicht mit sich brachte.

Kampfmittelsondierung mithilfe einer Schlickrutsche

Bevor ein Bagger anrückte, mussten Kampfmittelexperten aber zuerst die Fläche nach Altlasten sondieren. „Gar nicht so einfach bei bis zu 75 cm Schlamm. Irgendwann sind wir dann auf die Idee gekommen, eine Schlickrutsche zu bauen, wie sie im Wattenmeer eingesetzt wird“, so Conrady, der sich an seine Jugend in der Nähe der Nordseeküste erinnerte. Mit Hilfe von Tonnen und Seilen haben die Experten ihre Geräte so über den Schlamm gezogen. Kampfmittel fanden die Sondierer glücklicherweise nicht – nur alte russische Panzerketten. Im Anschluss bahnte sich ein Bagger über die provisorisch angelegte Strecke seinen Weg zum Weiher. „Er hat den Teich etwas vergrößert. Letztlich haben wir rund 300 Kubikmeter Schlamm abgebaggert und eine wasserabdichtende Deckschicht zur Sicherung des Dammes ausgelegt“, weiß Fuellhaas. Am Grund entdeckten die Naturschützer eine schwach schüttende Quelle, die für einen ausreichenden Wasserzulauf im Teich sorgen wird.

Naturstiftung David und DBU Naturerbe setzen sich für Hohe Schrecke ein

Während sich der größere Teil der Weiherfläche in Thüringen im Eigentum der Landesentwicklungsgesellschaft Thüringen befindet, gehört der sachsen-anhaltische Bereich zum DBU Naturerbe. „Unser Dank gilt auch den beteiligten Behörden: Die Zusammenarbeit über die Bundeslandgrenze hinweg lief reibungslos und sehr umsetzungsorientiert“, so Conrady. Seit 2009 führt die Naturstiftung David in der Hohen Schrecke ein Naturschutzgroßprojekt durch. Rund ein Drittel des Waldes soll sich dauerhaft ohne das Zutun des Menschen entwickeln – als Urwald von Morgen. Als Eigentümerin verantwortet das DBU Naturerbe den Naturschutz auf 71 überwiegend ehemaligen Militärflächen mit rund 70.000 ha in zehn Bundesländern – unter anderem auch mit einer Fläche im östlichen (sachsen-anhaltischen) Teil der Hohen Schrecke.

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Quelle: DBU