Naturschutz, Landschaftspflege

Kopflos für den Naturschutz

von Heinrich Höllerl

Mit einer Pressemitteilung haben die Bayerischen Staatsforsten vor einigen Wochen darauf hingewiesen, dass sie ein neues Naturschutzprojekt aufgelegt haben. Im Rahmen des Sonderprogramms „Der Wald blüht auf“ wird auch gezielt stehendes Totholz produziert. Dabei gibt es nicht nur ökologische, sondern auch technische Fragestellungen zu beantworten.

Die Skandinavier sind uns in diesem Punkt tatsächlich ein ganzes Stück voraus. In Schweden, Norwegen und Finnland, aber auch in den baltischen Staaten, gehört das Hochköpfen von Bäumen schon seit Anfang der 2000er Jahre zum integrativen Naturschutz im Wald. Der Gedanke dabei: In bewirtschafteten Wäldern gibt es generell sehr wenig stehendes Totholz. Je nach Aufarbeitungsdurchmesser bleibt zwar schon einiges Material am Boden liegen, aber kaum ein Baum stirbt eines natürlichen Todes. In jüngeren Beständen ist das noch weniger der Fall als in alten. Dabei gibt es sehr viele Insektenarten, die genau auf diese Habitate angewiesen sind. Gleichzeitig verrottet so ein Hochstubben wesentlich langsamer als Totholz mit direktem Bodenkontakt. Ergo: Mit ein paar wenigen Hochstubben in meinem Wald kann ich enorm viel für die Biodiversität tun.

Gezieltes Vorgehen

Ein großer Vorteil dabei: Bei der aktiven Gestaltung solcher Biotope kann ich selbst entscheiden, welcher Baum dafür ausgesucht wird und vor allem, wo dieser steht. Damit lassen sich die meisten Verkehrssicherungsprobleme von vorneherein vermeiden. Auch bei nachfolgenden Hiebsmaßnahmen ist so ein Hochstubben weitgehend unkritisch, weil er ja keine Äste mehr hat, die abbrechen könnten.

In mittelalten Beständen ist stehendes Totholz im Wirtschaftswald selten und deshalb besonders wertvoll als Lebensraum // Foto: A. Reichert

Aus Sicht der Waldökologen ist es natürlich wünschenswert, möglichst starke und hohe Stubben stehen zu lassen. Je dicker der Stamm, um so mehr Höhlenbewohner können sich im Laufe der Zeit ansiedeln und wenn ganz oben Bereiche besonnt werden, bilden sich dort noch einmal ganz besondere Lebensgemeinschaften heraus. Doch an diesem Punkt kommen auch ein paar Sicherheitsfragen auf: Wie sollen die Hochstubben erzeugt werden? Natürlich gibt es in der Baumpflege Klettertechniken für solche Fälle, aber die sind mit einem enormen zeitlichen und damit finanziellen Aufwand verbunden. Da bietet sich doch der Maschineneinsatz an. Aber auch Harvesterkräne und -aggregate sind nicht direkt dafür konzipiert worden, Bäume in mehreren Metern Höhe zu kappen. Da gibt es zwar die großen Starkholz-Baggerharvester Hannibal und Co. mit ihren zusätzlichen Baumhalteklammern für die Stehend-Entnahme. Aber das ist nicht unbedingt das Ziel: Es soll ja nach Möglichkeit keine teure Spezialtechnik erforderlich sein, wenn die Ökologie gefördert werden soll.

Gesammelte Erkenntnisse

Am unterfränkischen Forstbetrieb Ebrach wird das Hochköpfen auch schon seit ein paar Jahren praktiziert. Um eine Handreichung für die übrigen bayerischen Kollegen zu erstellen, gab es Anfang des Jahres einen Workshop, bei dem neben den beteiligten Unternehmern und Fahrern auch die Maschinenhersteller, die Fachkraft für Arbeitssicherheit und der Unfallversicherer an einem Tisch saßen. Folgende Punkte wurden dabei zusammengetragen:

Mit einem Parallelkran lassen sich oft nur Höhen bis 4,5 m erreichen. Hier sind Teleskopkräne besser geeignet. // Foto: H. Höllerl
  • Die Hochstubben sollten so nah wie möglich an der Gasse/Maschine stehen, max. Entfernung des Baumes von der Gassenmitte 6 m.
  • Die Höhe des Fällschnitts sollte bei max. 6 m liegen. Teleskopkräne sind hier zu bevorzugen. Parallelkräne sind bauartbedingt meist nur in der Lage, bis in 4,5 m Höhe zu arbeiten.
  • Am Hang ist eine Nivellierfunktion des Krans oder der Maschine von Vorteil (z. B. Pendelarmfahrwerke bei EcoLog-Maschinen).
  • Keine Hochköpfungen am Steilhang.
  • Der Durchmesser an der Schnittstelle sollte zwei Drittel vom maximalen Fälldurchmesser des Aggregats oder 40 cm nicht überschreiten.
  • Die Schnittstelle muss rundum für das Aggregat erreichbar sein, eine kontrollierte Fällrichtung ist erforderlich.
  • Hochköpfungen nur bei Tageslicht, freie Sicht auf die Schnittstelle, kein Schneefall, kein Wind.
  • Der obere Baumteil wird nach dem Schnitt nicht abgehoben.
  • Ein kontrolliertes Ablegen des oberen Baumteils (Krone) darf nicht notwendig sein. Die Maschine muss diesen frei fallen lassen können.
  • Grundsätzlich sind alle Baumarten möglich, allerdings keine „Extrem-Bäume“, kein brüchiges Totholz.
  • Die Maßnahme sollten nur ein routinierter Fahrer durchführen, der auch die endgültige Entscheidung trifft, ob ein Baum hochgeköpft werden kann.

Praxistipps

Alexander Förster ist ein alter Hase, was das Anlegen von Hochstubben angeht // Foto: H. Höllerl

Beim Ortstermin in Ebrach konnte uns Alex Förster vom gleichnamigen Forstunternehmen aus Burgwindheim-Oberweiler noch einige Tipps aus der Praxis zeigen:

  • Hängt der Baum schon in die passende Richtung, lässt sich ein vollständiger Trennschnitt führen und das obere Stück abziehen.
  • Dafür sollte man auch beim Parallelkran noch die Möglichkeit haben, noch ein kleines Stück anzuheben. Also beim Ansetzen nicht auf die volle Hubhöhe gehen.
  • Muss man den Gipfel beim Sägen jedoch drücken, dann platzt der Stamm meistens auf. Dagegen hilft ein vorheriger kleiner Gegenschnitt.
  • Wenn es es die Möglichkeit gibt, noch ein paar lebende Äste am Hochstubben zu belassen, sollte man das ruhig tun. So stirbt der Baum wesentlich langsamer ab und ist für einen längeren Zeitraum ein ökologisch wertvoller Biotopbaum.

In Wert setzen

Vor allem mittelalte Bestände ohne nennenswerte Totholzanteile lassen sich nach dieser Methode mit geringem Aufwand naturschutzfachlich enorm aufwerten. Das ist kurz- und mittelfristig sogar wirkungsvoller, als ganze Flächen aus der Nutzung zu nehmen. Vom bayerischen Staat gibt es dafür auch Geld: Die BaySF bekommen pro Forstbetrieb 100 Bäume mit jeweils 100 € gefördert. Dafür muss auch die Krone daneben liegen bleiben. In vielen Revieren sind die Hochköpfungen jedoch schon nahezu bei jeder Hiebsmaßnahme Usus. So bleiben viel mehr Hochstubben stehen, bei denen dann aber oft auch die Zweitlängen verwertet werden.

Auch der Privat- und Kommunalwald in Bayern kann in den Genuss von Fördergeldern kommen: Im Rahmen des Vertragsnaturschutzprogramms Wald bekommt man für das Belassen eines Totholzbaumes 90 €. Bei einem Biotopbaum, der weiterlebt, können es sogar bis zu 195 € sein, je nach BHD und ob es ein Laub- oder Nadelbaum ist.

Besonders öffentlichkeitswirksam sind solche Maßnahmen direkt neben öffentlichen Wegen – getreu dem Motto „Tue Gutes und rede darüber“. Wenn dann die ersten Pilzkonsolen wachsen und der Specht darin wohnt, lässt sich mit einer Infotafel direkt darauf hinweisen. Auf lange Sicht gibt es aber vielleicht ein rechtliches Problem: Fällt der morsche Stamm irgendwann doch um, könnten die Juristen den Forstbetrieb in der Veranwortung sehen. Weil der Hochstumpf einmal aktiv geschaffen wurde, gilt er möglicherweise nicht mehr als „waldtypische Gefahrenquelle“. Also ist es doch besser, mit den Hochstubben weiter drinnen im Bestand zu arbeiten.

Heinrich Höllerl