ABO

Hessen: Waldzustandsbericht 2019 bestätigt Forstpraktiker

Der von Hessens Umweltministerin Priska Hinz vorgestellte Waldzustandsbericht 2019 dokumentiert, was Waldbesitzer und Forstpraktiker seit Monaten beobachten. So der Hessische Waldbesitzerverband. Die Waldeigentümer fordern auch ein Umdenken in Politik und Gesellschaft. 

Die Schäden in den hessischen Wäldern durch Hitze, Trockenheit und Schadorganismen waren noch nie so gravierend, wie in diesem Jahr. Betroffen sind alle Baumarten. Am schwersten betroffen sind Fichten, Buchen und Kiefern. Durch die anhaltende Trockenheit und die Hitze haben die Bäume im Sommer schwere Wurzelschäden erlitten und ihre Abwehrkräfte gegen Schadorganismen waren lahmgelegt. So konnten Borkenkäfer und andere Schadinsekten sowie Pilze die Bäume massenhaft besiedeln und zum Absterben bringen. Die mittlere Absterberate liegt mit 2,3 % fast achtmal so hoch wie im Durchschnitt des gesamten Zeitraums seit 1984. Die Hälfte der abgestorbenen Bäume sind Fichten, die andere Hälfte sind Buchen, Kiefern und Eichen. Bis Ende des Jahres 2019 rechnet der Hessische Waldbesitzerverband mit mindestens 25.000 ha Kahlflächen in Hessens Wäldern, auf denen in den kommenden Jahren wieder junger Wald entstehen muss.

Die Schäden sind in Hessen regional unterschiedlich. Besonders schwer betroffen sind die Wälder im Hessischen Ried, in der Vogelsbergregion und in Nordhessen, wo der Sturm „Friederike“ im Januar 2018 eine Schneise der Verwüstung hinterlassen hat. Der Wald ist als Ökosystem mit seinen vielfältigen Funktionen auf diesen Kahlflächen auf Jahre hinaus gestört. Für die Waldeigentümer sind die Schäden im Wald mit massiven Mehraufwendungen und Ertragseinbußen verbunden.

Bevor die Waldeigentümer an die Wiederbewaldung der Kahlflächen gehen können, müssen sie zunächst die Borkenkäfermassenvermehrung eindämmen und Geld für die Wiederaufforstung beschaffen. Beides sind in dieser Krisenzeit große Herausforderungen. Die Erhaltung des Waldes und die Bewältigung der Folgen des Klimawandels im Wald sind Aufgaben, die von der gesamten Gesellschaft geleistet werden müssen. Die Waldeigentümer sind derzeit dazu alleine nicht in der Lage.

Hilfspaket der Landesregierung wirkt langsam

Der massenhaften Vermehrung der Fichtenborkenkäfer kann nur durch Fällen der befallenen Bäume begegnet werden, um noch gesunde Fichtenbestände vor dem Käferbefall zu schützen. Dadurch ist innerhalb der letzten 20 Monate so viel Schadholz auf den Markt gekommen, dass die Preise unter die Bereitstellungskosten gesunken sind und der Fichtenholzmarkt nahezu zusammengebrochen ist. Die von der Landesregierung angebotene Aufarbeitungsbeihilfe von 10 €/Fm von Borkenkäfern befallenes Holz rückwirkend ab dem 1. Januar 2019 kommt nach einigen Startschwierigkeiten jetzt langsam bei den Waldeigentümern an. Diese Unterstützung ist dringend notwendig, weil die kommunalen und privaten Forstbetriebe hohe Kosten decken müssen, mit dem Verkauf von Holz aber auch mittelfristig kein Geld verdienen können.

Doch diese erste Maßnahme kann nur ein Anfang sein, um die durch die Folgen des Klimawandels erheblich geschwächte Forstwirtschaft in den Stand zu versetzen, den Wald mit seinen vielfältigen positiven Leistungen für Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft zu erhalten und nachhaltig zu bewirtschaften.

Nachgeordnete Behörden und die Polizei bereiten Waldbesitzern zusätzlich Probleme

Um den verstopften Fichtenholzmarkt zu entlasten und die täglich neu anfallenden Holzmengen trotzdem mit einer kleinen Gewinnmarge verkaufen zu können, haben Forstbetriebe gemeinsamen mit großen Exportunternehmen dicke Fichtenstämme in Seefrachtcontainern nach China verkauft. Der Export von Rundholz in Seefrachtcontainern ist seit 25 Jahren geübte und eingespielte Praxis, zunächst mit Buche und Eiche, jetzt mit Fichte. Seit Anfang Oktober untersagt die Polizei in Hessen LKW-Transporte von Holz in Containern bei der Beladung im Wald oder stoppt die Transporte auf dem Weg in die Seehäfen und legt die Container still. Die Polizei stützt sich bei ihrer Ermessenentscheidung ausschließlich auf Beladungshinweise großer Seefrachtorganisationen, nach denen Standard Seefrachtcontainer für den Transport unregelmäßig geformter Frachtgüter, wie zum Beispiel Holz, angeblich nicht geeignet sein sollen. Durch diesen harten Sofortvollzug droht das gesamte Exportgeschäft für Holz innerhalb weniger Wochen zusammenzubrechen. Exporteure steigen aus geschlossenen Holzkaufverträgen aus und ziehen sich zurück. Der Schaden dürfte deutschlandweit im dreistelligen Millionenbereich liegen.

Seit 25 Jahren ist kein einziger Fall bekannt, in dem ein mit Holz beladener Seefrachtcontainer beim LKW-Transport einen Unfall verursacht hat oder Holzstämme aus einem solchen Container auf die Straße gerollt sind. Die verantwortlichen Polizeibeamten handeln hier höchst unverhältnismäßig und bringen Forstbetriebe in einer akuten Notsituation an den Rand der Insolvenz.

Einrichtung neuer Nasslager scheitert an Behördenauflagen

Fichtenstämme wurden nach Sturmereignissen in der Vergangenheit erfolgreich in Nasslagern über mehrere Jahre konserviert, und wurden später verkauft, nachdem sich die Märkte wieder beruhigt hatten. Auch mit Borkenkäfern befallenes Holz könnte so eingelagert werden. Die Einrichtung von Nasslagerplätzen scheitert jedoch immer wieder an Auflagen der für Naturschutz und Gewässer zuständigen Verwaltungsbehörden. Hier werden Gutachten gefordert, die den Planungsprozess über Monate verzögern. Die Folge ist, dass selbst dort wo eine Nasslagerung möglich ist (es muss in der Trockenzeit zuverlässig genügend Wasser vorhanden sein), muss das mit Borkenkäfern besiedelte Holz im Wald gelagert und mit Insektiziden besprüht werden, bis es abtransportiert werden kann.

Verkehrssicherung an öffentlichen Straßen und Schienen belastet extrem

Trockenheitsgeschädigte und abgestorbene Bäumen werden zur erheblichen Gefahr, denn sie können jederzeit umstürzen. Im Waldesinneren muss jeder Waldbesucher diese waldtypischen Gefahren kennen und wissen, dass er den Wald auf eigene Gefahr betritt. An öffentlichen Straßen und Schienen ist der Waldeigentümer für die Verkehrssicherheit der Waldrandbäume verantwortlich. Doch auch dort sind durch Trockenheit und Hitze wesentlich mehr Bäume abgestorben und umsturzgefährdet, als in normalen Jahren. Die Waldeigentümer sind mit den erforderlichen Maßnahmen zur Herstellung der Verkehrssicherheit auch mittelfristig personell und finanziell vollkommen überfordert. Es ist zu bezweifeln, ob angesichts der schwerwiegenden Waldschäden infolge des Klimawandels die Verkehrssicherung an Straßen und Schienen dem Waldeigentümer tatsächlich im Rahmen der Sozialpflichtigkeit des Eigentums noch abverlangt werden kann.

Notwendig ist ein Umdenken bei Waldeigentümern, Politik und Gesellschaft

Der Klimawandel und die Folgen für den Wald fordern von den Waldeigentümern ein Umdenken bei der nachhaltigen Bewirtschaftung. Die Waldeigentümer fordern im Gegenzug auch ein Umdenken in der Politik und der Gesellschaft. Die vielfältigen Ansprüche an den Wald können die Waldeigentümer nicht mehr entschädigungslos erfüllen. Die Forstwirtschaft ist in die Lage zu versetzen, den Wald unter angemessenen Bedingungen zu erhalten und zu bewirtschaften.

Zum Thema: forstpraxis.de-Meldung

Hessischer Waldbesitzerverband

Auch interessant

von