Waldbau

Harz: Aufforstung mit artenreichen Klimawäldern

Bearbeitet von Jörg Fischer

Die vier Forstämter im niedersächsischen Harz beenden eine ungewöhnlich lange Pflanzsaison, die bis kurz vor Christi Himmelfahrt dauerte. Genau 1.670.014 neuer Bäume setzten die Forstämter Clausthal, Lauterberg, Riefensbeek und Seesen von Oktober bis Mitte Mai. Das frostfreie und nass-kühle Wetter ermöglichte Pflanzarbeiten bis weit über Ostern hinaus.

Zahlreiche neue Baum- und Straucharten bedecken inzwischen die Blößen ehemaliger Fichtenwälder. Nach mehrjähriger Trockenheit und massiven Borkenkäferschäden forcieren die Niedersächsische Landesforsten (NLF) somit ihr Mitte der achtziger Jahre begonnenes Waldumbau-Programm. Auf die bislang von Fichten beherrschten Höhen und Täler des Mittelgebirges ziehen Baum- und Straucharten ein, die meist nur als Straßennamen in Neubausiedlungen bekannt sind: Berg-, Spitz- und Feldahorn gehören genauso dazu wie Bergulme, Wildkirsche und Roteiche. Anstelle von Fichten wurden die Nadelbaumarten Lärche, Douglasie und Weißtanne gepflanzt oder erstmalig auch großflächig gesät. Die gemischt angelegten Wirtschaftswälder sind eingerahmt von Strauch- und Gehölzarten, die als Waldinnen und -außenränder dienen. Haselnuss, Holunder, Weiß- und Schwarzdorn, Salweide, Roterle, Moorbirke, Wildapfel und Wildbirne bereichern die neuen Harzwälder und sorgen für eine nie dagewesene Artenvielfalt.

Artenvielfalt an Bäumen und Sträuchern belebt die Harzer Insektenwelt

Neben den 1,6 Mio. Nutzbäumen, die für nachhaltigen Klimaschutz und zur Holzerzeugung gebraucht werden, sorgen 13.905 begleitende Straucharten für Abwechslungsreichtum und dienen besonders dem Insektenschutz. Und auch dort, wo Forstleute die aktuell noch baumfreien Flächen der natürlichen Wiederbewaldung überlassen, entstehen für den Artenschutz wertvolle Bereiche. Dann profitieren Himbeeren und Brombeeren, Waldweidenröschen oder Fuchs-Greiskraut vom Fichten-Sterben und bewachsen ganze Berghänge. Die Folgen solcher Freiflächen mit Gräsern, Wildblumen, Sträuchern und selbstausgesamten Bäumen haben die zurückliegenden Trockenjahre gezeigt: Schwärme von Schmetterlingen, Hummeln und Wildbienen fanden Blüten und Nahrungspflanzen auf den besonnten Kahlflächen. Langfristig schließt Mutter Natur diese Lichtungen wieder mit Baumbewuchs und Fichtennaturverjüngung. Aus den Blößen werden geschlossene Hochwälder mit Pionier-Baumarten wie Birken, Weiden und Ebereschen. Forstleute übernehmen diese natürlich entstandenen Vorwälder und ergänzen sie mit wirtschaftlich nutzbaren Holzarten wie Buchen, Ahornen, Eichen oder klimafesten Nadelbäumen wie Douglasien. Letztere haben sich als wahre „Klimakönner“ bewährt. Dank ihres kräftigen Wachstums binden Douglasien schneller als andere in Deutschland verbreitete Baumarten CO2 in ihrem Holz. Und da es als Bauholz gefragt und gut verwendbar ist, bleibt der Kohlenstoff im verbauten Holz langfristig gebunden.

Klimaangepasste Mischwälder mindern Schadensrisiko

Langfristig soll der Wald im Mittelgebirge deutlich abwechslungsreicher werden. Ziel der Landesforsten ist es, den Mischwaldanteil auf 90 % hochzuschrauben und die Jahrhunderte vorherrschende Fichtendominanz in der alten Bergbauregion zu brechen. „Trotzdem bleibt der Oberharz das Hauptverbreitungsgebiet der Fichte in Niedersachsen, denn im rauen Klima des Mittelgebirges gedeiht sie am besten“, betonte Henning Geske. Der Leiter des Forstamts Seesen ist langjähriger Harzkenner und weiß um die Vor- und Nachteile der Charakterbaumart. „Allerdings wollen wir unsere Fichtenwälder vielfältig durchmischen und möglichst keine Reinbestände mehr heranwachsen lassen. Damit mindern wir das Risiko, falls eine Baumart mit den Umweltveränderungen nicht klar kommt“, so Geske, der viele Jahre lang Wälder von Bad Lauterberg bis Seesen betreut hat. Mit den jetzt gepflanzten Baumarten erfinden die Landesforsten das Rad nicht neu, sondern halten den eingeschlagenen Kurs, der da lautet: Den künftigen Harzwald fit zu machen für den Klimawandel. Das sehen sie allerdings als Generationenaufgabe. Auch die nächsten Jahre stünden ganz im Zeichen der Wiederbewaldung. „Vorerst hilft den jungen Pflanzen auf ihrem langen Weg bis zum hundertjährigen Baum der kühle Mai mit reichlich Regen“, erläuterte Forstamtsleiter Geske abschließend.

Quelle: NLF