Haas Kombiwinde
Auch im Spessart gibt es richtig steile Ecken
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Haas Kombiwinde

01. Juli 2020

Dass der Forstunternehmer Horst Hamm in Frammersbach ein eingefleischter John-Deere-Fahrer ist und seine Maschinen am liebsten bei Franz Haas in Hindelang bauen lässt, ist in der Branche eigentlich nichts Neues mehr. Aber seine aktuelle Allzweckwaffe ist doch mal wieder einen Besuch wert. Die Allgäuer haben aus vielfach bewährten Komponenten eine ganz neue Kombination geschaffen.

Das Stichwort heißt „Kombiwinde“: Franz Haas stattet seit vielen Jahren John-Deere-Maschinen mit den verschiedensten Arten von Seilwinden aus. Seit einiger Zeit werden auch Traktionswinden in und an die grünen Geräte geschraubt. Was bisher noch nicht möglich war: eine integrierte Winde, die beides kann – Beiseilen und Traktionsunterstützung. Die Gründe dafür sind vielfältig. So muss eine Traktionswinde zum Beispiel mit einer definierten und konstanten Zugkraft arbeiten. Bei einem ausgewachsenen Forwarder wie dem JD 1510 G bedeutet das mindestens 60 kN. Will man das nicht mit einem zusätzlichen Seilspill erreichen, muss die Trommelwinde von Haus aus mindestens für 10 t konzipiert sein. Als Konstantzugwinde eingesetzt, liefert sie dann immer die Zugkraft, die sie auf der obersten Seillage besitzt. So oder so – das Windenmodul wird niemals ganz filigran ausfallen und braucht entsprechend Platz am Fahrzeug. Normale Seilwinden baut Haas bei den Forwardern liegend ins Rahmenheck. Diese Option fällt aus genannten Gründen schon mal flach.

Bewährte Komponenten

Beim Windenmodul wollte Franz Haas nach Möglichkeit keine Experimente machen, sondern auch im Interesse seiner Kunden auf bekannte und bewährte Technik zurückgreifen. Die T-40-Winde setzt John Deere USA seit 20 Jahren mehr oder weniger unverändert in seinen Skidder ein. Dort ist sie für bis zu 16 t gut – entsprechend massiv ist sie auch gebaut. Trotzdem sollte bei ihrem Einsatz am Forwarder kein Platz verloren gehen, weder bei der Bodenfreiheit noch im Laderaum oder für den Kran.

Der einzig „freie“ Platz an einem Forwarder findet sich eigentlich unter dem Ladekran. Dieser sitzt üblicherweise erhöht auf einer Konsole. Allerdings muss diese Konstruktion gewaltige Biegekräfte sauber abstützen und in den Rahmen einleiten. Wie sich herausstellte, reicht die Höhe hier genau aus, um stattdessen ein Gehäuse für die T 40 hier unterzubringen. Allerdings musste dieses enorm stabil gebaut werden. Die Wände bestehen aus massivem Stahl und auch die Winde selbst dient als diagonale Aussteifung. Die Seitenwand, zugleich Wartungsdeckel, ist mit sage und schreibe 32 Schrauben befestigt, damit sie sich nicht verzieht.

Unternehmer Horst Hamm (l. ) und Till Wachtmeister von der Firma Haas vor dem massiven Windengehäuse mit seinen 32 Schrauben
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Der Großkonzern John Deere ist nicht unbedingt dafür bekannt, dass Kunden bei den Forstmaschinen besonders viele individuelle Wünsche einbringen können.

Individueller Stahlbau

An dieser Stelle hat sich Franz Haas jedoch über die Jahre einen echten Sonderstatus erarbeitet: Er bekommt vom Werk auf Anfrage wirklich reine Fahrgestelle, muss nicht mehr Komplettfahrzeuge zerlegen und ausgetauschte Komponenten weiterverkaufen. Von dieser Möglichkeit hat auch Horst Hamm wieder einmal kräftig Gebrauch gemacht: Vom Hinterwagen sind im Prinzip nur noch der Rahmen und die Bogies Original-JD. Als Durchführung für das Seil der Kombiwinde wurde der Rahmen aufgedoppelt und damit gleichzeitig die Rungenbänke mit Klemmvorrichtungen verschiebbar gemacht. 2 × 2,5 m lassen sich so problemlos laden. Auch die Anschläge, die verhindern, dass die Radbogies sich bei extremen Fahrmanövern überschlagen, sind jetzt geschraubt. Das Rahmenheck wurde abgetrennt, mit einem Scharnier versehen und mit einer hydraulischen Hebevorrichtung ausgestattet. Dieses Hebeheck ermöglicht einen hohen Seileinlauf beim Einsatz als Rückewinde. Zugleich ist die letzte Runge als Klemmrunge ausgeführt, was sich bei der Langholzrückung für Horst Hamm als nahezu ebenbürtig zu einer Klemmbank erwiesen hat. Weil das auch regelmäßig vorkommt, hat er sich wieder für den Mesera F 142 mit 10 m Reichweite und innenliegender Verschlauchung entschieden. Das ist derzeit der stärkste Kran, den man sich auf einen Forwarder setzen kann und er fährt ihn bereits seit eniger Zeit auf seinem 1210 G. Mit einem Brutto-Hubmoment von 178 kNm übertrifft er die stärkste Version des Originalkrans CF 7 S von John Deere mit 143 kNm deutlich . Auch das Schwenkmoment – gerade am Hang ein wichtiger Faktor – liegt mit 48 kNm merklich über den 32 kNm der Werksaustattung.

Im Steilhang unentbehrlich: Die Tiltfunktion für den Kran und die Drehkabine
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Unterstützen lässt sich Horst Hamm das natürlich noch durch eine Tilteinrichtung am Kran. Dass sich die Drehkabine des 1510 G um jeweils 6 ° nach vorne und hinten neigen lässt, ist für den Fahrer im Hang auch mehr als nur ein Komfortgewinn. Für den Bodenschutz rollt dieser 1510 G auch auf 800er Reifen. Damit trotzdem Bänder draufpassen musste eine breitere Vorderachse rein. So wird er zwar 3,07 m breit, aber der Unternehmer hat für den Landkreis eine Sondergenehmigung bekommen. Weitere Reisen kommen selten vor.

Windensteuerung

So traditionell die Mechanik daherkommt, so aufwändig ist die Steuerung der Winde: Zum Beiseilen ist die T40 hier mit 10 t angegeben, als ganz normale Trommelwinde mit einem stufenlos regulierbaren Seilausstoß. Wir erinnern uns: Die Mechanik verträgt auch 16 t. Diese Reserven schätzt Hamm sehr. Von der reinen Zugkraft her reichte ihm auch die 8-t-Winde, die Haas bei ihm vorher schon mal verbaut hatte, aber „wenn ich dann doch mal beim Fahren mit Last im Seil irgendwo angeeckt bin, war die kleine Winde schnell überfordert. Da werde ich jetzt kaum noch Probleme kriegen.“

Nutzt man die Winde zur Traktionsunterstützung, wird eine Regelung vorgeschaltet, die eine definierte konstante Zugkraft bis maximal 60 kN und eine synchrone Geschwindigkeit zum Fahrantrieb bietet. Die 170 m Seilkapazität auf der Trommel reichen im Spessart für die allermeisten Rückegassen bzw. die Steilstücke darin. Einen kleinen Nachteil gegenüber einer „echten“ Traktionswinde gibt es allerdings: Die T 40 kann die Maschine nicht kontrolliert gebremst ablassen. Hier gibt es nur die Schleppseilfunktion mit einer Vorspannung von rund 4 kN. Das entspricht zwar eigentlich den offiziellen Vorgaben, nach denen sich auch bei Traktionsunterstützung die Maschine jederzeit selbst am Hang halten muss, aber viele Kunden schätzen doch die zusätzliche Sicherheit.

Für das Forstunternehmen Hamm, das sich gerade erst seinen ersten Harvester gekauft hat, entwickelte sich der 1510 G mit dieser Kombiwinde in kürzester Zeit zum absoluten Universalwerkzeug sowohl für Kurz- wie auch im Langholz. Damit hat er sogar den Skidder im Betrieb ziemlich arbeitslos gemacht.

Das Gehäuse für die Kombiwinde baut genauso hoch wie die Krankonsole für den Mesera 142 F
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Das Gehäuse für die Kombiwinde baut genauso hoch wie die Krankonsole für den Mesera 142 F
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Foto: H. Höllerl
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Heinrich Höllerl

Heinrich Höllerl