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Günter Sinn †

Günter Sinn †

Der Pionier der Baumstatik ist tot. Er starb im Alter von 80 Jahren, trotzdem plötzlich und überraschend, herausgerissen aus seiner nie endenden Arbeit und seinen Visionen, die er bis zum Schluss hatte. Was für ein Mensch.
Ruhig, bescheiden, eher sehr zurückhaltend und doch mit einer Energie und der ihm eigenen Beharrlichkeit, den Bäumen ihre Stabilität abzugucken und dann die dahinter steckenden statischen Strategien mathematisch und physikalisch zu belegen. Viele tun sich wichtig im Bereich der Baumstatik, Günter Sinn ist und bleibt ihr Urvater.
Vor etwa 40 Jahren traf ich  ihn mit Werner Koch †, als er bei Bewältigung seiner Ideen um die Baumstatik „einen Schritt vor“ und „zwei Schritte zurück“ machte. Werner Koch riet ihm, es umgekehrt zu probieren, was Günter Sinn – so könnte man es sagen – im höchsten Maße zuwider war, weil er von den Geheimnissen unserer Bäume ahnte (oder wusste). Ihm ging es um die Sicherheit der Bäume. Sie mit unsicheren Vermutungen zu artikulieren oder sogar darüber zu veröffentlichen, widersprach seiner Akribie und seiner Seriosität.
Er hat mir beigebracht, dass ein Baum ein Lebewesen ist, das nicht fliehen kann. Er hat mir ihre Strategien vor Augen geführt, die er überall auf der Welt beobachtet hat. Er war ein Einzelkämpfer, der, anders als etliche der heutigen Experten, bei denen man dies nicht immer erkennen kann, auch etwas von dem Lebewesen Baum verstand.
Als Garten- und Landschaftsarchitekt wusste Günther Sinn um die Bedeutung der Bäume in unserer Zivilisationsgesellschaft. Damit gab er sich nicht zufrieden. Er wollte wissen, warum sie in der Lage sind, Orkane zu überstehen und Jahrhunderte an einem Standort auszuhalten. Er wollte sie dabei unterstützen, weil er wusste, wie wertvoll gerade alte schöne Exemplare sind. Die heute eingesetzten Hohltaue zur Kronensicherung gehen ebenfalls auf seine Ideen zurück, nachdem er erkannt hatte, wie sehr wir den Bäumen mit Stahlseilen und ihre Holzkörper durchbohrenden Metallbolzen zusetzen. Der Respekt vor der Kreatur Baum und über Grenzen schauen war sein Antrieb.
Ihn aber nur auf Technik und Bäume zu reduzieren, würde seinem Wesen bei weitem nicht gerecht werden. Ich kenne nur wenige Personen, die so belesen waren, wie Günter Sinn. Insbesondere gehobene Kunst und Literatur aber auch andere Fachbereiche beschäftigten seine neugierige Intelligenz. 1991 erhielt er für seine Verdienste um die Baumstatik den renommierten Hans-Bickel-Preis durch den Verband der Weihenstephaner Ingenieure für Gartenbau und Landschaftsarchitektur.
In zahlreichen Veröffentlichungen und Gutachten hat er sich explizit mit der Stand- und Bruchsicherheit von Straßen- und Parkbäumen befasst. Sein im Jahr 2003 erschienenes Werk „Baumstatik, Stand und Bruchsicherheit von Bäumen an Straßen, in Parks und in der freien Landschaft“(es gehört als Handwerkszeug auf den Schreibtisch Aller, die sich mit Bäumen befassen) war eine Zusammenfassung  seines Lebenswerkes. Bei der Veröffentlichung bereits über 70 Jahre alt, hätte so manch einer den wohlverdienten Ruhestand genossen. Nicht so Günther Sinn, er widmete sich bis zuletzt der Klärung vieler für ihn noch offener Fragen.
Er war eine (wie ich meine, leider viel zu leise und ruhige) Instanz mit einem ungeheuren Fachwissen, eine in der damaligen und heutigen Zeit seltene Persönlichkeit. Für ihn waren die Bäume Freunde, die uns innehalten lassen und uns Bescheidenheit lehren. Die Menschen, die mich tief und nachhaltig beeindruckt haben und die „Meilensteine“ in meiner beruflichen und menschlichen Entwicklung sind, kann ich an einer Hand abzählen. Günter Sinn war einer von ihnen. Ich bin dankbar, ihm begegnet zu sein und kenne Viele, denen es genauso geht.
 
Dr. Hans-Joachim Schulz, Düsseldorf/Waldbröl

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