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Globale Erwärmung: Wissenschaftler fordern „klimagerechte“ Forstwirtschaft

08. November 2022
Mehr als 550 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben einen Brief an die Europäische Kommission unterzeichnet, in dem sie auf den sich verschlechternden Zustand der europäischen Wälder aufmerksam machen. In dem Brief fordern sie klimafreundliche forstwirtschaftliche Praktiken – einschließlich der Entnahme von Holz als Biomasse –, um die Widerstandsfähigkeit der Wälder angesichts der globalen Erwärmung zu stärken.

Europäische Wälder stehen aufgrund steigender Temperaturen, die zu mehr Waldbränden, Schädlingen und Krankheiten führen, unter Druck. Dadurch werde ihre Fähigkeit, Kohlendioxid zu speichern und die biologische Vielfalt zu erhalten, bedroht, so die Forscherinnen und Forscher.

Widerstandsfähigkeit der Wälder steigern

„Das heiße und trockene Wetter in vielen Teilen Europas und der Welt lässt uns um die Zukunft unserer Wälder bangen“, heißt es in dem Brief, der an die Präsidenten der drei wichtigsten EU-Institutionen – die Europäische Kommission, den Europäischen Rat und das Europäische Parlament – gerichtet ist. In dem Brief wird eine „klimagerechte Waldbewirtschaftung“ gefordert, um die Widerstandsfähigkeit der europäischen Wälder und ihre Fähigkeit, Holz zu produzieren und gleichzeitig CO2 zu speichern, zu stärken.

„Wenn trockene Jahre häufiger werden, erwarten wir, dass die Biomasse der Wälder in den nächsten zehn Jahren eher abnehmen als zunehmen wird, unabhängig von Management und Schutz“, warnen sie.

Umweltgruppen meinen, dass eine Beschränkung von Holzverbrennung ein einfacher Schritt in Richtung Klimaschutz wäre. Diesen Ratschlag hat das Europäische Parlament im Großen und Ganzen befolgt. Im September stimmten die Gesetzgeber für Pläne, die Subventionen für die Verbrennung von Biomasse in Kraftwerken zu beenden und die Verbrennung von „Primärholz,“ also Holz das auch verbaut oder verarbeitet werden könnte, weitgehend von den EU-Zielen für erneuerbare Energien auszuschließen.

Holz aus nachhaltiger Forstwirtschaft ist CO₂-neutral

Bioenergie wird von Umweltgruppen kritisiert, die behaupten, dass die Verbrennung von Holz die Abholzung vorantreibt, natürliche Lebensräume zerstört und die Wälder untergräbt, die als CO2-Senken im Kampf gegen den Klimawandel dienen.

Der Brief der mehr als 550 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler widerspricht diesen Behauptungen. Er besagt, dass die fortgesetzte Pflege der Wälder – und nicht ihr pauschaler Schutz – entscheidend ist, um sicherzustellen, dass die Wälder weiterhin sogenannte Ökosystemleistungen erbringen.

„Holz aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern ist CO2-neutral, was die Ökosystemprozesse betrifft“, heißt es in dem Brief. Durch die gezielte Ernte wird der Wettbewerb zwischen einzelnen Bäumen ausgeschaltet und die Wälder können sich schneller von Verlusten durch Naturkatastrophen erholen.

CO₂-Waldspeicher ist begrenzt

„Ohne Ernte wird das Waldvolumen gesättigt sein. Die CO2-Senke wird sich dem Nullpunkt nähern, wie es in den Altbeständen der unberührten Wälder der Ukraine zu beobachten ist“, schreiben die Wissenschaftler.

Aus dieser Perspektive sollte die wirtschaftliche Nutzung von Holzprodukten aus den Wäldern als fester Bestandteil einer nachhaltigen Forstwirtschaft betrachtet werden, wozu auch die Verbrennung von Biomasse zur Stromerzeugung gehört, argumentieren sie.

„Bei einer ordnungsgemäßen Waldbewirtschaftung ist die energetische Nutzung von Holz ein Nebenprodukt der Holzernte und der Verarbeitung von Holz zu Produkten“, schreiben die Wissenschaftler. Sie weisen darauf hin, dass genügend Nebenprodukte wie Baumkronen, Rückstände und recyceltes Holz zur Verfügung stehen, um die Versorgung mit erneuerbarer Energie sicherzustellen.

„Das Verbot der energetischen Nutzung von Holz aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern und die Erhöhung des Anteils der unter Schutz stehenden Wälder in der EU ist nicht geeignet, die europäische Klimaschutzpolitik zu unterstützen, bringt keine weiteren Vorteile für die biologische Vielfalt und behindert die zirkuläre Bioökonomie“, heißt es in dem Brief.

WWF spricht von Propaganda

Diese Argumente wurden von Alex Mason vom EU-Büro des WWF als „Propaganda der Biomasse Industrie“ zurückgewiesen.

Stattdessen verwies Mason auf einen anderen Brief aus dem Jahr 2018, der von mehreren Hauptautoren des IPCC und anderen führenden Wissenschaftlern unterzeichnet wurde. Darin werden die politischen Entscheidungsträger in der EU aufgefordert, die Nutzung von Waldbiomasse zur Energiegewinnung drastisch zu begrenzen.

60 % Erneuerbare Energie stammen aus Biomasse

Nach Angaben der Europäischen Kommission stammen derzeit fast 60 % des gesamten Verbrauchs an erneuerbarer Energie in der EU aus Biomasse, wobei drei Viertel davon für Heizzwecke verwendet werden. Dementsprechend erfreut zeigt sich unter anderem der Branchenverband proPellets Austria. Dessen Geschäftsführer Christian Rakos, gleichzeitig Präsident der World Bioenergy Association, sagt: „Grundlage für die Holznutzung ist die nachhaltige Bewirtschaftung der Wälder. Da diese in Europa gesetzlich vorgeschrieben ist, ist es sinnvoll und wichtig, Holz stofflich und energetisch zu verwenden. Die Nutzung von Brennholz und Hackschnitzeln ausgerechnet zum aktuellen Zeitpunkt reduzieren zu wollen, wo Klimakrise und Energiekrise dramatische Formen annehmen, ist unbegreiflich und die Folge von Desinformationskampagnen in Brüssel. Es ist sehr erfreulich, dass sich die Wissenschaft jetzt zu Wort meldet und Klarheit schafft.“

Quelle: Euractiv/proPellets Austria