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Die Rebhühner sind auf unterschiedliche Lebensräume der Feldflur angewiesen.

Gibt es eine Zukunft für das Rebhuhn in Baden-Württemberg?

Die Zahl der Rebhühner in Baden-Württemberg sinken immer mehr- 2020 wurden 49 Rebhuhn-Reviere gezählt, um die Art zu erhalten müssten es 250 sein. Die Schweiz erwartet sogar ein totales Erlöschen der Bestände.

Drei Zahlen werfen ein Schlaglicht auf die Lage des Rebhuhns in Baden-Württemberg: 49, 250 und 100. In diesem Jahr zählte der Landkreis Tübingen, einer der letzten Verbreitungsschwerpunkte im Land, 49 Rebhuhn-Reviere. 250 müssen es nach Einschätzung von Fachleuten sein, damit die Tiere langfristig überleben. Um 100 % stiegen die Rebhuhn-Zahlen in Gebieten, in denen im Rahmen des Kooperationsprojekts „Rebhuhnschutz im Landkreis Tübingen“ seit 2017 Schutzmaßnahmen umgesetzt werden. Dazu zählen mehrjährige Blühmischungen von zahlreichen landwirtschaftlichen Betrieben und eine rebhuhngerechte Heckenpflege. Das durch PLENUM geförderte Vorhaben des NABU und der Initiative Artenvielfalt Neckartal, in Kooperation mit VIELFALT e. V. und dem Landratsamt Tübingen, geht nun in die zweite Verlängerung. Ziel ist es, die auf rund 50 ha angewachsenen Maßnahmenflächen weiter zu vergrößern und zu vernetzen sowie die Erfolge zu verstetigen.

Erlöschen der Bestände in der Schweiz?!

Dass Erfolge im Rebhuhnschutz nicht selbstverständlich sind, zeigt ein Blick über die Grenze und eine weitere Zahl – eins. Ein Rebhuhn wurde 2020 noch in der Schweiz beobachtet, in der Champagne genevoise. Die Schweizerische Vogelwarte erwartet das Erlöschen des Rebhuhns. Zudem benennt sie in ihrem Zustandsbericht 2020 einen „traurigen Tiefpunkt für diesen Allerweltsvogel des Landwirtschaftsgebiets“. Der Schweizer Rebhuhnbestand war bereits 2002 weitgehend zusammengebrochen. Von rund 10.000 Tieren Mitte des 20. Jahrhunderts auf zwei kleine Restvorkommen in den Kantonen Genf und Schaffhausen. Ein Trend, den andere Länder teilen: Seit 1980 sind die Bestände europaweit um 90% eingebrochen. Der Zusammenbruch der Schweizer Population wurde laut der Vogelwarte ausgelöst durch den Mangel an Lebensräumen und Nahrung in der zunehmend verarmten Kulturlandschaft. Die Restbestände des Rebhuhns wurden durch eine hohe Fuchsdichte, witterungsbedingte Einbrüche und Störungen durch Erholungssuchende ausgelöscht.

Maßnahmen ergreifen, bevor Bestände zusammenbrechen

„Es sind dieselben Herausforderungen, die wir auch in Deutschland und in unserer Region haben“, sagt Dr. Daniel Schmidt-Rothmund, Leiter des NABU-Vogelschutzzentrums in Mössingen. „Obwohl die Schweiz viel in Schutzmaßnahmen investierte, konnte der weitere Rückgang nicht mehr aufgehalten werden. Maßnahmenumsetzungen müssen beginnen, bevor die Bestände zusammengebrochen sind, das ist eine wichtige Lehre aus den Schweizer Projekten. Wir hoffen, dass wir noch früh genug dran sind, um das für den Landkreis Tübingen und für ganz Baden-Württemberg zu verhindern. Die ersten Ergebnisse sind erfolgversprechend. Es braucht aber große gesellschaftliche Anstrengungen, um das Rebhuhn in der modernen Agrarlandschaft zu halten. Denn wir können die Zeit nicht zurückdrehen.“ Während es vor wenigen Jahrzehnten noch vielfältige Strukturen wie lückige Getreidebestände, Brachen, Ackerraine und Altgrasstreifen in der Feldflur gegeben habe, seien wertvolle Ackerlebensräume heute nur mit einer entsprechenden finanziellen Förderung für landwirtschaftliche Betriebe zu erhalten.

Mehr zusammenhängende Lebensräume

Auch die Kommunen stehen in der Pflicht, betont Dr. Sabine Geißler-Strobel von der Initiative Artenvielfalt Neckartal. „Das Rebhuhn braucht ein Netz aus größeren, zusammenhängenden Lebensräumen. Das ist in unserer zersiedelten Landschaft nur möglich, wenn die Bedürfnisse der streng geschützten Art bei der Raumplanung, etwa bei der Ausweisung von Baugebieten und bei der Planung von Infrastrukturmaßnahmen, berücksichtigt werden. Für die Umsetzung des Biotopverbunds bedeutet das: Keine neuen Gehölze pflanzen, sondern auf mehrjährige Blühbrachen, lichte Äcker und die naturschutzgerechte Pflege vorhandener Hecken und Feldgehölze setzen.“

Stoppeläcker so lange wie möglich unbearbeitet lassen

Auch die Bevölkerung trägt ihren Teil der Verantwortung für die Zukunft der Feldvögel. Die Feldflur abseits der Wege nicht betreten und Hunde anleinen, lauten die Bitten der Rebhuhnschützer. „Es braucht ein Bewusstsein der Menschen dafür, dass sie in einem Feldvogelgebiet leben“, sagt NABU-Projektleiterin Karin Kilchling-Hink. „Warum nicht stolz darauf sein, dass es hier eines der letzten Rebhuhnvorkommen des Landes gibt? Jede und jeder kann daran mitwirken, es zu bewahren.“ Dieses Engagement zeigen viele Landwirtinnen und Landwirte im Kreis Tübingen seit Jahren. Sie pflegen die mehrjährigen Brachen als wichtige Brutplätze und brechen manche abschnittsweise um, damit es frisch eingesäte Flächen gibt, in denen Rebhuhnküken nach Insekten suchen. „Wir sind sehr dankbar für den Einsatz der Landwirtinnen und Landwirte“, betont Thorsten Teichert von VIELFALT e. V. „Aktuell bitten wir sie besonders darum, nach der Getreideernte die Stoppeläcker so lange wie möglich unbearbeitet zu lassen. Sie bieten Nahrung und Deckung für viele Feldvögel und auch seltene Ackerwildkräuter können davon profitieren.“

Guter Draht zur Landwirtschaft entscheidend

Ein guter Draht zu den landwirtschaftlichen Betrieben ist entscheidend für den Feldvogelschutz – dieses Fazit zieht auch die Schweizerische Vogelwarte. „Die persönliche Beratung der Landwirte und das Vertrauensverhältnis, das sich zwischen den Projektausführenden und den Bewirtschaftern über die Jahre entwickelt hat, erwiesen sich als Schlüsselfaktoren“, resümierte der Schweizer Projektleiter Dr. Markus Jenny. Auch wenn die Rettung für das Rebhuhn dort zu spät kam, haben sich die Maßnahmengebiete zu Hotspots für die Artenvielfalt in der Agrarlandschaft entwickelt. Teils ebenfalls stark bedrohte Arten, wie Grauammer, Feldlerche, Schwarzkehlchen und auch der Feldhase und Insektenarten, nehmen zu, wenn Lebensräume der Feldflur wieder vielfältig werden – das ist eine Gemeinsamkeit zwischen den Projektgebieten in der Schweiz und in Baden-Württemberg. Ähnliche Vorhaben diesseits und jenseits der Grenze, aber ein anderes Ergebnis für Baden-Württemberg? Das Tübinger Projektteam setzt fest darauf, sagt Karin Kilchling-Hink: „Wir sind zuversichtlich, dass wir die Trendwende für das Rebhuhn gemeinsam schaffen können.“

 

Lesen Sie hier mehr zum Rebhuhn-Projekt. 

Quelle: NABU

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