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„Wir haben Windwurf“

 

Welcher Förster hört schon gerne die Nachricht: „Wir haben Windwurf im Forstamt“. Doch dieser Anruf von Ralf Schepp, dem Leiter des Forstamtes Lampertheim, war willkommen. Er war der Start für die erste Prüfung nach dem Europäischen Motorsägen-Standard (European Chainsaw Certificate – ECC) der Stufe 4 „Techniken für Windwurf und gebrochenes Holz“. Dieses Zertifikat ist nach den Vertragsbedingungen zum Unternehmereinsatz bei HessenForst zwingend erforderlich für motormanuelle Arbeiten im Kalamitätsfall bei Holz unter Spannung. Nur Forstwirte sind schon mit bestandener Forstwirtprüfung für diese unfallträchtige Arbeit qualifiziert.

Selbstverständlich ist das Abstocken und die Aufarbeitung von Windwurf bevorzugt hochmechanisiert durchzuführen, es gibt jedoch immer wieder Situationen, in denen Harvester entweder nicht zur Verfügung stehen oder geländebedingt nicht arbeiten können. In solchen Fällen ist das motormanuelle Abstocken und das Zufallbringen von angeschobenen bzw. abgebrochenen Bäumen mit Unterstützung durch geeignete Maschinen unumgänglich.

Nachdem das Forstamt Lampertheim die ortsansässigen, an der motormanuellen Windwurfaufarbeitung interessierten Unternehmer über die Prüfung und die eintägige Vorbereitung informiert hatte, nahmen fünf Teilnehmer daran teil. Formale Voraussetzungen dafür sind die erfolgreich absolvierten Stufen 1 bis 3 der europäischen Motorsägenzertifikate.

Forstwirtschaftsmeister Peter Steffan vom Forstamt Lampertheim erläuterte im Theorieteil des Vorbereitungskurses die besonderen Schnitttechniken, die sichersten Arbeitsverfahren und die Zusammenarbeit mit dem Maschinenführer in der Windwurfsituation. Für den praktischen Teil hatte das Forstamt einen Fichtenwindwurf im Odenwald ausgewählt, der sich von den Geländeverhältnissen, der Art des Windwurfs und dem hohen Fäulnisanteil der geworfenen Fichten als anspruchsvoll erwies. Ein Teilnehmer agierte in bemerkenswerter Weise in der Doppelfunktion als Maschinenführer und Lehrgangsteilnehmer. Alle Prüfungskandidaten verfügten zwar über Erfahrungen in der Windwurfaufarbeitung, aber jeder Teilnehmer konnte an diesem Tag durch die Anregungen und Korrekturen von Steffan seine Fähigkeiten verbessern.

Die Prüfung fand ebenfalls im Odenwald statt – erneut im einen Fichtenwindwurf, der von den Geländeverhältnissen als moderat einzustufen war, aber zahlreiche schwierige Situationen aufwies. Der Europäische Motorsägenstandard Stufe 4 sieht vor, dass mindestens drei Stämme vom Wurzelteller abzutrennen sind. Ein Stammdurchmesser muss dabei größer als die Schienenlänge sein. Außerdem ist ein gebrochener oder angeschobener Baum zu Fall zu bringen. Ein Seilschlepper hat vor Ort zu sein und ist entweder zum Entzerren oder als Unterstützung beim Abstocken und/oder der Fällung einzusetzen. Die Kandidaten in Lampertsheim mussten einzeln die beschriebenen Aufgaben erfüllen, wobei sie intensiv über Funk mit dem Maschinenführer kommunizierten.

HessenForst hat alle Unternehmer, deren Mitarbeiter am Forstlichen Bildungszentrum im Weilburg die Prüfung zum ECC-Level 1 bis 3 bestanden haben, die AfL Hessen sowie Zertifizierungsstellen darüber informiert, dass bei lokalen Windwurfereignissen Prüfungen zur Stufe 4 vor Ort angeboten werden. Zuständig für Prüfung und Schulung sind die örtlichen Forstwirtschaftsmeister. HessenForst weist die Forstunternehmen nochmals darauf hin, dass bei der motormanuellen Windwurfaufarbeitung keine Ausnahme von ECC-Stufe 4 gemacht werden.

Volker Gerding

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