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Gemeinschaftstagung Moorschutz in Süddeutschland

Gemeinschaftstagung Moorschutz in Süddeutschland

Süddeutsche Moore unterscheiden sich erheblich von denen der Norddeutschen Tiefebene, während zwischen Bayern und Baden-Württemberg viele Gemeinsamkeiten bestehen. Gleich vier Landesämter
bzw. -anstalten luden am 26. und 27. April 2017 nach Biberach an der Riß ein, um sich über aktuelle Probleme, Lösungen, Erhebungen und Forschungsvorhaben zum Moorschutz auszutauschen.
Dieser Text ist die Langfassung des in AFZ-DerWald 15/2017 erschienenen gleichlautenden Beitrags.

In Bayern wie in Baden-Württemberg findet man Moore vor allem im Alpenvorland und in den Mittelgebirgen. Die naturräumlichen und historischen Gegebenheiten der Moornutzung und des Moorschutzes sowie die Zuständigkeiten der Verwaltungen sind in beiden Bundesländern sehr ähnlich. Beide Länder sehen sich seit langem dem Moorschutz verpflichtet, verstärkt noch durch neue Aspekte wie den Klimaschutz. Beide Länder sehen sich seit langem dem Moorschutz verpflichtet, verstärkt noch durch neue Aspekte wie den Klimaschutz. Charakteristisch sind sowohl offene Moore, als auch Moore im Waldverbund und bewaldete Moore. So lag es also nahe, einen gemeinsamen Informationsaustausch zu organisieren.

Gleich vier Landesämter bzw. -anstalten taten sich dazu zusammen und luden am 26. und 27. April 2017 nach Biberach an der Riß ein, um sich über aktuelle Probleme, Lösungen, Erhebungen und Forschungsvorhaben zum Moorschutz auszutauschen. Der Einladung der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA), der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg (LUBW), der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft (LWF) und des Bayerischen Landesamts für Umwelt (LfU) waren 140 Teilnehmerinnen und Teilnehmer in den Tagungsort in der Nähe der Ländergrenze gefolgt.

In ihren Grußworten hoben Forstminister Peter Hauk MdL (MLR Baden-Württemberg), LfU-Präsident Claus Kumutat (in Vertretung von Umweltministerin Ulrike Scharf MdL vom StMUV Bayern), Staatssekretär Dr. Andre Baumann (UM Baden-Württemberg) und Ministerialrat Dr. Stefan Nüßlein (StMELF Bayern) unisono die große Bedeutung und die Aktualität des Themas hervor. Die Zusammenarbeit beider Länder sei aufgrund der in vielerlei ähnlichen Verhältnisse in den Mooren naheliegend und wichtig, ebenso wie die Zusammenarbeit von Naturschutz und Forst, da vielfach Wald und Offenland gemeinsam betroffen sind.

Moorforschung – länderübergreifend und mit langem Atem

Einen würdigeren Einstieg in die Fachvorträge einer ressort- und länderübergreifenden Tagung hätte man nicht wählen können, denn der erste Referent, Professor Dr. Giselherr Kaule, hatte bereits 1969 bis 1974 über genau diese Grenzen hinweg die Moore Süddeutschlands inventarisiert.   Moore entwickeln sich sehr langsam, und über sehr lange Zeiträume hinweg. Selbst ein halbes Jahrhundert ist in diesem Kontext eine kurze Zeitspanne. Prof. Dr. Giselher Kaule gab zunächst einen Überblick über den Wissensstand und das Verständnis der Moore in den 1970er Jahren, als er eine Ersterhebung der Moore Süddeutschlands in einer „Feuerwehrmaßnahme“ durchgeführt hat. Sie diente der Erstinventarisierung der noch vorhandenen Hoch- und Übergangsmoore und ihres Zustandes, als diese noch unter einem erheblich größeren Nutzungsdruck standen, als dies heute der Fall ist. Kaule machte klar, dass selbst 45 Jahre „verglichen mit den Entwicklungszeiträumen nicht viel, aber hinreichend für erste Aussagen“ seien. Die wiederholte Aufnahme auf Basis seiner damaligen Aufzeichnungen umfasst ca. 2.500 Polygone (GIS-Flächen) in 35 Mooren Bayerns und 400 Polygone in 41 Mooren Baden-Württembergs, so dass insgesamt 150 km2 Moorfläche von ihm bearbeitet wurden.

Die Ergebnisse, die 2015 in der Schriftreihe des LfU veröffentlicht wurden, überraschten. Erfreulich war, dass die Hochmoorwachstumskomplexe der Aufnahmeflächen zu über 95 % stabil geblieben sind. Bei günstigen Niederschlagsverhältnissen regenerierten verheidete Hochmoorflächen spontan während des Beobachtungszeitraumes. Am Rand der Moorverbreitung reichen hingegen die Niederschläge unter heutigen Temperaturen nicht mehr aus, um intakte Hochmoorvegetation zu erhalten, so dass es dort stellenweise auch ohne Eingriffe zu einer „natürlichen Degradation“ kam. Kaules Fazit in griffigen Faustzahlen lautet: bis 1.250 mm Jahresniederschlag kann Moorrenaturierung von „Moorheiden“ nur im Einstau gelingen, aber ab 1.400 mm vielfach sogar ohne Maßnahmen, durch spontane Vorgänge. Unter 1.050 mm Jahresniederschlag haben Moore bei derzeitigen Klimabedingungen hingegen keine „Eigenstabilität“ und degenerieren selbst ohne Beeinträchtigungen, zumal hier viel häufiger kritische Trockenperioden auftreten. Kaule plädierte daher dafür, in Hochmooren Renaturierungsmaßnahmen von der „Niederschlagszone“ abhängig zu machen, in der das Moor sich befindet. In Hochmoorflächen mit natürlichem Torfprofil möchte Kaule bei günstiger Niederschlagssituation Renaturierungseingriffe eher nur randlich durchgeführt sehen, oder ganz die Kräfte der spontanen Regeneration walten lassen.

Ernüchternd ist Prof. Kaules Bilanz der kartierten Braunmooskomplexe, Kalksinter-Quellmoore und kalkreichen Niedermoore. Hier sind sehr hohe Anteile der früheren Strukturen gestört und die Bestände erloschen, nicht überlebensfähig oder degeneriert, so dass er zu deren Erhalt einen extrem dringenden Handlungsbedarf sieht. Ähnlich düster sieht es mit Moorwiesen, sowie Auenversumpfungsmooren und ihren speziellen Pflanzenarten aus. Die noch vorhandenen Moorwiesen charakterisierte er 2015 als floristisch meist artenarme Ansaatwiesen.

Günstig erwies sich hingegen die Entwicklung der Moorwälder, deren naturnahe Ausprägungen über 45 Jahre weitgehend stabil blieben. Hinzu kommt, dass sich mehr als die Hälfte der untersuchten Fichtenbestände auf Hochmoortorfen zu strukturreicheren, sekundären Moorwäldern hin entwickelten.

Prof. Kaule ging am Beispiel Oberschwabens auch auf die Treibhausgas-Bilanz des aktuellen Moorbestandes ein, und verdeutlichte, dass die derzeitigen Emissionen aus nicht torfschonender Nutzung die Bindung von Treibhausgasen in den intakten Mooren in der Bilanz bei weitem übersteige. Diese Moore fungieren also in ihrer Summe derzeit nicht als Treibhausgas-Senke, sondern als Treibhausgas-Quelle.

Insgesamt zog Kaule ein kritisches Fazit, und forderte die Ausweisung weiterer Pufferzonen und Schutzflächen um und in schutzwürdigen Moorbereichen. Diese müssten an Topographie und Wassereinzugsgebiete angepasst sein. Vor allem im Grünland auf Moorböden sieht Kaule noch Potenzial für aktive „Klimagasbindung“ durch Vernässung und Extensivierung. Kaule stellt aber auch erhebliche Synergien im Moorschutz mit dem Grundwasser- und dem Hochwasserschutz fest.

Verlustbilanzen

Eine weitere Möglichkeit, sich der Frage zu nähern, wie sich die Moore in den letzten Jahrzehnten unter zunehmendem menschlichen Einfluss entwickelt haben, ist die Betrachtung ihres Torfschwundes, wie Dr. Werner Weinzierl vom Landesamt für Geologie, Rohstoffe und Bergbau am Regierungspräsidium Freiburg in seinem Vortrag berichtete. Grundlagen für die Berechnungen waren Messungen der Höhenverluste der Moore, die Erfassung der Lagerungsdichten und der C-Gehalte des Torfes. Die Basis des Höhenvergleichs bildeten die Höhenaufnahmen während der Aufnahmen zum Moorkataster in Baden-Württemberg von 1949 bis 1974, die ursprünglich dem Zweck der Nutzbarmachung des Torfes gedient hatten, und eine Wiederholung dieser Nivellements in den Jahren 2012/2013, sowie 28.823 Torfbohrungen. Der gemessene mittlere jährliche Höhenverlust lag in diesem Zeitraum zwischen 2,9 und 8,8 Millimetern, in Abhängigkeit vor allem vom Moortyp und der Nutzung. Die Moore Baden-Württembergs speichern nach den Berechnungen von Weinzierl 125 Millionen Tonnen CO2. Aus der festgestellten Moorschwundrate leitete das Team um Weinzierl auch eine Analyse des drohenden Substanz- und Flächenverlustes der einzelnen Moore ab, und kommt bis Mitte des Jahrhunderts auf einen potenziellen Flächenverlust an Moorboden von weiteren 6.300 ha. 655 Moore wurden hinsichtlich ihrer Vulnerabilität in eine Ranking-Liste aufgenommen.

Der Beitrag wurde intensiv diskutiert, da die Zahlen für die meisten Nutzungsarten deutliche Substanzverluste konstatieren. Die Analysen lassen sich im Zeitraum seit der Erstaufnahme allerdings nur bedingt bestimmten Nutzungsarten zuordnen, da der beobachtete Verlust im Gesamtzeitraum nicht zwangsläufig mit der gegenwärtigen Nutzung korrespondieren muss und frühere Nutzungen mangels Dokumentation meist nicht sicher bestimmt werden können.

Dr. Stefan Müller-Kroehling von der LWF berichtete über die Bedeutung des Moorwaldes für intakte Moore. Bei der Suche nach einem Leitbild oder Zielzustand müsse stärker als bisher beachtet werden, dass viele der süddeutschen Moore bereits ursprünglich zumindest teilweise mehr oder weniger licht bewaldet waren, was an der eher subkontinentalen Tönung der Moore im Vergleich zur atlantischen Moorregion Norddeutschlands begründet liegt.

Hinzu kommt, dass viele der Moore durch Sackung und Torfabbau einen stark veränderten Torfkörper aufweisen. Das so entstandene Relief führt dazu, dass auf Geländeerhebungen das Wasser nicht bis nahe der Oberfläche steht und damit Baumwachstum möglich ist. Die potenzielle natürliche Vegetation dieser Flächen ist aktuell Wald. Eine „vollständige Wiedervernässung“ dieser Moore wäre ohne massive Umgestaltung des Torfkörpers nicht immer möglich, selbst wenn man größere Wasserflächen mit ihren das Torfwachstum hemmenden Eigenschaften in Kauf nehmen würde. Solche Wasserflächen sind zudem in der Regel untypisch für Moore, und produzieren verstärkt Treibhausgase.

Moorwälder und Moorarten

Moorwälder würden oftmals als mutmaßliche „Wasserpumpen“ und „Verschatter“ eingestuft, führt Müller-Kroehling aus. Intakte Moorwälder und Moorrandwälder haben jedoch auch sehr günstige Wirkungen auf das Lokalklima des Moores, wie etwa einen „Oasen-Effekt“ des Moorrandwaldes und die Funktion als Ammengehölz. Moorrandwälder stellen ferner wertvolle Komplex- und Übergangs-Lebensräume dar. Das Kahlschlagen von Moorrandwald kann hingegen zerstörerische Wirkung auf das Moorklima und den Renaturierungserfolg entwickeln, wie zahlreiche Beispiele zeigen.

Die Wiederherstellung intakter Moorwälder aus naturschutzfachlichen Gründen und als Treibhausgas-Senke ist auf entsprechenden Standorten daher eine realistisch erreichbare und zielführende Option im Sinne des Moorschutzes.

Moorwälder tragen erheblich zur Artenvielfalt auf Mooren bei. Zielarten in Mooren sollten dabei nach Müller-Kroehling an erster Stelle die an Moore gebundenen Arten sein. Diese fänden sich zahlreich und z.T. bevorzugt in Moorwäldern. Den Ansatz einer Zusammenstellung aller dieser Arten aus möglichst vielen heimischen Artengruppen, „von der Ameise bis zur Zuckmücke“, stellte der Referent in Form des „Bayerischen Moorartenkorbes“ (MAK) vor. Sie kann als Grundlage dienen, um zukünftig objektiver Prioritäten im Moorschutz zu setzen und zu begründen.

Standortsaufnahmen in Mooren

Über die „Waldökologische Standortsaufnahme in Mooren“ berichteten Dr. Hans-Gerhard Michiels und Diana Weigerstorfer von der FVA Freiburg. Mit der „Gesamtkonzeption Waldnaturschutz“ (GK WNS) von ForstBW werden seit 2014 die Naturschutzziele für den Staatswald Baden-Württembergs in 10 Teilzielen fokussiert und bis 2020 verbindlich umgesetzt. Ziel 5 der GK WNS gibt vor, dass die Biotopqualität von Mooren, Auen und anderen Nassstandorten im Staatswald zu sichern oder wieder herzustellen ist. Es nimmt damit auf das Ziel „Klimaschutz und Moore“ der landesweiten Naturschutzstrategie Baden-Württemberg Bezug. ForstBW und die Naturschutzverwaltung arbeiten daher bei der Erstellung und Umsetzung der aus der Naturschutzstrategie abgeleiteten, umfassenden Moorschutzkonzeption Baden-Württemberg eng zusammen.

In einem ersten Schritt wurden Flächen mit organischen Substraten sowie die vorhandenen hochwertigen Biotope auf organischen Standorten bilanziert. Dafür wurden das Moorkataster Baden-Württemberg, die Forstliche Standortskartierung und die Waldbiotopkartierung ausgewertet. Methodische Probleme ergeben sich dadurch, dass letztere beide Erhebungsverfahren ursprünglich für andere Zielsetzungen konzipiert wurden und der Datenbestand daher in Teilen neu interpretiert werden musste. Auch sind 31 % der Waldfläche Baden-Württembergs standortskundlich nicht mit digitalen Daten erfasst, davon viele Flächen im moorreichen Oberschwaben und auf der Baar.

Das Moorkataster verzeichnet insgesamt ca. 45.000 ha Moore in Baden-Württemberg, wovon etwa 13.000 ha im Wald verortet sind. In der Forstlichen Standortskartierung sind, bedingt durch Kartierlücken, ca. 11.300 ha organisch geprägte Standorte inkl. Moore dokumentiert. Als regionale Besonderheit erfasst die Standortskartierung im Nordschwarzwald auch Missen – das sind mineralische Nassböden, die zum Teil Torf- oder Feuchthumusauflage von 15 bis 30 cm Mächtigkeit besitzen. Die Waldbiotopkartierung weist ca. 5.600 ha hochwertige Biotopflächen auf organischen Standorten aus. Darin sind sowohl offene Moorflächen, als auch Moorwälder im Sinne der FFH-Richtlinie, typische Missen und Torfstich-Sekundärbiotope enthalten. Insbesondere verfügt Baden-Württemberg noch über einen beachtlichen Bestand an hochwertigen Bergkiefern-Moorwäldern.

Diese flächenscharf vorliegenden Zahlen stehen nun für weitere Auswertungen zum Zustand, zur aktuellen Gefährdung und als Grundlage für Erhaltungsmaßnahmen der Waldmoore zur Verfügung. Zudem fließen sie in das landesweite Moor-Renaturierungskataster, einem Teil der Moorschutzkonzeption des Landes, ein. Eine weitere Konsequenz der Auswertung ist, dass künftig forstliche Standortskartierungen auf Moorflächen nach einem erweiterten Aufnahmeverfahren durchgeführt werden, das an die Anforderungen im Moorschutz angepasst ist. Dabei werden Substratschichtung, Art und Zersetzungsgrad der organischen Substanz, sowie der Wasserhaushalt detailliert in einem engen Raster erfasst.

Stefan Müller-Kroehling, Kaisu Makkonen-Spiecker

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