Die Firma Geistdörfer schneidet mit dem Kleinbagger eine Hochspannungsleitung frei

Geistdörfer Forstservice: Vielseitigkeit ist Trumpf

05. März 2020

Die Firma Geistdörfer aus Altbach bedient Kunden als Forstservice, Baumpfleger und Landschaftsbauer. Die Geschäftsbereiche befruchten sich gegenseitig und sichern nicht nur für eine gute Maschinenauslastung, sondern auch eine vielseitige Ausbildung.

Stephan Geistdörfer startete 1999 als Ein-Mann-Betrieb: Nach dem Forststudium in Weihenstephan ging er zurück in seine Heimat Altbach, etwa 20 km östlich von Stuttgart. Der Sturm Lothar hatte dort für viel Schadholz gesorgt, dem Geistdörfer damals kurzerhand mit zwei Motorsägen und einem 25 Jahre alten VW-Bus entgegentrat. Zusammen mit Studienkollegen wagte er sich damals in die Selbstständigkeit, der erste Mitarbeiter ließ nicht lange auf sich warten. Heute – rund 20 Jahre später – besteht der Betrieb aus 40 Kollegen in unterschiedlichen Bereichen.

Baumpflege

In der Region gab es vor allem einen Bedarf für Sonderfällungen und Baumpflege. „Obwohl das sehr in den Garten- und Landschaftsbau reicht, hat uns die Erfahrung aus dem Forst hier sehr geholfen. Den klassischen Galabau-Betrieben hat hier einfach das Fachwissen und später auch die Maschinenausstattung gefehlt“, erklärt Geistdörfer seine Nische. Prinzipiell erledigt seine Firma inzwischen alles, was mit Bäumen zu tun hat, die Überlappung zwischen klassischem Forstservice und dem Landschaftsbau inklusive Baumkletterarbeiten sorgt für eine gute Auslastung des Maschinenparks und bietet den Mitarbeitern abwechslungsreiche Tätigkeiten.

Wir fahren nicht in den Harz

Anteilig nehmen dabei die Sonderfällungen und Pflegearbeiten die meiste Zeit ein, klassische Forstarbeit bringt etwa ein Viertel des Umsatzes, da sie nur wenige Monate im Jahr ausgeübt wird. „Wanderbewegungen gibt es bei uns nicht. Wir fahren also nicht in den Harz, wenn uns die Waldarbeit hier ausgeht. Durch unsere Vielseitigkeit sind wir das ganze Jahr über in der Region ausgelastet, auch die Maschinen“, erklärt Geistdörfer. Die Tätigkeiten sind aber nicht immer klar zu trennen, etwa bei Sonderfällungen fällt auch stärkeres, vermarktungsfähiges Holz an, trotzdem ist das keine klassische Forstarbeit.

Eine Frage der Ausbildung

Den vielbeklagten Fachkräftemangel spürte er schon vor zwölf Jahren, gelernte Forstwirte waren auf dem Arbeitsmarkt nicht zu finden. Daher entschloss er sich, seinen Bedarf über eigene Azubis zu decken: „Damals ein Novum in Baden-Württemberg, wo sonst nur die staatlichen Stellen ausbildeten.“ Damit er als Ausbilder nicht alles selbst übernehmen musste, ging sein Mitarbeiter Jonas Stanko an die Meisterschule in Königsbronn, er war damals einer der jüngsten Absolventen des Bundeslandes.

Kurz vor der Fertigstellung der Kombirückemaschine HSM 805 HDF reisten die drei Forstwirtschaftsmeister der Firma Geistdörfer mit ihren Forstwirt-Azubis zu einer Werksbesichtigung nach Wolfegg
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Schließlich gab eine Prüfungskommission des Forstlichen Bildungszentrums Königsbronn dann grünes Licht, und Stephan Geistdörfer konnte endlich den ersten Lehrling einstellen. Heute laufen fünf Azubis parallel, ideal seien pro Lehrjahr zwei Kandidaten, es waren aber auch schon mal drei: „Wir geben auch Schwächeren mal eine Chance. Wenn dann doch einer abbricht, ist das nicht so wild“, erklärt er seine Strategie.

Azubi Vincent Leyhr

In der Regel übernimmt die Firma alle unbefristet was sie auch von Anfang an so kommuniziert. 40 % der Mitarbeiter hat Geistdörefer selbst ausgebildet. Einer seiner aktuellen Azubis ist Vincent Leyhr, der im 2. Lehrjahr steckt. Er kann sich keinen anderen Job vorstellen: „Mein Großvater war Förster und hat mir die Verbindung zum Wald und der Arbeit wahrscheinlich in die Wiege gelegt.“

Die angehenden Forstwirte lernen bei Geistdörfer nicht nur die Arbeit mit der Motorsäge, sondern sie durchlaufen von der motormanuellen Holzernte bis zum Rücken mit der Maschine alle Tätigkeiten des Unternehmens. „Bei uns muss jeder die Folgearbeiten mit bedenken und lernt das auch so. In anderen Betrieben, wo das Rücken beispielsweise erst später ein zusätzlicher Dienstleister erledigt, schaut der Mann mit der Säge womöglich nicht so genau hin, ob er den Baum so gefällt hat, dass er auch gut abtransportiert werden kann. Zumal er vielleicht einfach nicht weiß, ob nach ihm eine Maschine mit Seilwinde oder nur mit einem Kran arbeitet“, sagt Geistdörfer.

Komplettanbieter

2019 hat die Firma Geistdörfer diesen Sechsrad-Skidder HSM 805 HD gekauft
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Auch aus diesem Grund hat er 2019 einen Sechsrad-Spezialschlepper von HSM gekauft: Der 129 kW starke 805HD 6WD hat eine Doppeltrommelwinde im Heck, zudem einen Epsilon-X140F-Kran und eine Klemmbank montiert, die auch gegen einen Rungenkorb für Kurzholz getauscht werden kann. Neben dem flexiblen Konzept und den immer häufiger von Kunden geforderten drei Achsen war ein Entscheidungskriterium auch die räumliche Nähe, denn HSM fertigt nur etwa 90 km entfernt von Geistdörfers Betrieb. Servicetechniker sind so schnell vor Ort, zudem sind die Maschinen in der Region als zuverlässig bekannt.

Vielseitiger Einsatz

Aber nicht immer müssen die Maschinen in der schweren Forstarbeit ran, obwohl das eigentlich ihre Kerndisziplin ist. Beim Freischneiden eines Bachlaufes reizte der ebenfalls betriebseigene Kotschenreuther 260R die Hubkraft seines S110F-Krans zwar nicht voll aus, seine 10 m Reichweite verbunden mit der Wendigkeit aber waren sehr viel wert: So mussten die Spezialisten an den Freischneidern das Gestrüpp nicht selbst zum Lkw ziehen, sondern schafften alles mit dem Kran weg. „Ein regulärer Landschaftspfleger würde für solche Aufträge keine Maschine anschaffen. Da sie bei uns dank der Forstkompetenz aber im Maschinenpark vorhanden ist, kann sie auch hier helfen“, erklärt Geistdörfer.

Nach einem Sturm arbeiten Geistdörfers Leute mit dem Hubsteiger einige angeschobene Birken auf. Das Zugfahrzeug ist ein PM-Trac von Pfanzelt
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Der Forsttraktor R200 von Kotschenreuther wird immer wieder auch außerhalb des Waldes eingesetzt, hier bei der Beseitung von Gehölzaufwuchs an einem Graben
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Er möchte so viel körperliche Arbeit wie möglich an die Maschinen delegieren: „Durch meine Maurerlehre und die Jahre im Forst weiß ich da auch, wovon ich spreche.“ Daher sind beide Lkw ebenfalls mit einem Kran ausgestattet, zudem läuft noch ein 7,5-t-Bagger im Fuhrpark, ebenso ein weiterer Forstschlepper von Pfanzelt, der unter anderem mit einen Forstmulcher arbeitet. Für die höheren Maßnahmen stehen zwei 12-t-Lkw mit 30-m-Arbeitsbühnen von Palfinger bereit.

Baumpflege

In den warmen Monaten läuft die Baumpflege samt Kletterseil und Bühne auf Hochtouren, was nach Geistdörfers Ansicht ebenfalls ein wichtiger Punkt für die Ausbildung ist: „Nach den drei Jahren haben die Lehrlinge einen umfassenden Erfahrungsschatz was klassischen Forsteinsatz inklusive Maschinen betrifft. Aber eben auch detaillierte Einblicke in die Gehölzpflege, vom einzelnen Obstbaum bis zum großflächigen Schnitt an Straßen und Wegen.“ Den Basis-Kletterschein SKT-A haben sie dann meist schon in der Tasche, auch Azubi Vincent freut sich schon darauf. Zusätzlich bekommen er und seine Kollegen so einen Einblick in das Thema Landschaftsbau. Denn von der Pflanzung in Privatgärten bis zu größeren Ausgleichsmaßnahmen bietet Geistdörfer in diesem Bereich alles an was grünt, lediglich Steinarbeiten übernimmt er nicht.

„Der Schwerpunkt der Ausbildung ist natürlich der Forst. Ab und an ein Blick über den beruflichen Tellerrand erweitert hier aber das Fachwissen für einen besseren Blick auf das große Ganze“, ist sich Geistdörfer sicher. Nach der Lehre versucht der Chef für jeden einen passenden Bereich zu finden, da sich der eine eventuell mehr im Holzeinschlag sieht, ein anderer aber eher für die kletternden Pflegearbeiten begeistert. Auch hinsichtlich der weiteren Fortbildungen – etwa Forstwirtschaftsmeister oder Fachagrarwirt für Baumpflege – ist das sinnvoll. Entsprechende Maßnahmen fördert Geistdörfer aktiv und bezahlt diese auch – ohne Rückzahlungsklauseln – vom SKT-B über Lkw-Führerschein bis zum European Treeworker. Künftig werde sicher auch das Thema Maschinenführung noch wichtiger werden.

Klare Meinung

Seine Kollegen kann er bei diesem Thema nicht verstehen: „Einerseits jammern alle, dass sie keine Fachkräfte bekommen, gleichzeitig will aber keiner ausbilden. In ganz Baden-Württemberg gibt es neben uns nur noch ein bis zwei Dienstleister mit je einem Azubi. Im Handwerk dagegen bildet fast jeder Zwei-Mann-Betrieb – vom Schreiner bis zum Installateur – einen Lehrling aus“, wundert sich Geistdörfer.

„Warum sich unsere Branche hier so schwer tut, kann ich nicht nachvollziehen und finde das sehr schade.“ Auch bei den Kommunen und anderen öffentlichen Arbeitgebern gehe die Lehrlingszahl zurück. Gleichzeitig würde durch neue Strategien wie den europäischen Sägenführerschein der Qualitätsanspruch zurückgeschraubt, was seiner Ansicht nach kontraproduktiv ist: Denn gerade die Arbeiten mit komplexen Maschinen oder anspruchsvolle Fällungen, die der Harvester nicht schafft, nehmen zu. Dafür bräuchte es entsprechend gut ausgebildete Leute. „Billige Arbeitskräfte, die nur abstocken können, braucht bald keiner mehr“, ist sich Geistdörfer sicher.

Keine strengen Hierarchien

Subunternehmer oder freie Mitarbeiter gab es bei ihm nur ganz am Anfang, eigentlich sind fast seit Beginn an alle Kollegen fest angestellt. Dabei sind ihm seit jeher auch die Löhne wichtig, die sich am GaLaBau-Tarif orientieren, zusätzlich gibt es Prämien. So sind inzwischen einige schon über zehn Jahre dabei, einer sogar schon 17 Jahre.

Organisiert ist die Firma nicht nach strengen Hierarchien, der Chef gibt seinen Kollegen viel Verantwortung, wodurch alles auch laufen würde, wenn er mal länger ausfiele. Zwei Bauleiter erstellen selbst Angebote und rechnen ihre Projekte komplett selbst ab, die drei Meister kommunizieren während der Aufträge ebenfalls selbst mit Förster und Co. Als Unternehmer sieht er es aber kritisch, diesen kommoden Zustand nur aufrechterhalten zu wollen: „Wir sind jedes Jahr mit neuen Ideen und damit auch Maschinen und Mitarbeitern nach vorn gegangen.“

Ein gesundes Wachstum ist ihm daher wichtig, wobei dazu auch gehört, dass die Firma keinerlei Kredit oder Leasingverträge laufen hat: Alle Maschinen sowie die Halle inklusive einer 160-kWp-Photovoltaik und Hackschnitzelheizung sind bezahlt.

„Die PV-Anlage macht die Firma klimaneutral, ich selbst fahre seit fünf Jahren ein E-Auto. Nachhaltigkeit beziehe ich aber nicht nur auf CO₂, sondern das bedeutet auch ein langfristig gut funktionierendes Team samt eigener Ausbildung, investiert wird generell nur mit Eigenkapital“, so Geisdörfer. Er beweist damit, dass es – entgegen häufigen Ansichten – absolut möglich ist, ein respektables Dienstleistungsunternehmen mit stattlichem Fuhrpark aufzubauen, dabei gute Löhne zu zahlen und alles in einer Region zu belassen. Denn wenn die Qualität stimmt, kann man auch entsprechende Preise aufrufen.

Tobias Meyer