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Funkkeile bei der BaySF: Offensive für die Sicherheit

Das sichere Zufallbringen von abgängigen Laubbäumen, insbesondere Buchen, ist derzeit ein viel diskutiertes Thema. Die Bayerischen Staatsforsten haben sich schon frühzeitig mit ferngesteuerten Fällhilfen auseinandergesetzt und in einem großen Rundumschlag insgesamt 130 Systeme für ihre Forstwirte beschafft.

Es ist Montag, 9. September 2019: Am Forstlichen Bildungszentrum der Bayerischen Staatsforsten (BaySF) in Buchenbühl sitzen die Sicherheitsbeauftragten von 17 Forstbetrieben im Lehrsaal. Heute ist der letzte von drei Terminen an denen die Handhabung, Wartung und Pflege, sowie verschiedene Schnitttechniken für ein neues Arbeitsmittel geschult werden. Als erster Forstbetrieb in Deutschland – vermutlich sogar in der Welt – führen die Bayerischen Staatsforsten flächendeckend fernbedienbare Fällhilfen für ihre Forstwirte ein. „Wir beschäftigen uns seit nunmehr gut zweieinhalb Jahren mit dem Thema ferngesteuerter Fällhilfen und waren bei der Entwicklung und Erprobung der beiden Systeme vom Prototypenstadium bis zur Marktreife beteiligt“, erläutert Johannes Windisch vom Team Technische Produktion. „In enger Zusammenarbeit mit den Herstellern haben wir vom Team, unsere Forstwirtschaftsmeister und auch die Fachkräfte für Arbeitssicherheit viel Zeit investiert. Schwer gefallen ist uns das nicht. Bereits der erste Prototyp, den wir im Frühjahr 2017 bei Robert Strixner bestellt hatten, hat uns vom Potenzial der Technik überzeugt.“

Unterweisung

Am unterfränkischen Forstbetrieb Arnstein bereitet unterdessen Forstwirtschaftsmeister Stefan Rittweger seinen Forstreich TR 300 für den Hieb vor: Spindel und Federstahlplatten fetten, die 9-Ah-Akkus aus dem Mehrfachladegerät nehmen, Ladestand kontrollieren, Funktionstest von Keil und Fernbedienung – und schon kann es losgehen. Nach den zwei Wochen, die seit Rittwegers eigener Schulung vergangen sind, laufen die Handgriffe bei ihm schon routiniert ab. Gemeinsam mit Forstwirten des Betriebes steht heute ein anspruchsvoller Einsatz auf dem Dienstplan: Am Forstbetrieb Arnstein sterben derzeit, wie mittlerweile vielerorts in Deutschland, in erheblichem Umfang die Buchen ab. „Wir schätzen mittlerweile über 20 000 Fm, in Teilen wertvolles Stammholz“, erläutert Betriebsleiter Christoph Riegert die Situation. „Die Aufarbeitung ist durch den außergewöhnlich hohen Anteil an Kronentotholz extrem gefährlich. Wenn wir die betroffenen Bestände jedoch nicht zeitnah durcharbeiten, entgeht uns nicht nur die Wertschöpfung dieser seit Generationen gepflegten Bäume. In den Beständen selbst stellen sich durch die Masse an stehendem Totholz auf Jahre hinaus Fragen der Arbeitssicherheit und Begehbarkeit. Eine geregelte, nachhaltige Forstwirtschaft zum Erhalt der Ökosystemleistungen wird hier auf eine harte Probe gestellt. Letztlich bedarf es einer überlegten Aufarbeitung, um auch weiterhin naturnahe, klimastabile Mischwälder aufbauen und erhalten zu können.“

Statt Seilunterstützung

Wo immer es vertretbar ist, ohne Seilwinde zu arbeiten, kommen heute die Funkkeile zum Einsatz. Rittweger hat die erste abgestorbene Buche vorbereitet – ein Vorhänger. Zur Fällung verwendet er die Sicherheitsfälltechnik mit unterschnittenem Halteband. Um die Fällhilfe weiter in den Fällschnitt einsetzen zu können und somit ein besseres Verkeilen zu ermöglichen, wird der Fällschnitt um eine Schwertbreite, also etwa 1 cm, nach oben und unten erweitert. Nachdem der Fällkeil in den Schnitt gesetzt und per Drucktaste am Gerät vorgespannt wurde, wird das Sicherheitsband in einem Abstand von mindestens 20 cm vollständig unterschnitten. Aus Lehrbuchsicht ist diese Technik bei Vorhängern eher exotisch. In Verbindung mit den ferngesteuerten Fällhilfen bieten sie jedoch einen entscheidenden Vorteil: Die Bindung zwischen den Holzfasern hält den Stamm in Position bis Rittweger sich ohne Hektik in die vorbereitete Rückweiche in Sicherheit gebracht hat. Per Knopfdruck löst er aus sicherer Entfernung mit guter Sicht auf Stock und Krone den Keil aus, der mit seinen starken Hubkräften die Faserbindung abschert und den Vorhänger zu Fall bringt.

In der Unternehmenszentrale in Regensburg war man von der neuen, revolutionären Technik von Anfang an überzeugt. „Mit Blick auf die Arbeitssicherheit versuchen wir den Mechanisierungsgrad unserer Hiebsmaßnahmen so hoch wie möglich zu halten“, erläutert der Vorstandsvorsitzende des Unternehmens Martin Neumeyer. „Unstrittig ist jedoch, dass im naturnahen Waldbau gut ausgebildete Forstwirte auch in Zukunft eine wichtige Rolle in der Holzernte spielen werden. Dabei ergänzen sich Mensch und Maschine übrigens auch sehr gut – es geht hier nicht um entweder oder. Gerade in laubholzreichen, vorausverjüngten Beständen ist die Präzision der Forstwirte bei der Fällung und somit die Verjüngungs- und Bestandesschonung unerreicht. Um deren Arbeit sicherer zu machen, nehmen wir auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten aus Überzeugung Geld in die Hand.“

Personalvorstand Reinhardt Neft ergänzt: „Im vergangenen Geschäftsjahr haben wir bereits eine neue Generation der Persönlichen Schutzausrüstung aus modernsten Materialien ausgerollt. Direkt im Anschluss wurden unserer Forstwirte flächendeckend mit Funkgeräten ausgestattet. Die Geräte verfügen über einen Passivalarm, der die Partie alarmiert, wenn ein Kollege auf dem Boden liegt und sich über 45 s nicht mehr bewegt hat. Unseren Leuten nun auch noch ein neues Werkzeug zur Verfügung stellen zu können, mit dessen Hilfe sie bei der Fällung räumlich von der Gefahrenquelle getrennt sind, ist ein Quantensprung im Bereich der Arbeitssicherheit.“ Nach den ersten erfolgversprechenden Versuchen durch das Team Technische Produktion regte Neft einen groß angelegten Praxistest mit 20 Systemen an. Nach durchweg positiven Rückmeldungen gaben die Vorstände kurzfristig Mittel für die Beschaffung frei. „Insgesamt stehen unseren Forstwirten an den Betrieben nun 130 funkferngesteuerte Fällhilfen zur Verfügung.“ Ein Umstand, der bei den Sicherheitsbeauftragen in Buchenbühl sehr gut ankommt. Von der Bedarfsabfrage bis zur Ausgabe der Keile an die Betriebe und die Schulung der Mitarbeiter vergingen gerade einmal drei Monate.

Zwei Alternativen

Während der Forstreich TR 300 aufgrund seiner Handlichkeit in den Standardhieben bis hin ins starke Holz geschätzt wird, haben die Strixner-Systeme ihre Vorzüge in Hieben mit starkem und überstarkem Holz und besonders im Laubholz. „Hier bringt die Hydraulik die Kraft einfach besser ins Holz und arbeitet sehr zügig. So können wir den Großteil der Buchen aus den Femeln herausfällen anstatt sie gezwungenermaßen in die Verjüngung zu schmeißen“, sind sich Christoph Hemmerich, Lukas Küber und Julian Schwender einig. „Man hätte sich bei dieser Arbeit einfach zu Tode gekeilt.“ Die drei Forstwirtschaftsmeister aus Unterfranken sind Tester der ersten Stunde und haben bereits etliche Festmeter mit beiden Systemen gefällt. „Neben dem ergonomischen Nutzen ist der Sicherheitsgewinn durch die Funkauslösung der größte Vorteil der neuen Technik. Durch die hohen Hubkräfte erleben wir jedoch auch eine Qualitätssteigerung bei der Holzernte, gerade im Laubholz“.

Hinter Strixner und Forstreich stehen zwei völlig unterschiedliche Konzepte, die wir in der Forst & Technik bereits ausführlich beschrieben haben. In der Praxis zeigen beide ihre Stärken in unterschiedlichen Bereichen. Das hydraulische Strixner-Fällsystem zeichnet sich durch hohe Hubkräfte und Energieeffizienz aus. Ein 5-Ah-Akku reicht selbst im stärksten Holz in den meisten Fällen über den gesamten Arbeitstag. Die Hydraulikpumpe hält ihre Förderleistung auch unter Volllast konstant hoch. Durch diesen gleichmäßigen Vorschub arbeitet das System nicht nur absolut erschütterungsfrei, sondern bringt selbst schwerste Bäume in kurzer Zeit zu Fall, was nicht zuletzt eine nennenswerte Zeitersparnis bedeutet. Wegen der kaum hörbaren Betriebsgeräusche der Hydraulikpumpe ist in wenigen Metern Abstand nicht mehr wahrzunehmen, dass hier gerade gewaltige Kräfte am Werk sind. Der Forstwirt ist so in der Lage während des Keilvorgangs jede Reaktion im Holz zu hören, gerade im Stark- und Totholz ein großer Vorteil. Jedoch sind auch erhöhte Aufmerksamkeit bei der Beobachtung des Gefahrenbereichs und wiederholte Warnrufe absolute Pflicht.

Der Forstreich TR 300 beruht auf dem bekannten Schlagschrauber-Prinzip, der über eine Spindel den Keil antreibt. Durch die hohen Reibungsverluste ist der Keil zwar weniger energieeffizient – zwei 9-Ah-Akkus sollte man für einen Arbeitstag schon im Gepäck haben – besitzt jedoch eine sehr kompakte und vergleichsweise leichte Bauweise, die den Forstwirten grundsätzlich entgegenkommt. Über zusätzliche Achtungsrufe muss man sich keine Gedanken machen. Das Gerät ist mit über 100 dB, die das Schlagwerk unter Last von sich gibt, weit zu hören. „Was uns wirklich beeindruckt hat, war die Robustheit des Apparates“, erklärt Florian Noll vom Team Technische Produktion. „Gerade in der Testphase haben wir natürlich auch die Grenzbereiche ausgelotet. Obwohl wir uns des öfteren gute Chancen ausgerechnet hatten, haben wir eigentlich kein Gerät klein gekriegt.“

Brisant

Beim Aufprall auf den Boden zersplittern die verpilzten Kronen in lauter kleine Teile Foto: H. Höllerl

„Zum Zeitpunkt, als wir uns für die Beschaffung entschieden haben, war das Thema absterbende Buche noch gar nicht in dieser Form präsent. Der Klimawandel und seine hohe Dynamik stellen uns da heute vor ganz neue Herausforderungen. Wir sind sehr froh, dass wir unsere Forstwirte schon frühzeitig in dieser für uns alle neuen Situation mit modernsten Arbeitsmitteln für maximale Arbeitssicherheit ausrüsten können,“ zeigt sich der Vorstandsvorsitzende Martin Neumeyer erleichtert.

BaySF / Heinrich Höllerl

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