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Danzer-Gruppe vom FSC suspendiert

Danzer-Gruppe vom FSC suspendiert

(Aktualisiert am 06.06.2013) Am 21. Mai 2013 gab der Verwaltungsrat des Forest Stewardship Council International (FSC, Bonn) bekannt, bis auf weiteres „widerstrebend, aber entschieden“ alle vertraglichen Verbindungen zur Danzer-Gruppe mit Hauptsitz in Baar (Schweiz) und Reutlingen zu beenden. Grund seien gravierende Menschenrechtsverletzungen im Jahr 2011 in der Demokratischen Republik Kongo durch die damals noch zur Danzer-Gruppe gehörende kongolesische Tochterfirma Siforco, die im März 2012, wie die Danzer-Tochter Cotraco (Transport), an die amerikanisch-belgische Groupe Blattner Elwyn (GBE) verkauft wurde.

Eine Fortsetzung der Zusammenarbeit mit Danzer hätte „Glaubwürdigkeit und Ruf des FSC“ aufs Spiel gesetzt, sie werde erst wieder aufgenommen nach Erfüllung einer Reihe von Forderungen: So müssten zunächst im Kongo versprochene soziale Einrichtungen errichtet, Konfliktlösungs-Strategien verbessert und die Fortschritte von unabhängiger Seite gegenüber dem FSC dokumentiert werden. Die Danzer-Gruppe akzeptierte die Entscheidung und hat laut eigener Pressemitteilung ein renommiertes Friedensforschungs-Institut mit der Klärung beauftragt.

Greenpeace begrüßte die FSC-Entscheidung ausdrücklich: Die Reaktion des FSC geht unter anderem zurück auf eine Beschwerde von Greenpeace aus dem November 2011, auf die hin Danzer wie Greenpeace der Einrichtung einer Beschwerde-Kommission zustimmten.

Strafanzeige erstattet

Wegen der Vorfälle im Kongo von Anfang Mai 2011 erstatteten am 25. April 2013 die Menschenrechts-Organisationen „European Center for Constitutional and Human Rights“ (ECCHR, Berlin) und Global Witness (London) Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft Tübingen wegen „Beihilfe durch Unterlassen“ gegen Olof von Gagern, früheres Mitglied des Deutschen Holzwirtschaftsrates, bei Danzer zuständig für das Afrika-Geschäft und damals in Reutlingen tätig.

Von Gagern bedauerte gegenüber der „Deutschen Welle“ die Vorfälle, bestritt allerdings eine Verantwortung seines Unternehmens und kommentierte die Strafanzeige in der Wochenzeitung „Die Zeit“ mit den Worten: „Absurd! Reine Effekthascherei“. Der Sprecher der Staatsanwaltschaft Tübingen, Dr. Alexander Hauser, bestätigte, dass man gegenwärtig das Vorliegen eines Anfangsverdachtes prüfe, was den Monat Juni in Anspruch nehmen könne.
 
Gegenüber Forst&Technik stellte von Gagern klar, dass Danzer sich dem Beschluss des FSC beuge, ohne dem Bericht der FSC-Beschwerde-Kommission oder dem jetzigen Beschluss auf Beendigung der Zusammenarbeit zuzustimmen. Während die Beschwerde-Kommission in ihrem Bericht vom Januar 2013 eine mindestens einjährige Aussetzung der Zertifizierung empfahl, werden die geforderten Einrichtungen im Kongo laut von Gagern voraussichtlich spätestens Ende dieses Jahres fertig sein.

Die Vorfälle

Am 20. April 2011 waren aus einem Lager der damaligen Danzer-Tochter Siforco in der Region Yalisika (Provinz Équateur, Dem. Rep. Kongo) von Bewohnern des nahen Dorfes Bosanga ein Radio, ein Solarpanel, Batterien und Kabel entwendet worden, weil das Unternehmen seine Versprechen auf den Bau von Straßen, Schulen und einer medizinischen Einrichtung im Dorf Bongolu-Yanzeka nicht eingelöst habe und man es so unter Druck setzen wollte. Das Unternehmen verständigte die lokalen Behörden, es sei Gewalt gegen seine Mitarbeiter angewendet worden, worauf wiederum die Dörfler die sonst in solchen Fällen üblichen, weiteren Verhandlungen ablehnten.

Polizei und Militär wurden Ende April eingeschaltet, ca. 60 Mann stark fielen sie in der Nacht vom 1. auf den 2. Mai 2011 auf einem Siforco-Lkw ins Dorf Bosanga ein. Laut Greenpeace und ECCHR vergewaltigten sie Frauen, verprügelten Bewohner, nahmen zahlreiche Menschen fest und zerstörten Häuser. Der verprügelte Dorfbewohner Frédéric Moloma Tuka sei in der folgenden Nacht seinen Verletzungen erlegen, einige Tage nach dem Übergriff wurde einem NGO-Vertreter ein frisches Grab gezeigt.

Die Angreifer seien nach der Aktion von einem leitenden Siforco-Mitarbeiter bezahlt worden, so Greenpeace und ECCHR. Sie werfen der früheren Danzer-Tochter und dem Afrika-Chef von Danzer persönlich vor, die Menschenrechtsverletzungen ausgelöst zu haben: Sie hätten aus Erfahrung vorher wissen müssen, wie Polizei und Militär im seit langem von Krieg und Machtkämpfen erschütterten Kongo vorgehen und sie daher nicht einschalten dürfen.

Bericht der FSC-Auditoren

Ministerien, NGOs und lokale Behörden begannen lang dauernde Untersuchungen. Ende Juli bis Anfang August 2011 wurden die Vorfälle auch vom FSC-Auditor SGS Qualifor im Rahmen einer Nachkontrolle des im Vorjahr auf 523.340 ha zertifizierten Unternehmens (Zertifikats-Nr. SGS-CW/FM-008062) ausführlich vor Ort untersucht, man sprach u.a. mit lokalen Behörden, Vertretern dortiger Umweltschutz-Verbände und betroffenen Dorfbewohnern, medizinische und Polizeiberichte sowie Zeugenaussagen wurden eingesehen.

Laut dem SGS-Bericht rief nicht Siforco die Polizei zu Hilfe, sondern die lokalen Behörden, was für die staatsanwaltlichen Ermittlungen wichtig sein könnte. Drei angebliche Vergewaltigungs-Opfer widerriefen ihren Vorwurf, die übrigen verstrickten sich in Widersprüche, wie auch eine lokale Ärztekommission bestätigt habe. Die Beschlagnahme von Firmenfahrzeugen für polizeiliche Zwecke sei im Kongo üblich, für eine Bezahlung der Polizeikräfte durch Siforco fand SGS keine Bestätigung. 109 Bewohner von Yalisika hätten bei einer Versammlung am 30. Juli 2011 ausgesagt, sie seien von Lokalpolitikern aufgestachelt worden, gegen Siforco vorzugehen, weil das Unternehmen die Region verlassen wolle, ohne seine Versprechen einzulösen. Anzeige sei auch im Kongo bei einem lokalen Gericht erstattet worden, und zwar gegen die örtlichen Behörden.

FSC unter Druck?

Greenpeace startete erst im November 2011 eine Kampagne gegen die Danzer-Gruppe: Während eines Besuches im betroffenen Dorf im Kongo wurden erneut Zeugen befragt, außerdem führte man Aktionen in Europa gegen laut Greenpeace illegal von Danzer gehandeltes Tropenholz durch, so im Hafen von Caen (Frankreich).

Auffallend ist, dass FSC International erst einen Monat nach der Anzeige durch das ECCHR vom April 2013, somit eineinhalb Jahre nach Einsetzen der eigenen Beschwerde-Kommission, die Danzer-Gruppe um des eigenen Rufes willen suspendierte, während das FSC-Siegel gleichzeitig von Umweltverbänden und in den Medien – so am 3. Juni 2013 im NDR-Fernsehen, oder seit einiger Zeit durch das 2012 erschienene „Schwarzbuch FSC“ – z.B. wegen seiner sogar innerhalb Europas widersprüchlichen Standards kritisch hinterfragt wird. Sehr fragwürdig wird die aktuelle, in der Fachpresse teils heftig kritisierte FSC-Entscheidung, weil im öffentlich zugänglichen Bericht der FSC-Beschwerde-Kommission der zeitnah verfasste Bericht des FSC-Auditors SGS, der Siforco und somit Danzer von wesentlichen Vorwürfen entlastet, mit keiner Silbe erwähnt wird. 

Für die Danzer-Gruppe dürfte die Suspendierung ein PR-Desaster mit erheblichen wirtschaftlichen Auswirkungen darstellen. Hatte von Gagern den Anteil des Afrika-Geschäftes am Danzer-Umsatz in einem Interview mit dem Holz-Zentralblatt vom Juni 2005 auf „rund 11 %“, beziffert, so liegt dieser Anteil ihm zufolge heute deutlich höher, ohne dass er Details nennen wollte. Danzer darf nun seine bis zur Bekanntgabe der Aussetzung abgeschlossenen Geschäfte nur noch bis 21. August mit dem FSC-Siegel abwickeln.
Dabei gelten die auch nach dem Siforco-Verkauf über die (bislang) FSC-zertifizierte Danzer-Tochter IFO fortgesetzten Aktivitäten in der nordwestlich benachbarten Republik Kongo als ökologisch wie sozial vorbildlich und waren u.a. Gegenstand der 2011 bei WDR und Arte von Grimme-Preisträger Thomas Weidenbach produzierten Dokumentation „Kongo – Gorillaschutz mit Kettensäge“.
Axel Jönsson

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