Forstpolitik

Freiheit von Forschung und Lehre nicht Einzelinteressen opfern

Bearbeitet von Rainer Soppa

Hier Fichtenacker, da Naturwald? Zur Diskussion um einen Studiengang für ökologische Waldwirtschaft haben die mit der forstlichen Ausbildung befassten Hochschulen eine gemeinsame Pressemitteilung veröffentlicht. Noch nie hat es einen solchen sichtbaren Schulterschluss aller forstlichen Hochschulen und Universitätsfakultäten gegeben.

Pointierte Marketingkampagne oder hilfreiches Angebot?

Unsere Wälder und die Forstwirtschaft erfahren aktuell eine erfreulich hohe gesellschaftliche und politische Aufmerksamkeit. Die Bilder der weithin sichtbaren Waldschäden infolge des Klimawandels und die entsprechenden Berichte haben sowohl bei politischen Entscheidungsträgern in Deutschland, Europa und der ganzen Welt, als auch in der breiten Öffentlichkeit die ökologische, klimapolitische und bioökonomische Rolle der Wälder deutlich gemacht.

Vor diesem Hintergrund schlagen das Magazin GEO aus dem Hause Gruner&Jahr und verschiedene Mitstreiter vor, an einer Hochschule einen Studiengang für „ökologische Waldwirtschaft“ zu etablieren und dessen Einrichtung mit der temporären Finanzierung zweier Stiftungsprofessuren anzuschieben. Das ist grundsätzlich zu begrüßen und zu unterstützen.

Leider wirft die Begründung für dieses Vorhaben ein falsches und sehr unvollständiges Licht auf die bestehenden forstlichen Studiengänge in Deutschland, indem sie unterstellt, dass die derzeitige Lehre an forstlichen Hochschulen und Universitäten nicht auf einem umfassenden Verständnis von Wäldern als komplexen Ökosystemen beruht und sich auf die Anlage von „Holzäckern“ und damit die Plantagenwirtschaft beschränke.

Im Interesse einer ausgewogenen Darstellung der aktuellen forstakademischen Ausbildung halten die unterzeichnenden Hochschulen es deshalb für geboten, in dieser gemeinsamen öffentlichen Erklärung einige wichtige Klarstellungen vorzunehmen:

Offener Brief: Ökologie ist fester und zentraler Bestandteil forstlicher Studiengänge

An allen fünf Hochschulen und vier Universitäten mit forstlichen Studienangeboten werden junge Leute auf spätere berufliche Tätigkeiten mit dem Ziel eine nachhaltige, multifunktionale Waldwirtschaft umzusetzen, ausgebildet. Dabei spielen die Waldökologie und der Waldnaturschutz schon seit langem eine wichtige Rolle. „Waldbau auf ökologischer Grundlage“ lautetet schon der Titel eines vor über 90 Jahren zum ersten Mal erschienenen und seitdem stetig weiterentwickelten Lehrbuchs. Seit dieser Zeit hat die Bedeutung der Ökologie für das Verständnis der Funktionalität von Wäldern ebenso zugenommen, wie die daraus abgeleiteten Erkenntnisse für die Waldbewirtschaftung und den Naturschutz. Vor diesem Hintergrund wurden bereits vor vielen Jahren entsprechende Professuren eingerichtet und mehrheitlich ganz bewusst mit Kollegen und Kolleginnen aus biologischen und ökologischen Fachdisziplinen besetzt. Die disziplinäre Breite ist nicht nur ein wichtiges Merkmal der forstlichen Studiengänge, sondern auch eine elementare Voraussetzung dafür, dass die Absolventen und Absolventinnen später mit sicht- und nachweisbaren Erfolgen Verantwortung für die vielen verschiedenen gesellschaftlichen Ziele der Waldwirtschaft übernehmen können. Selbstverständlich auch für solche Ziele wie den Erhalt der Biodiversität, des Waldnaturschutzes und für weitere wichtige Ökosystemleistungen der Wälder jenseits der Bereitstellung von Holz. Die vielen Personen mit einer forstlichen Ausbildung, die u. a. in Großschutzgebieten wie Nationalparken oder in Naturschutzverwaltungen und -verbänden arbeiten, sind ein gutes Beispiel für die Breite an Kompetenzen in der Ausbildung.

So kann kein Zweifel daran bestehen, dass die Bedeutung der Waldökologie für die Entwicklung waldbaulicher Konzepte in den vergangenen 30 Jahren stetig zugenommen hat. Sie hat die großen, gut vorangekommenen und vielerorts sichtbar erfolgreichen Anstrengungen des Umbaus von Wäldern, maßgeblich beeinflusst. Die Ökologisierung der Waldbewirtschaftung hat auch dazu beigetragen, dass alle Biodiversitätsindikatoren in Wäldern eine positive oder stabile Entwicklung verzeichnen. Diese Entwicklungen wurden maßgeblich durch die Curricula an forstlichen Hochschulen mit ihren Inhalten in den Bereichen der Walddynamik und -ökologie, Bodenökologie, Wildtierökologie, der Biodiversität und des Naturschutzes, der Ökosystemleistungen und des Ökosystemmanagements, der Anpassung an den Klimawandel, der Wald- und Umweltpolitik sowie der naturnahen, multifunktionalen Waldbewirtschaftung, um hier nur einige zu nennen, unterstützt. Wer vor dem Hintergrund dieser etablierten Studieninhalte, die „ökologische Waldwirtschaft“ als ein neues, dringend notwendiges Programm ausruft, hat das Bestehende nur unzureichend recherchiert.

Studium und Wissenschaft leben vom Diskurs

Sowohl das Studium der Forstwissenschaften wie auch jenes der Forstwirtschaft rücken den Wald und die Beziehung des Menschen zum Wald in den Mittelpunkt der Betrachtungen. Die Besonderheit der genannten Studiengänge besteht darin, dass das Objekt Wald aus ganz unterschiedlicher Sicht beleuchtet wird, um seiner Komplexität und den unterschiedlichen an Wald gestellten gesellschaftlichen Anforderungen gerecht zu werden. Dabei spielt die Ökologie eine gleichwertige Rolle wie ökonomische, technische oder sozialwissenschaftliche Sichtweisen. Wie die verschiedenen Ziele bei der konkreten Bewirtschaftung eines Waldes am sinnvollsten kombiniert werden, obliegt den Entscheidungsträgern, d. h. den privaten, kommunalen, oder staatlichen Waldbesitzern, nicht aber einer normativen Setzung durch die forstlichen Hochschulen und Universitäten. Im Gegenteil, diese verfolgen keine implizite Richtungsvorgabe im Sinne einer „richtigen“ und „falschen“ Zielsetzung, sondern zeigen Möglichkeiten und Konsequenzen unterschiedlicher Wege der Zielerreichung auf.

Vor diesem Hintergrund begrüßen die Hochschulen ausdrücklich inhaltliche Auseinandersetzungen, die zur Überprüfung und Weiterentwicklung unserer Curricula beitragen. Diese tragen damit auch ganz entscheidend dazu bei, dass die Studierenden lernen, sich eigene Meinungen und Standpunkte zu erarbeiten und diese zu vertreten.

Die Hochschulen und Universitäten sind allen ihren Studierenden verpflichtet und darum bemüht, sie durch eine ausgezeichnete Ausbildung auf die aktuellen und zukünftigen Herausforderungen einer gesamtgesellschaftlich verantwortlichen Waldwirtschaft vorzubereiten. Dies bedeutet, dass ein forstliches Studium möglichst breit angelegt ist und auf der Basis eines gesicherten Fachwissens ein möglichst vielfältiges Instrumentarium zur Lösung spezifischer Probleme und zur Erfüllung unterschiedlichster Anforderungen an den Wald vermitteln sollte. An diesem Ziel orientieren wir unsere Ausbildungsinhalte und entwickeln die Studiengänge stetig weiter.

In die Weiterentwicklungs- und Qualitätssicherungsprozesse unserer Studiengänge, z. B. im Rahmen von Akkreditierungen, integrieren wir grundsätzlich verschiedenste Interessensgruppen des Waldes und Vertretern möglichst vieler potenzieller Beschäftigungsfelder der Absolventen. Selbstverständlich auch solche aus dem Bereich der Ökologie, des behördlichen Naturschutzes und des Verbandsnaturschutzes. Eine externe Einflussnahme auf diesen Prozess wie z. B. durch die Förderung von Stiftungsprofessuren, die mit der Auflage verbunden ist, einen neuen Studiengang einzurichten und dessen inhaltliche Ausrichtung vorgibt, lehnen die Hochschulen grundsätzlich ab.

Positionen in einem offenen Dialog austauschen

Wie jeder andere Wissenschaftsbereich lebt auch die waldbezogene Forschung und Lehre kontinuierlich von neuen Kenntnissen und Erfahrungen. Deren Kommunikation ist im Hinblick auf die verschiedenen und zum Teil stark gegensätzlichen Anforderungen der Gesellschaft an den Wald und den Umgang mit Unsicherheiten, die sich durch die Klimaänderungen ergeben, eine große Herausforderung. Voraussetzung dafür ist ein offener und argumentativer Dialog, der den wissenschaftlichen Diskurs belebt. Das bedeutet zu differenzieren, statt zu vereinfachen, Argumente auszutauschen und Respekt für die Meinung des/der anderen zu haben, statt die eigene Auffassung zur einzigen Wahrheit zu erheben und erfordert ein Ringen um ausgewogene Lösungen, was einfache Patentrezepte ausschließt. Das alles ist mühsam, aber entspricht dem Auftrag und dem Wesen von Wissenschaft und akademischer Lehre. Die Unterzeichner laden den Verlag Gruner&Jahr dazu ein, dies an den verschiedenen Standorten zu erleben und sich ein eigenes Bild davon zu machen, wofür die forstlichen Hochschulen wirklich stehen – für Pluralismus, kritische Reflexion und Evidenz rund um den Wald.

Dresden, Eberswalde, Erfurt, Freiburg, Göttingen, München, Rottenburg, Weihenstephan im März 2021 gez.

  • Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Fakultät für Umwelt und Natürliche Ressourcen, Institut für Forstwissenschaften
  • Fachhochschule Erfurt (FHE), Fakultät Landschaftsarchitektur, Gartenbau und Forstwirtschaft
  • Georg-August-Universität Göttingen, Fakultät für Forstwissenschaften und Waldökologie
  • Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst in Göttingen (HAWK), Fakultät Ressourcenmanagement
  • Hochschule für Forstwirtschaft Rottenburg (HFR)
  • Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE), Fachbereich für Wald und Umwelt, Studiengangsleitung Forstwirtschaft
  • Hochschule Weihenstephan-Triesdorf (HWT), Fakultät für Wald und Forstwirtschaft
  • Technische Universität Dresden, Fachbereich Forstwissenschaften
  • Technische Universität München, Studienbereich Forstwissenschaft und Ressourcenmanagement

Breite Unterstützung

Unterstütz wird dieser offene Brief durch weitere Institutionen. So betont der Präsident des Deutschen Forstvereins (DFV) Carsten Wilke: „Die renommierten deutschen Universitäten und Hochschulen im Forstbereich bilden ihre Studierenden hervorragend hinsichtlich dieser gesellschaftlichen Erwartungen aus. Sustainable Forestry – made in Germany genießt weltweit ein enormes Ansehen, gerade weil die Hochschulen durch Lehre und Forschung dafür die Grundlagen bilden.“ „Die Studierenden“, so Wilke weiter, „werden mit großer Fächervielfalt auf verschiedenste Berufsfelder und Herausforderungen wie Klimawandel und Artensterben vorbereitet“. So kann forstlich ausgebildetes Personal auch außerhalb der Forstwirtschaft Aufgaben beispielsweise im Umweltmanagement, der Holzverarbeitung, im Sektor der Erneuerbaren Energien oder in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit wahrnehmen.

Auch der Deutsche Forstwirtschaftsrat (DFWR) unterstützt die gemeinsame Erklärung: „Wer behauptet, die forstakademische Ausbildung beschränke sich rein auf die Anlage von Holzäckern, ohne die ökologischen Aspekte mit zu berücksichtigen, der ist nicht auf dem aktuellen Stand“, betont Georg Schirmbeck, Präsident des (DFWR). Wesentlich sei das Prinzip, dass Forschung und Lehre immer in einem ständigen wissenschaftlichen Diskurs stehen. Ideologien und populärwissenschaftliche Aussagen seien dort fehl am Platz, weil sie nicht zur Lösungsgestaltung beitrügen.

„Angesichts des zunehmenden Fachkräftemangels in der Forst- und Holzbranche ist jede Unterstützung für die forstliche Ausbildung grundsätzlich willkommen“, kommentiert Jerg Hilt, Geschäftsführer der Forstkammer Baden-Württemberg, die Diskussion um einen Studiengang für ökologische Waldwirtschaft. „Freiheit von Forschung und Lehre dürfen aber nicht den Interessen einzelner Unternehmen oder Personen geopfert werden. Ich habe nicht den Eindruck, dass ökologische Aspekte in der forstlichen Lehre in den letzten Jahren zu kurz gekommen wären. Im Gegenteil: Wir müssen aufpassen, dass uns nicht die Fachleute mit forstbetrieblichem Know-How ausgehen. Nur wirtschaftlich gesunde Forstbetriebe werden die Anpassung der Wälder an den Klimawandel leisten können.“

Ebenfalls der Vorstand des Deutschen Verbandes Forstlicher Forschungsanstalten (DVFFA) unterstützt die Erklärung und regt an, die Diskussion um eine weitere Ökologisierung der Waldwirtschaft konstruktiv innerhalb der bestehenden Lehrangebote zu führen.