Ausbildung Forstbetrieb

Frauen in der Forstwissenschaft

Bearbeitet von Mirjam Kronschnabl-Ritz

In naturwissenschaftlich-technischen Berufen gibt es auch 2021 noch deutlich weniger Frauen als Männer. Im Forstbereich ist das leider nicht anders.

Zum „Internationalen Tag der Frauen und Mädchen in der Wissenschaft“ am 11. Februar 2021 erzählt Dr. Carolin Stiehl, Mitglied des Teams „Waldbau“ bei Wald und Holz NRW, von ihrem Weg in die Forschung.

Dr. Carolin Stiehl, Sie leiten seit einem Jahr das Sachgebiet „Waldwachstumskunde“ im Team „Waldbau“ im Zentrum für Wald und Holzwirtschaft. Was sind Ihre Aufgaben dort?

Stiehl: Ich untersuche das Wachstum von Bäumen. In ganz NRW haben wir Versuchsflächen mit heimischen und nicht-heimischen Baumarten. Sie wurden teilweise schon vor Jahrzehnten angelegt. Uns interessiert, wie die Bäume in den letzten Jahren gewachsen sind. Gemeinsam mit den Klimadaten können wir zum Beispiel sehen, wie eine Baumart auf Trockenphasen reagiert. Unser Ziel ist es, herauszufinden, welche Baumarten auch im Klimawandel stabil wachsen. Diese Forschung hilft Waldbesitzerinnen und Waldbesitzern, Entscheidungen für den Wald der Zukunft zu treffen. Auf unseren Versuchsflächen messen wir in regelmäßigen Abständen den Durchmesser und die Höhe unserer Bäume. Unsere Zeitreihen reichen teilweise bis in die 1950er Jahre zurück. Zu den Baumarten zählen zum Beispiel die Douglasie, der Riesenlebensbaum, die westliche Hemlocktanne und die lindenblättrige Birke. Aber auch die Entwicklung der Fichte wurde über viele Jahre hinweg beobachtet und wir werten aktuell die Ergebnisse aus.

Daten erheben im Wald – Das ist bei weitem nicht Ihre einzige Aufgabe im Team „Waldbau“. Woran arbeiten Sie außerdem?

Stiehl: Das stimmt. Ein anderer Aufgabenbereich ist der Wissenstransfer. In letzter Zeit dreht sich fast alles um Trockenheit und Borkenkäferbefall. Die Fichte stirbt flächig ab. Aber auch andere Baumarten wie die Buche sind von der Trockenheit betroffen. Hier liegt ein Schwerpunkt meiner Arbeit darin, unsere Forschungsergebnisse für Waldbesitzende verständlich und praxisorientiert aufzubereiten. Im letzten Jahr haben wir zum Beispiel das Wiederbewaldungskonzept NRW im Auftrag des Umweltministeriums NRW erarbeitet und eine Broschüre zum Umgang mit stehenden abgestorbenen Fichten (sogenannte „Fichten-Dürrständer“) herausgegeben. Zudem geben wir Seminare zum Thema „Wiederbewaldung nach Kalamitäten“ oder zum Waldbaukonzept. Wir beraten Waldbesitzende aber auch auf Veranstaltungen oder direkt am Telefon bzw. per E-Mail.

Wie sieht Ihr Arbeitstag konkret aus?

Stiehl: Meine Arbeit im Forschungsteam ist total abwechslungsreich. Im Moment fahre ich mit meinen Kolleginnen und Kollegen fast wöchentlich raus zu den Flächen und führe Messungen im Wald durch. Da ich erst seit 2018 im Team arbeite, kenne ich noch nicht alle der vielen Versuchsflächen. Es gibt aber auch Phasen, in denen ich fast nur am Schreibtisch sitze und Konzepte erarbeite, Vorträge vorbereite oder Fachartikel verfasse. Kein Tag ist wie der andere. Das mag ich sehr.

Sie schätzen die Vielfalt Ihrer Aufgaben. Welche macht Ihnen besonders Spaß?

Stiehl: Das ist definitiv der Wissenstransfer. Ich finde es toll, dass sich unsere angewandte Forschung hier am Zentrum auf konkrete Fragen von Waldbesitzenden bezieht. Wir hören, welche Probleme sie haben, beraten sie und können ihnen im Idealfall mit unseren Forschungsergebnissen helfen. Dafür sind wir da. Gerne treffe ich zum Beispiel bei Fortbildungen Waldbesitzende draußen im Wald und schule sie in konkreten Waldbaufragen. Den Austausch mit ihnen empfinde ich als große Bereicherung. Außerdem finde ich es spannend, zu beobachten, wie sich unser Forschungsspektrum erweitert hat. Früher ging es beim Waldwachstum vor allem um den Holzzuwachs und damit um den Gewinn, den Waldbesitzende mit ihrem Wald erzielen können. Mittlerweile rücken zunehmend Klimaschutzfragen in den Fokus.

Viele, die ein forstliches Studium absolviert haben, zieht es nach der Theorie schnell in die Praxis – sprich in den Wald. Warum haben Sie dagegen den Weg in die Forschung gewählt?

Stiehl: Wie viele Menschen, die in der Wissenschaft tätig sind, schaue ich gerne genauer hin. Mich reizt es, ein spezielles Waldthema herauszugreifen und im Detail zu untersuchen. Während meines Studiums und der Promotion waren das sehr grundlegende, oft theoretische Fragestellungen. Bei meiner Arbeit im Zentrum begegnen uns nun konkrete Praxisfragen von Waldbesitzenden. Zum Beispiel: Welche Baumart passt hier auf meinen Standort? Wie kann ich sie erhalten, damit ich später Geld damit verdienen kann? Wie kann ich gleichzeitig Naturschutzaspekte umsetzen? Die Verbindung aus Wissenschaft und Praxis finde ich besonders spannend. Für jedes Thema gibt es bei uns im Team eine Expertin oder einen Experten.

Die Baumhöhe wird digital mit einem Ultraschall-Baumhöhenmesser erfasst. Foto: N. Tennhoff/ Wald und Holz NRW

Nach Ihrem Studium sind Sie sogar zunächst an der Universität geblieben und haben promoviert. Was war das Thema Ihrer Doktorarbeit? Welche Erkenntnisse haben Sie daraus für Ihre Arbeit gewonnen?

Stiehl: Ich war ein Jahr an der Universität in Chile und habe für meine Promotion drei chilenische Baumarten untersucht. Chile setzt einen starken Fokus auf Plantagenwirtschaft mit exotischen Baumarten, die schnell wachsen. Wer einen Wald besuchen möchte, muss oft Eintritt bezahlen, zum Beispiel in Nationalparken. In Deutschland verfolgen wir dagegen einen integrativen Ansatz. Unser Ziel ist es, die Nutz-, Schutz- und Erholungsfunktionen auf derselben Waldfläche zu erhalten. Als ich in Chile war, habe ich daher auch eine komplett andere Perspektive auf unseren Waldbau gewonnen. Wir versuchen, alle Waldfunktionen zu vereinen. Das ist manchmal nicht ganz einfach, aber enorm wichtig. Aus diesem Perspektivwechsel habe ich viel gelernt. Er hat meinen Blick dafür geschärft, wie wichtig es ist, die verschiedenen Funktionen des Waldes gleichermaßen zu berücksichtigen.

Forschung und Naturwissenschaften – Leider sind beides oft immer noch Bereiche, in denen Männer dominieren. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Stiehl: Es gibt sehr viele Frauen, die sich für Forschung interessieren. Während des Bachelorstudiums hatten wir in unserem Jahrgang ungefähr einen Frauenanteil von 20 %. Im Forschungsbereich danach hatte ich sogar das Gefühl, dass er noch höher war. Genau sagen kann ich das natürlich nicht. Auch hier im Zentrum für Wald und Holzwirtschaft beobachte ich einen positiven Trend. Es stoßen immer mehr Frauen zu unserem Team hinzu. Die Bemühungen der letzten Jahre, qualifizierte Frauen für den Landesbetrieb Wald und Holz Nordrhein-Westfalen zu gewinnen, scheinen erfolgreich gewesen zu sein – sei es in der Forschung oder als Revierleiterinnen. Letztens habe ich mich während einer Besprechung umgesehen und gemerkt „Mensch, hier sind ja lauter Frauen“ (lacht). Über diese positive Entwicklung freue ich mich.

Auch das Vorurteil, Forstberufe seien immer noch eine Männerdomäne, hält sich hartnäckig. Haben Sie auch Erfahrungen mit solchen Klischees?

Stiehl: Im privaten Bereich habe ich bisher nur positive Resonanz auf meinen Berufswunsch erfahren. Generell habe ich zum Glück sehr wenig negative Erfahrungen gemacht. Als Praktikantin wurde ich auch mal belächelt – nach dem Motto „Ach, das Mädchen möchte Försterin werden.“ Als ich dann aber meine Bereitschaft gezeigt habe, auch den Umgang mit der Motorsäge zu lernen, stieg die Anerkennung der Kollegen (lacht). Ich wurde als Frau überwiegend unterstützt und respektiert. Für mich im Team spielt das Thema keine Rolle. Ich werde mit meiner Meinung genauso gehört wie meine männlichen Kollegen. Das ist sicherlich vor allem eine Entwicklung der letzten Jahre. Ich habe mal mit einer Kollegin gesprochen, die als eine der ersten Frauen in den 1980ern ihr Referendariat absolviert hat. Sie hat damals andere Erfahrungen gemacht.

Wie geht es beruflich weiter?

Stiehl: Wir sind noch ein relativ kleines Sachgebiet und möchten den Bereich der Waldwachstumskunde weiter ausbauen. Dazu gehören zum Beispiel Jahrringanalysen oder die Erweiterung der Versuchsflächen. Vor allem vor dem Hintergrund des Klimawandels werden die Fragen, die wir dort behandeln, immer wichtiger. Deswegen möchte ich künftig auch mehr Mischwälder untersuchen. Die Frage, wie sich verschiedene Baumarten gegenseitig beeinflussen, interessiert mich sehr. Seit kurzer Zeit bin ich auch stellvertretende Teamleiterin im Team „Waldbau“. Ich bin gespannt, welche Aufgaben hier auf mich zukommen. Ich freue mich, die Forschung und den Wissenstransfer weiter mitzugestalten – mit all den Herausforderungen und Fragestellungen, die dort auf uns zu kommen.

In einem Video sprach Dr. Stiehl im November über die Wiederbewaldung nach Kalamitäten.

Quelle: Wald und Holz NRW