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Forstwirtschaft im Spannungsfeld vielfältiger Ansprüche

Forstwirtschaft im Spannungsfeld vielfältiger Ansprüche

Das am 10. März 2011 von der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt (NW-FVA) in Göttingen ausgerichtete Symposium verdeutlichte, in welchem starken Spannungsfeld vielfältiger Ansprüche sich die Forstwirtschaft und der Wald heute befinden. Die Tagung mit über 230 Teilnehmern brachte den Dialog zwischen Vertretern von Forstwirtschaft, Naturschutz, Holzwirtschaft, Wasserwirtschaft, Energiewirtschaft, Jagd sowie Sport und Tourismus in Gang. Die vielfältigen Leistungen der Forstwirtschaft wurden seitens der unterschiedlichen Interessenvertreter im Grundsatz anerkannt. Ihre Forderungen reichten jedoch von einem Nutzungsverzicht auf 5 % bzw. 10 % der Waldfläche Deutschlands, über einen Vorratsabbau zur weiteren Steigerung der Holzproduktion bis hin zur aktiven Gestaltung des Waldes als Erlebnisund Gesundheitsraum für Erholungssuchende.
Weitgehende Einigkeit bestand darüber, dass die in Deutschland praktizierte nachhaltige multifunktionale Forstwirtschaft die richtige Antwort auf die heutigen und die zukünftigen Herausforderungen ist. Uneinig waren sich die Interessenvertreter jedoch über die Gewichtung der Nutz-, Schutz oder Erholungsfunktion des Waldes. Seitens der Forstwirtschaft wurde darauf hingewiesen, dass bei allen Forderungen die Interessen der Waldeigentümer beachtet werden müssen. So wies der niedersächsische Staatssekretär Friedrich-Otto Ripke in seinem Einführungsreferat auf die Entscheidungsfreiheit der Waldeigentümer hin. Der Wald erbringe bereits heute eine Vielzahl an Leistungen für das Gemeinwohl. Daher sei es verständlich, dass die Waldeigentümer keine weiteren unentgeltlichen Leistungen über Auflagen oder Gesetze erbringen wollen.
Diese Einschätzung deckte sich mit den Ausführungen von Norbert Leben, Vorsitzender des Niedersächsischen Waldbesitzerverbandes. Dieser forderte zudem, die Leistungsfähigkeit und Flexibilität der Forstbetriebe zu stärken, damit sie auf veränderte ökologische und ökonomische Rahmenbedingungen angemessen reagieren können. Für ihn trägt diesbezüglich die Forstpolitik ein hohes Maß an Mitverantwortung, indem sie einen angemessenen Ordnungsrahmen erhält, das Instrument der Förderung gezielt einsetzt, Vorsorge betreibt und die Betreuung des Kleinprivatwaldes stärkt.
Der Waldbaureferent vom Naturschutzbund Deutschland e. V., Herr Johannes Enssle, erweckte anschließend den Eindruck, dass im Kielwasser des Naturschutzes mit höheren Naturschutzstandards auf der gesamten Waldfläche und einem Nutzungsverzicht von zeitnah 5 % und mittelfristig 10 % (!) in Deutschland auch die anderen Ansprüche an die Forstwirtschaft hinlänglich befriedigt werden könnten. Voraussetzung sei ein Zurückfahren der Anforderungen in anderen Bereichen und ein sparsamerer Umgang mit den Ressourcen Rohholz und Wasser. Dies deckte sich weitgehend mit den naturschutzfachlichen Wünschen von Herrn Dr. Manfred Klein vom Bundesamt für Naturschutz (BfN), die er aus den Zielen der Biodiversitätsstrategie ableitete.
Den Grund für die gestiegenen Verbiss- und Schälschäden sah Herr Helmut Dammann-Tamke, Präsidiumsmitglied des Deutschen Jagdschutzverbandes und Präsident der Landesjägerschaft Niedersachsen, weniger bei den überhöhten Wildständen, als vielmehr bei der Strukturarmut der Wälder. Dennoch räumte er Defizite in der Abschussplanung, der Ausgestaltung der Pachtverträge und den praktizierten Jagdtechniken ein.
Die Vertreter der stofflichen und energetischen Nutzung, Dr. Klaus Kibat vom Deutschen Holzwirtschaftsrat und Dr. Jan Grundmann von Vattenfall Europe New Energy GmbH, machten sich Sorgen um die nachhaltige Versorgung ihrer Wirtschaftszweige mit Stamm- und Industrieholz bzw. Waldrestholz. Nach ihrer Auffassung sollten die Nutzungspotenziale der einheimischen Wälder ausgeschöpft und nicht stillgelegt werden. Zudem wurden von Herrn Dr.
Kibat Marktverzerrungen durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) beklagt, während Herr Dr. Grundmann dieses als richtige Weichenstellungen zur Erhöhung des Anteils erneuerbarer Energien ansah.
Der Forderung der Forstwirtschaft nach Entgeltung der Wasserdienstleistung des Waldes stand Gerhard Hennies, Geschäftsführer des Wasserverbandstages e. V., ablehnend gegenüber. Er wies darauf hin, dass bei dessen Einführung die Kunden die Kosten mit dem Trinkwasserpreis zu bezahlen hätten. Seine Gleichstellung von Forst- und Landwirtschaft in Wasserfragen sorgte für Verwunderung.
Prof. Dr. Ralf Roth von der Sporthochschule Köln wies darauf hin, dass sich die Forstwirtschaft aus vielen Bereichen „herausgezogen“ hat. Die Forstwirtschaft müsse wieder aktiv mitgestalten, da sonst andere Interessenvertreter die entstandenen Lücken besetzten, was Konflikte vorprogrammiere.
Roland Schminke, Mitglied des Niedersächsischen Landtages, sieht in dem starken Personalabbau der vergangenen Jahre ein zentrales Problem für die Forstwirtschaft. Er wandte sich gegen weitere Stellenkürzungen, um die forstliche Kompetenz in der Fläche zu erhalten.
Carsten Wilke, Präsident des deutschen Forstvereins, forderte von der Politik integrierende Strategien zu entwickeln, um Spannungen abzubauen und Konflikte schon im Vorfeld zu vermeiden.
Die Vorträge und auch die Podiumsdiskussion zeigten deutlich die unterschiedlichen Standpunkte der verschiedenen Interessenvertreter. In einigen Bereichen bestand Konsens und vereinzelt Ansätze für Lösungen. Alle Interessenvertreter signalisierten ihre Bereitschaft weiter im Dialog zu bleiben und für eine gemeinsame Suche nach Lösungen zusammen mit der Forstwirtschaft bereitzustehen.
In seinem Abschlussplädoyer betonte der Direktor der NW-FVA, Prof. Dr. H. Spellmann, dass die Forstwirtschaft zur Umsetzung einer nachhaltigen, multifunktionalen Forstwirtschaft über geeignete Kriterien und Indikatoren (nach der Ministerial Conference on the Protection of Forests in Europe MCPFE) verfüge, mit denen sich Zustände und Entwicklungen des Waldes beurteilen ließen. Unter Beachtung der Eigentümerinteressen ließen sich flächengewichtet die verschiedenen Ansprüche an den Wald aufeinander abstimmen und so der jeweils optimale Gesamtnutzen erzielen. Des Weiteren lägen ausgereifte Monitoring- und Informationssysteme für die Erfassung der Kriterien und Indikatoren vor, auf deren Basis die angewandte forstliche Forschung Simulationswerkzeuge bereits entwickelt hat, die zielorientierte Planungen und Umsetzungsmaßnahmen ermöglichen.
Abschließend appellierte Spellmann an alle Interessengruppen, planvoll und effizient mit den knappen Flächen und Ressourcen in Deutschland umzugehen und den begonnenen Dialog fortzuführen.
 

NW-FVA

 
Nordwestdeutsche Forstliche Versuchsanstalt

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