13.07.2017Forstpolitik | Forstpolitik | Politik und Gesellschaft

Forstverein für Nordrhein-Westfalen: Klimaanpassung erfordert Handeln

„Klimaanpassung erfordert Handeln – jetzt!“ Dies ist das knappe Fazit und die klare Botschaft von Jörg Matzick, Vorsitzender des Forstvereins für NRW, von einer Fachtagung des Forstvereins in der „Grünen Hauptstadt Europas 2017“, Essen, zu der sich etwa 50 Waldexperten am 5. Juli im Rathaus Essen-Kettwig und im Essener Stadtwald getroffen hatten.

Roland Haering (Stadt Essen, Grün-und-Gruga): Die Stadt Essen präferiert fachlich fundiertes Handeln im Wald, in dem sich die berechtigten Bürgerinteressen widerspiegeln.
Foto: Forstverein für NRW/Jörg Matzick
Klimaplastische Wälder können nur durch kontinuierliche und kundige Pflege entwickelt werden, wie sie eine nachhaltige Forstwirtschaft leisten kann. (Nur) Solche Wälder sind in der Lage, steigende Temperaturen und geringere Niederschläge in einer verlängerten Vegetationszeit, erhöhten Schädlingsdruck oder häufige Extremwetter wie Sturm, Platzregen oder Hitzewellen ohne großflächige Zusammenbrüche zu überstehen (Resilienz).
 
Verschiedene Fachvorträge und eine Exkursion in den Stadtwald unter dem Titel „Klimaanpassungsstrategie – Was heißt das für den Stadtwald Essen?“ machten deutlich, dass der Klimawandel ein Tempo annimmt, das es dem Ökosystem Wald, das sich in Generationen von 150 bis zu 500 Jahren nur langsam entwickelt, nicht mehr ermöglicht, sich auf natürlichem Wege an die veränderten Umweltbedingungen anzupassen.
 
Deshalb fordert der Forstverein für NRW die Politik auf:
 
•  Bitte lassen Sie nicht nach in den Anstrengungen zur Eindämmung der Klimaerwärmung und zur Anpassung unseres gesellschaftlichen Handelns an die Erfordernisse des fortschreitenden Klimawandels, insbesondere bei Energieeinsparung und Energieerzeugung!
 
•  Lassen Sie zu und fördern Sie eine Zunahme der Waldfläche in NRW und den Erhalt von Durchgrünungszonen in Ballungsräumen; andere Flächenansprüche sollten durch Eindämmung der Flächenversiegelung und konsequente Umnutzung nicht mehr benötigter Bau- und Industriebrachen gesichert werden.
 
•  Sichern Sie der Forstverwaltung in NRW die notwendigen Ressourcen für ein flächendeckendes klimaschutzorientiertes Forst- und Waldmanagement nach der Richtschnur „Schützen durch Nutzen“, im Körperschafts- und Privatwald als komplementäres, konkurrenzfähiges Angebot. Dazu gehört die Mobilisierung des nachhaltigen Holzzuwachses als Rohstoff für die Holz- und Papierindustrie, Arbeitsplatzsicherung im ländlichen Raum und gleichzeitig wesentlicher Kohlenstoffspeicher bzw. Ersatz (Substitut) für CO2-freisetzende fossile Brenn- und Baustoffe.
 
•  Sorgen Sie für mehr Einsatz von Holz bzw. den Abbau von Hemmnissen und Diskriminierungen von nachwachsenden Rohstoffen, vor allem im Bauwesen.
 
 
Teil der Lösung des Klimaproblems
 
Die Fachtagung begann mit einem Vortrag des Leiters des Landesbetriebs Wald und Holz Nordrhein-Westfalen, Andreas Wiebe. Er machte deutlich, dass Wald und nachhaltige Forstwirtschaft allerdings nicht das Problem, sondern wesentlicher Teil der Lösung des Klimaproblems sind, und belegte dies mit eindrucksvollen Zahlen: Durch Waldwachstum und Holznutzung werden die Klima wirksamen Emissionen in NRW jährlich um etwa 18 Mio. t CO2 reduziert, das entspricht 6 % der gesamten Treibhausgas-Emissionen Nordrhein-Westfalens. Dabei sind 78 % dieser CO2-Reduktion auf Effekte der Holznutzung zurückzuführen und nur 22 % auf die eigentliche Wuchsleistung der Wälder! Der Cluster Forst und Holz selbst emittiert nur 7,3 Mio. t CO2 pro Jahr. Das bedeutet, dass er seine Produkte nicht nur (netto) CO2-frei zur Verfügung stellt, sondern darüber hinaus noch einen bedeutenden positiven Beitrag zum Klimaschutz leistet. Die positiven Effekte liegen beim 2,5-Fachen der eigenen Emissionen. Und das bei gleichzeitiger Erfüllung zahlreicher ökologischer und gesellschaftlicher Funktionen und hoher volkswirtschaftlicher Bedeutung.
 
Damit entpuppt sich die Forst- und Holzwirtschaft als der einzige Wirtschaftsbereich, dessen Klimaschutzleistung bei Wachstum noch steigt. Forst- und Holzwirtschaft sind besonders vorteilhaft für den Klimaschutz und für ein CO2-freies Wirtschaftswachstum.
 
Dr. Mathias Niesar, Waldschutzexperte von Wald und Holz NRW und Mitglied der Facharbeitsgruppe im Bürgerbeteiligungsprozess „Dem Essener sein Wald“ appellierte in seinem Vortrag eindringlich an die Teilnehmer, angesichts der von ihm nochmals dargestellten dramatischen Klimaentwicklung ihre Fachkompetenz jetzt dafür einzusetzen, die Gesellschaft von der Notwendigkeit zu schnellem und wirkungsvollem Handeln zu überzeugen.
 
Exkursion in den Stadtwald Essen
 
Am Nachmittag führte der Leiter der Abteilung „Waldungen und Baumpflege“ der Stadt Essen, Roland Haering, die Teilnehmer im Rahmen der Fachtagung des Forstvereins auf eine Exkursion in den Stadtwald.
 
Dabei stellte Heiner Heile von Wald und Holz NRW mit dem Waldbaukonzept „Wald 2050 NRW“ den Stand der Entwicklung eines Planungswerkzeugs vor, das es Waldbesitzern ermöglichen wird, den passenden Waldentwicklungstyp (WET) bzw. die passenden Baumarten für einen klimaplastischen Wald an dem jeweiligen Standort zu finden. Für den Exkursionspunkt im Stadtwald Essen empfahl er auf den relativ flachgründigen, aktuell bereits mäßig trockenen, aber ordentlich mit Nährstoffen versorgten Böden naturnahe, strukturreiche Laubholz-Mischbestände mit einem hohen Anteil Trockenheit ertragender Arten wie Kirsche, Traubeneiche oder Edelkastanie.
 
Die Teilnehmer konnten an den besichtigten Waldbildern erkennen, dass die Entwicklung der natürlichen Verjüngung nach dem Sturm „Ela“ bereits in diese Richtung geht. Allerdings sei bei der Geschwindigkeit, mit der die Klimaerwärmung voranschreitet – die Vegetationszeit ist bereits auf über 160 Tage im Jahr verlängert. Der Deutsche Wetterdienst stellte aktuell gerade fest, dass das „Ruhrgebiet so trocken wie nie“ ist. Damit ist zu rechnen, dass die zurzeit im Stadtwald dominierende Buche bald an ihre physiologischen Grenzen stoßen könnte. Deshalb sei, so Heile, eine verstärkte Einbringung von Traubeneichen durch die Waldbewirtschafter zulasten der sich noch natürlich verjüngenden Buche empfehlenswert, um einen klimaplastischen Wald in Essen zu etablieren.
 
Bei einer stärker betriebswirtschaftlichen Zielsetzung des Waldeigentümers könnte auch mit einer Beimischung der Nadelholzarten Douglasie oder Küstentanne ein klimaplastischer Wald erzielt werden.
 
„Dem Essener sein Wald“
 
Tobias Hartung von der Stadt Essen, Grün und Gruga, Abt. Waldungen und Baumpflege, konnte berichten, dass die Ergebnisse aus dem Bürgerbeteiligungsprozess „Dem Essener sein Wald“ diese Empfehlungen im Wesentlichen stützen: Über 80 % der Befragten aus 53 Waldnutzergruppen wünschen eine Wiederaufforstung des Waldes nach „Ela“, wünschen sich einen hellen Mischwald, in dem Waldpflege stattfinden soll. Aus den Detailergebnissen entwickelt die Stadt Essen zusammen mit externen Fachberatern ein passgenaues, fachlich fundiertes Waldpflegekonzept, das in die laufende Forsteinrichtung eingearbeitet wird.
 
Tobias Hartung: „Information und Transparenz fördern Vertrauen und erhöhen die Legitimation von Entscheidungsprozessen. Die Stadt Essen hat auf schnelles Handeln verzichtet zugunsten eines Ziel-orientierten und fachlich fundierten Handelns, in dem sich die berechtigten Bürgerinteressen widerspiegeln.“
 
 
Der Forstverein ist die älteste Interessenvertretung für Wald  und Forstwirtschaft auf dem Gebiet des heutigen Nordrhein-Westfalen (Gründung 1883). Er hat sich zur Aufgabe gemacht,  die Zusammenhänge rund um den Wald zu beleuchten, zu hinterfragen und Denkmodelle für eine gemeinsame Zukunft von Mensch und Wald zu erarbeiten.

Forstverein für NRW

landlive.de - Die große Web-Community. Für alle, die Natur nicht nur lieben, sondern leben.
SUCHE    Erweiterte Suche
Heftarchiv: AFZ-DerWald, Forstarchiv
RSS-Feed Quickfinder   
ANMELDUNG
forstpraxis-TV

WEITERE FORST-VIDEOS

BILDERSERIEN
Wetter
Deutschland Österreich" Schweiz Wetter Aussichten für Deutschland, Österreich und die Schweiz - reviergenau, tagesaktuell Deutschland Österreich Schweiz 0° 0° 0°
NEWS & WETTER WIDGETS - KOSTENFREI
FORST COMMUNITYS
ABO / LESEPROBE
Abo
Forst-Branchenbuch

Sonderheft - Historische Motorsägen. www.landecht.de
CD Forstmaschinen: 700 Maschinen und Geräte. www.landecht.de