Forstbetrieb Waldbau

Forstplanung: Neue Ertragstafeln für die Hauptbaumarten

Bearbeitet von Jörg Fischer

Wir leben in einer Zeit großer Veränderungen und Umbrüche. Das betrifft auch den Wald. Mit Blick auf eine zeitgemäße Forstplanung wird es immer schwerer, anhand altbewährter Methoden hier mitzuhalten. Mithilfe eines neuen und „dynamischen“ Ertragstafelwerks soll die Bewertung von Waldbeständen sowie die Einschätzung nachhaltiger Nutzungsoptionen jetzt leichter werden.

Im Rahmen des Verbundprojekts „Neue Generation dynamischer Ertragstafeln“ hat die Nordwestdeutsche Forstliche Versuchsanstalt (NW-FVA) zusammen mit der Abteilung Forstökonomie und Forsteinrichtung der Fakultät Forstwissenschaften und Waldökologie an der Georg-August-Universität Göttingen jetzt ein neuartiges Ertragstafelwerk für die Hauptbaumarten Buche, Eiche, Fichte, Kiefer und Douglasie aufgelegt. Dieses soll die Grundlage für eine vierte Generation von Ertragstafeln zur Waldbewertung und Abschätzung nachhaltiger Nutzungsmöglichkeiten bieten. Das Projekt wurde mit Fördermitteln aus dem Programm „Nachwachsende Rohstoffe“ des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft finanziert.

Was macht die neuen Ertragstafeln „dynamisch“?

Die Idee hinter den „dynamischen“ Ertragstafeln sei laut einer Pressemitteilung der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e. V. (FNR) die periodische Überarbeitung des Tafelwerks in relativ kurzen Zeitintervallen von 10 bis 20 Jahren. Bei jeder Überarbeitung sollten künftig demnach methodische Fortschritte genutzt und veränderte Umweltbedingungen mit ihren Auswirkungen auf die Standort-Leistungs-Beziehungen berücksichtigt werden.

„Klimabedingte längere Vegetationszeiten, vielerorts verbesserte Bodenfruchtbarkeit und moderne Waldbewirtschaftungskonzepte lassen die Bäume heute höher wachsen und mehr an Volumen zulegen, als in den bisher gebräuchlichen Ertragstafeln verzeichnet“, erklärt dazu Projektleiter Prof. Dr. Hermann Spellmann, ehemaliger Leitern der NW-FVA.

Die modellbasierten Ertragstafeln sollen eine realitätsnähere Durchmesserschätzung erlauben und das aktuelle Zuwachsniveau in gleichaltrigen Reinbeständen widerspiegeln. Außerdem ermögliche dies eine ökonomische Bewertung und Ableitung betrieblicher Erfordernisse bei der von der NW-FVA empfohlenen gestaffelten Hochdurchforstung der Waldbestände bis zur Ernte. „Anhand der langfristigen Wertentwicklungen sollen nachhaltige Betriebsmodelle entwickelt werden, die Aussagen über Normalvorräte, Vorratswerte, nachhaltige Nutzungsmöglichkeiten und nachhaltige betriebliche Erträge, Aufwendungen und Reinerträge ermöglichen“, erläutert Projektleiter Prof. Dr. Bernhard Möhring von der Universität Göttingen.

Modern, aber mit bewährter Tradition

Die anwenderfreundlich an die zuletzt 1995 aufgelegte Ertragstafelsammlung von Schober angelehnten „dynamischen“ Ertragstafeln seien mithilfe des einzelbaumbasierten Waldwachstumssimulators der NW-FVA erstellt worden, heißt es seitens der FNR. Aufbauend auf realen Versuchsflächendaten seien auf diese Weise zunächst Bestände simuliert, anschließend mit dem Einzelbaumwachstumssimulator TreeGrOSS der NW-FVA für 30 Jahre fortgeschrieben und schlussendlich über ein System von biometrisch-statistischen Funktionsgleichungen in das Tafelwerk überführt worden.

Daneben entwarfen die Projektbeteiligten auf den Simulationsdaten basierende, mit den Ertragstafeln korrespondierende Bestandssortentafeln zur Abschätzung der Holzsortimente. Diese Bestandssortentafeln müssen allerdings zunächst an realen Waldbeständen oder Einschlagsdaten validiert werden. Für die Herleitung der Güteklassenverteilung bei den Laubbaumarten Eiche und Buche sehen die Projektbeteiligten vor der Veröffentlichung der Bestandssortentafeln außerdem weiteren Forschungsbedarf.

Geschichte der Ertragstafeln

„Mit der Etablierung des Grundsatzes der Nachhaltigkeit in der Waldbewirtschaftung 1713 durch den sächsischen Berghauptmann Carl von Carlowitz entstand das Bedürfnis, die Zuwächse von Waldbeständen und ihr nachhaltiges Nutzungspotenzial zuverlässig und einfach schätzen zu können. Forstmann Johann Christian Paulsen stellte 1795 für verschiedene Reinbestände Alter, Höhe, Stammzahl, Vorrat und Zuwachs in Tabellen gegenüber. Die Tabellen gelten als älteste deutschsprachige Ertragstafeln und als Grundstein für die erste Ertragstafelgeneration.

Der Übergang zu intensiveren Durchforstungskonzepten im 19. Jahrhundert läutete die zweite Ertragstafelgeneration ein. In den 1870er- und 1880er-Jahren einigte man sich auf Eckpunkte, die Erscheinungsbild, Datengewinnung und Konstruktionsmethodik forstlicher Ertragstafeln vereinheitlichte und ihre Vergleichbarkeit erhöhte. Die weiter gewachsene Datengrundlage führte zur Veröffentlichung wegweisender Ertragstafeln, etwa der 1880 ‚im Auftrage des Vereins deutscher forstlicher Versuchs-Anstalten‘ von Wilhelm Weise vorgelegten ‚Ertragstafeln für die Kiefer‘.

Die Zusammenführung bereits existierender Ertragstafeldaten über mathematische Modelle 1923 markierte den Beginn der dritten Ertragstafelgeneration. In den 1950er- und 1960er-Jahren gewann die EDV-gestützte Auswertung der Ausgangsdaten an Bedeutung. Das 1963 aufgelegte Ertragstafelwerk von Assmann und Franz gilt als wichtige Basis zahlreicher Ertragstafelwerke im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts. Die im nordwestdeutschen Raum bedeutendste und bis heute genutzte Ertragstafelsammlung stammt von Reinhard Schober (1975 und 1995).

Ertragstafeln sind auch heute für viele Forstbetriebe das Fundament für eine nachhaltige Nutzungsplanung. Sie stellen eine objektive und nachvollziehbare Besteuerungsgrundlage dar und dienen der Waldbewertung als Referenz. Viele heute gebräuchliche Ertragstafeln sind aufgrund veränderter Wachstumsbedingungen und neuer waldbaulicher Bewirtschaftungskonzepte jedoch veraltet. Mit der neuen Ertragstafel des Verbundvorhabens „dyn-ET“ wird der Weg frei für eine vierte Generation dieses wichtigen forstlichen Planungsinstrumentes.“

(Auszug aus einer Pressemitteilung der FNR vom 8. August 2022)

Mit Material von FNR, NW-FVA und Uni Göttingen