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Wie naturnah sind Naturwaldreservate? Neophyten und Therophyten als geobotanische Indikatoren

Quelle: Forstarchiv 83; 2, 93-108 (2012)
Autor(en): SCHMIDT W

Kurzfassung: Neophyten und Therophyten finden sich bevorzugt in Lebensräumen, die von menschlichen Störungen geprägt sind und gegenüber naturnahen Ökosystemen stark veränderte Umweltbedingungen aufweisen. Sie werden in der Geobotanik daher häufig herangezogen, um den Grad der menschlichen Beeinflussung (Hemerobie) der Vegetation und damit auch ihren Naturnähegrad zu kennzeichnen. Dies wurde anhand floristischer und vegetationskundlicher Daten aus 17 Naturwaldreservaten in Niedersachsen und Nordhessen geprüft. Im Vergleich zur Gesamtlandschaft war der Anteil von Neophyten und Therophyten in den Naturwaldreservaten deutlich geringer und weist auf eine höhere Naturnähe hin. Alte Buchennaturwälder in der Optimalphase zeigen kaum Unterschiede im Neophyten- und Therophytenanteil gegenüber Naturwäldern, die sich aufgrund von Sukzessionen oder fehlender Habitatkontinuität erst zu diesen entwickeln. Nach dem Ende der Bewirtschaftung nimmt bei Wäldern in der Optimalphase der Neophyten-Anteil relativ zu, der Therophyten-Anteil dagegen ab. Es bestanden nur geringe Unterschiede zwischen (naturnah) bewirtschafteten und nicht bewirtschafteten Wäldern. Nach natürlichen Störungen (z. B. Windwurf- oder Borkenkäfer-Katastrophen) kann sich auch in Naturwäldern der Neophyten- und Therophyten-Anteil drastisch erhöhen. Dies wird am Beispiel von Impatiens parviflora besonders deutlich, einem krautigen Neo- und Therophyten, der flächendeckend und stabil die sich in Wäldern bietenden Lücken nutzt – egal, ob bewirtschaftet oder unbewirtschaftet. Zusammen mit ihrem sehr niedrigen Artenanteil sind Neophyten und Therophyten als geobotanische Indikatoren für den Naturnähegrad von Wäldern daher nur bedingt geeignet, insbesondere unter Verwendung von Grenzwerten. Kritisch ist aber auch die Ableitung der Naturnähe allein aus starren Grenzwerten für die Baumartenzusammensetzung zu sehen, wenn diese – wie am Beispiel der Kalkbuchenwälder gezeigt wird – eine hohe Dynamik im Laufe ihrer Bestandesentwicklung aufweisen.


How natural are strict forest reserves? Neophytes and therophytes as geobotanical indicators

Abstract: Neophytes (non-native or alien plant species) and therophytes (annuals) are dominant in anthropogenic disturbed ecosystems whose environmental conditions are distinct from natural ecosystems. Therefore these plants were often used to characterize the human impact on vegetation (i. e., hemeroby, a measure of naturalness). The usefulness of these geobotanical indicators was tested using data from 17 strict forest reserves in Lower Saxony and North Hesse. In a regional context the proportion of non-indigenous and annual plant species was lower in strict forest reserves compared with the surrounding landscape indicating a higher degree of naturalness. Ancient beech forest in optimal stages showed little differences in the proportion of neophytes and therophytes in comparison with forest reserves that are still undergoing successional change or are missing habitat continuity in the past. Since cessation of the forest management the proportion of alien species increased relatively while the proportion of annuals decreased. There are only minor differences between unmanaged and close-to-nature managed forests. After catastrophic disturbances (e. g. by wind throw or bark beetle attack) the proportion of neophytes and therophytes can increase dramatically also in strict forest reserves. This can be shown clearly by the abundance of Impatiens parviflora, a non-native herb-layer therophyte that forms dense and constant layers in forest floor gaps after disturbance in unmanaged or managed forests alike. As neophytes and therophytes typically have low abundance in woodlands in general, these geobotanical indicators are therefore only of limited use as indicator thresholds to characterize the naturalness of forests. This has to be also true for the degree of naturalness derived from fixed thresholds of tree species composition as shown by beech forests on limestone with a high stand dynamic.

© DLV München

 

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