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300 Jahre Nachhaltigkeit made in Germany  Verantwortung und Chance am 25. März 2013 in Berlin. Diskussionsrunde zur Umsetzung von Nachhaltigkeitsstrategien mit (v.l.): Melinda Crane

Festakt im Bundeskanzleramt: 300 Jahre „nachhaltende Nutzung“

Im Jahr 1713 prägte der sächsische Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz den Begriff der Nachhaltigkeit. Ihn ehrte ein Symposium im Kanzleramt und zeigte Parallelen der damaligen Zeit zur heutigen Diskussion um sozialeres und ökologischeres Wirtschaften.
Europa hatte ein Energieproblem. Der ganze Kontinent klage über „Holtz-Mangel“, so schrieb Hans Carl von Carlowitz in seinem vor 300 Jahren vorgelegten Werk „Sylvicultura oeconomica“. Holz war wichtigster Energieträger, die Problemlage für Carlowitz dramatisch. Das Buch wurde zur Grundlage moderner Forstwirtschaft und prägte den Begriff Nachhaltigkeit der Oberberghauptmann sah es als vordringliche Aufgabe jener Zeit, eine „continuirliche, beständige und nachhaltende Nutzung“ des Holzes zu gewährleisten.
Carlowitz trägt dabei Ideen vor, die wie Vorläufer der energetischen Gebäudesanierung und Energieeffizienz anmuten etwa Häuser mit Stroh und Moos besser abzudichten oder Kachelöfen zu benutzen, die mit „weniger Holz mehr Wärme geben“. Deshalb zog Kanzleramtsminister Ronald Pofalla beim Symposium Parallelen zu aktuellen Problemen. „Keine großen Utopien, sondern wirtschaftliche Interessen bildeten damals den Hintergrund von Nachhaltigkeit“, sagte Pofalla. Die Bundesregierung habe Nachhaltigkeit zum politischen Leitprinzip erhoben.
Ampel der Fairness
Weil Generationengerechtigkeit ein zentrales Ziel von Nachhaltigkeit ist, präsentierten fünf Vertreterinnen und Vertreter der Jugendkonferenz „Contemporary Carlowitz“ ihre Ideen. Sie erarbeiteten ein Papier, das nun einem internationalen Expertenteam vorliegt, das bis zum Herbst die Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung beurteilen soll. In dem Papier schlagen die jungen Erwachsenen konkrete Maßnahmen vor, etwa eine „Ampel der Fairness“, die den gegenwärtigen „Label-Dschungel“ ersetzen und auf jedem Produkt den Konsumenten unmittelbar zeigen soll, wie sozial und ökologisch es ist. Dazu könne es eine App geben, so die Idee, die Barcodes scannt und sofort aktuelle Informationen über die Produkte anzeigt. Wissenschaftliche Kriterien müssten dazu noch entwickelt werden, die Daten könne eine noch zu gründende Bundesagentur aufbereiten.
Weitere Vorschläge waren etwa ein „Energie-O-Mat“, also ein Online-Tool, das Tipps zum Energiesparen gibt, oder ein Pfandsystem für die Rückgabe von Elektrogeräten, um das Recycling zu forcieren. Auch politische Forderungen finden sich darunter, etwa Schülermitbestimmung zu stärken oder ein ganzheitliches Bildungskonzept, das vorsieht, Lehrer und Dozenten in Sachen Nachhaltigkeit fortzubilden und Schulmaterialien entsprechend zu überarbeiten.
Ist die Diskussion um Nachhaltigkeit nachhaltig?
 
Wie wichtig das Thema Nachhaltigkeit auf nationaler und internationaler Ebene ist, ob Wachstum von Ressourcenverbrauch entkoppelt werden kann und wo die praktischen Hindernisse bei der Umsetzung von Nachhaltigkeitsstrategien sind, diese Fragen standen im Mittelpunkt der anschließenden Diskussion, moderiert von Günther Bachmann, Generalsekretär des Rates für Nachhaltige Entwicklung sowie der Journalistin Melinda Crane. „Ist die Diskussion um Nachhaltigkeit nachhaltig?“, so formulierte Bachmann die zentrale Frage.
„Es widerspricht sich nicht, dass wir Werte schaffen und gleichzeitig den ökologischen Fußabdruck minimieren“, sagte Kathrin Menges, Vorstandsmitglied bei Henkel.
Für Michael Vassiliadis, Vorstand der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie, ist das allerdings nicht ohne Zielkonflikte zu erreichen, die auch offen angesprochen werden müssten. Als Beispiel nannte Vassiliadis seine eigene Gewerkschaft, in der viele Mitglieder der energieintensiven Industrie arbeiten, die um ihre Konkurrenzfähigkeit angesichts hoher Strompreise fürchtet gleichzeitig sei er ein großer Verfechter der Energiewende, sagte Vassiliadis.
Die werde international genau beobachtet, sagte Tanja Gönner, Vorstandssprecherin der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit. Das Label „Made in Germany“ beziehe sich nicht nur auf Technologien. Auch deutsche Beratung werde weltweit nachgefragt, etwa in ländlichen Gebieten in Afrika, um Wälder für künftige Generationen zu erhalten.
Wo Gönner mehr „Systemdenken“ forderte, knüpfte Olaf Tschimpke an, Präsident des Naturschutzbundes Deutschland und stellvertretender Vorsitzender des Nachhaltigkeitsrates. Er forderte, endlich einen neuen Begriff von Wachstum zu etablieren. „Wir müssen an erkennbaren Maßstäben sozialer und ökologischer Dimension weiterarbeiten“, sagte er.
Um Konflikte zu lösen wünschte sich Marlehn Thieme, Vorsitzende des Rates für Nachhaltige Entwicklung „Selbstmotivation in Sachen Nachhaltigkeit“.

Rat für Nachhaltige Entwicklung
Vertreter der Jugendkonferenz 300 Jahre Nachhaltigkeit made in Germany  Verantwortung und Chance am 25. März 2013 in Berlin. Diskussionsrunde zur Umsetzung von Nachhaltigkeitsstrategien mit (v.l.): Melinda Crane Olaf Tschimpke

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