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Ohne August Bier würde links vermutlich auch ein Kiefernreinbestand stehen.

Exkursionsbericht: Alternative Baumarten und Behandlungskonzepte

Das Junge Netzwerk Forst (JNF) und der Sächsische Forstverein (SFV) veranstalteten im Juni eine Zweitages-Exkursion nach Brandenburg. Es wurden alternative Baumarten und Behandlungskonzepte für den Wald im Klimastress besprochen. Im Exkursionsbericht teilen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihre Erfahrungen mit.

Nachdem wochenlang jegliche Veranstaltungen coronabedingt abgesagt werden mussten, war unsere Exkursion des Jungen Netzwerk Forst und des Sächsischen Forstvereins sehr gefragt. Rund 35 interessierte (angehende) Försterinnen und Förster warenim Juni nach Brandenburg gereist, um zwei verschiedene Forstbetriebe und deren Waldbaukonzepte mit alternativen Baumarten kennenzulernen. Natürlich waren Alle auf ein der Situation angepasstes Verhalten bedacht – es ist eben doch nur ein kleines Stück weit Normalität, was wir dennoch sehr genossen.

„Gegensätze fügen sich zur Harmonie“

Das typische brandenburgische Waldbild ist bekannt für Kiefernbestände auf scheinbar armen, sandigen Böden und hohem Wildverbiss. Philipp Höhne, Revierförster im Sauener Forst, überraschte jedoch die Gruppe mit vielschichtigem, grünem, dichtem Wald mitten in Brandenburg. Der Sauener Wald ist geprägt von einer über 100 Jahre alten Bewirtschaftungstradition, begründet von August Bier. 1912 übernahm der Biologe, Mediziner und Forstwirt das Gut Sauen und verwandelte den typischen Kiefernwald in einen üppigen, artenreichen Forst. Seine Maxime „Gegensätze fügen sich zur Harmonie“ führte dabei zum Erfolg. Er pflanzte tiefwurzelnde neben flachwurzelnde Arten, Laubholz neben Nadelholz und Humusbildner neben Humusverbraucher. So konnte bis heute die Wasserversorgung und das Waldinnenklima gesichert und verbessert werden.

Foto: F-. Moczia

Abb.: Schwarz- und Hybridnussbestand im Sauener Forst

Experimentierfreude mit neuen Baumarten

Die anhaltende Experimentierfreude zeigt sich in den 460 Strauch- und Baumarten des Sauener Waldes. Neben Nadelholzaltbeständen aus Lowiana-Tanne oder Lawson-Scheinzypresse, waren auch Baumhasel und Esskastanie in Altbeständen angestrebte Exkursionspunkte. Weitgehend unbekannt unter deutschen Forstleuten ist die langsam wachsende Hickory, die hier unter Eiche eine gute Qualität aufweist, sowie der Schwarz- und Hybridnussjungbestand. Die große Frage war dennoch, wie man aus dem Konzept der enormen Gehölzvielfalt überhaupt Gewinne erzielen könne. Die meisten dieser Raritäten werden von Privatleuten gekauft, die speziell danach suchen. Denn einen etablierten Markt gibt es für diese Baumarten noch nicht, sodass das große Ziel, schlaue Absatzmöglichkeiten zu erschließen, lautet. Zudem sind auch die Erfahrungen zur Bewirtschaftung dieser alternativen Baumarten noch sehr rar, weshalb auch immer wieder einige Fehler passieren, wie ein verspäteter oder ein zu schwacher Eingriff und deswegen das Wachstum oder die Holzqualität leiden. Doch genau das ist es, was die Arbeit im Sauener Forst spannend und abwechslungsreich macht. Die 14 km lange Wanderung durch den Sauener Wald bei schwül-warmer Witterung verlangte den Teilnehmenden einiges ab, aber die Spannung auf die nächsten und übernächsten Waldbilder hielt die Beine frisch.

Die Robinie als Waldbaualternative im Klimawandel

Der nächste Tag galt ganz dem Baum des Jahres – der Robinie. Wir waren zu Gast im Familienforstbetrieb Moczia am Rande der Märkischen Schweiz. Der Betrieb wirbt mit eindrucksvollen Waldbildern und Erlöspotenzialen dafür, die Robinie als eine echte waldbauliche Alternative im Klimawandel zu betrachten. Man willsich endlich frei machen von den „forterzählten Märchen“ über schlechte Schaftqualitäten (und dadurch provozierte geringe Nutzenerwartungen) sowie über ausnahmslos negative Auswirkungen auf den Lebensraum- und Artenschutz. „Nicht umsonst wird unsere Königin der Außenhölzer auch als das Teakholz Brandenburgs, Öko-Trendholz und Premium-Hartholz bezeichnet.“, so Felix Moczia, der anhand ausgewählter Waldbilder verschiedener Wuchsphasen ein umfangreiches Behandlungskonzept zur Robinie vorstellte, welches nach Entwicklungspotenzialen differenziert. Der konsequenten Etablierung und Förderung von Wurzelbrut und Kernwüchsen sowie der zielgerichteten Pflege im Jungwuchs und Jungbestand kommen dabei immense Bedeutung zu. Die anschließenden Durchforstungen werfen dann sehr hohe Vornutzungserlöse ab. Die präsentierten Waldbilder überraschen und überzeugen zugleich. Wer erwartet schon von einer belaubten Pionierbaumart im niederschlagsarmen Osten der Republik Derbholzvorräte von über 750 Vfm/ ha? Welche andere Baumart in Europa erzielt Erlöse auf Wertholzniveau ab einem Bestandesalter von 12 Jahren? Der Robinie jedenfalls hätten die meisten Exkursionsteilnehmenden das jedenfalls nicht zugetraut – zu tief verwurzelt sind die Vorbehalte gegen diese wirtschaftlich und ökologisch hochinteressante Baumart.

Die Robinie – das Öko-Wertholz

Robinienholz, ob krumm oder gerade, kann wahrlich als Öko-Wertholz bezeichnet werden! Der Holzerlös von deutlich über 100 bis 180 €/ fm für Sondersortimenten des Spielgerätebaus sowie für Pfahlholz ist dabei nur ein einzelner zu berücksichtigender Aspekt. Die erstklassigen physikalischen Holzeigenschaften und die hohe natürliche Dauerhaftigkeit des rasch heranwachsenden Holzes versprechen vielfältige Verwendungsmöglichkeiten. Sie werden ohne giftige Chemikalien-Cocktails erreicht, wie sie bei weitgereisten, kesseldruckimprägnierten Tropenhölzern wie Teak und Bangkirai eingesetzt werden. Hohe Erlöse, sehr niedrige Begründungs- und Pflegekosten, rasche und dauerhafte CO2-Bindung sowie effiziente CO2-Einsparung, geringe Umweltkontaminationskosten und Schutz tropischer Urwälder – der Wert von Robinienholz aus der Region ist geradezu unübertroffen! „Und wenn mal etwas nicht so recht gelungen ist: Bei der Robinie kann ich jederzeit den waldbaulichen „Reset-Knopf“ drücken und beinahe kostenlos noch einmal ganz von vorne beginnen – ihrem enormen Wiederaustriebspotenzial sei Dank.“, erläutern Felix und sein Vater Hans-Dieter Moczia. Die Robinie ist in vielerlei Hinsicht eine echte waldbauliche Alternative mit hoher Klimastabilität und ökologischer Resilienz nach Schadereignissen. Sie ist eine ökologisch wie wirtschaftlich tragfähige Baumarten-Ergänzung in Zeiten der Klima- und Holzmarktkrise!

Foto: U. Wilhelm

Abb.: 80jähriger Robiniensamen-Baumbestand mit 759 Vfm/ha

Erfahrungshorizont aus waldbaulicher Sicht erweitern

Gerade jetzt, wo die Zukunft des Waldes ungewiss ist, ist es wichtig, dass wir unseren Horizont zu Baumarten und Bewirtschaftungskonzepten erweitern und unsere Erfahrungen diesbezüglich austauschen. Die Exkursion hat uns gezeigt, dass vermeintlich trostlose Standorte nicht nur für die Kiefer geeignet sind. Gleichzeitig kann hier ein stabiler, artenreicher und gleichzeitig gewinnbringenden Wald entstehen, der womöglich auch im Klimawandel mithalten kann.

Die Zweitagesexkursion vom SFV und JNF war ein großes Erlebnis. Sie bot vielseitige Einblicke und neue Diskussionsansätze zu waldbaulichen Fragestellungen in Zeiten der Klimakrise. Die Wälder und die Forstwirtschaft verändern sich aktuell rasant. Nicht nur alternative Baumarten sind dabei als Ergänzung zur effektiven Risikostreuung gefragt. Auch alternative Konzepte zur Finanzierung der Leistungen von Forstbetrieben, zur Förderung, Waldbau- und Jagdkonzepte sowie die Diversifizierung von Nutzungspotenzialen müssen erörtert werden. Insofern ergeben sich für folgende Exkursionen weitere thematische Anknüpfungspunkte für den Forstverein und das Junge Netzwerk Forst in Sachsen und über den Freistaat hinaus.

Ulrike Wilhelm & Felix Moczia

Quelle: JNF/SFV

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