Forstpolitik

Waldverlust in Europa liegt nicht an Holzernte

Bearbeitet von Marc Kubatta-Große

Eine Studie der Gemeinsamen Forschungsstelle der Europäischen Kommission (GFS) aus dem Jahr 2020 nutzte Satellitendaten zur Beobachtung der Veränderung der Waldfläche und kam zu dem Schluss, dass ab 2016 die Holzernte in europäischen Wäldern deutlich zugenommen hatte. Den Anstieg führten die Autoren auf den wachsenden Holzbedarf zurück. Eine neue Studie zeigt jetzt, dass die Holzernte in den vergangenen Jahren zwar gestiegen ist, jedoch nur um 6 % und nicht um 69 %, wie es die GFS zuvor mitgeteilt hatte.

Eine kürzlich veröffentlichte Antwort auf die umstrittene Studie „Abrupt increase in harvested forest area over Europe after 2015“ (Abrupte Zunahme der geernteten Waldfläche in Europa nach 2015) zieht deren Ergebnisse in Zweifel. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unter Beteiligung der Technischen Universität München (TUM) zeigen nun, dass die Waldernte in den vergangenen Jahren um nur 6 % gestiegen ist.

Nur 6 % Anstieg, nicht 69 %

Die Studie hatte Satellitendaten zur Beobachtung der Veränderung der Waldfläche genutzt. Die Autoren der Gemeinsamen Forschungsstelle (GFS) der Europäischen Kommission hatten auf Basis der Daten vermutet, dass der Anstieg des Waldverlusts auf den wachsenden Holzbedarf – angetrieben durch die Bioökonomie- und Bioenergiepolitik der EU – zurückzuführen sei. Die Veröffentlichung löste eine hitzige wissenschaftliche und politische Debatte aus, da der Zeitpunkt der Veröffentlichung der Studie mit Beratungen des EU-Parlaments und des Rates über die EU-Waldstrategie für die Zeit nach 2020 zusammenfiel.

Methodische Fehler

In einer in der Fachzeitschrift Nature veröffentlichten Antwort auf die GFS-Studie haben nun 30 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus 13 europäischen Ländern Belege präsentiert, die die Schlussfolgerungen der Studie in Frage stellen. Die Forschenden zeigen, dass die von der GFS berichteten großen Waldverluste vor allem auf methodische Fehler zurückzuführen sind.

Diese Fehler beziehen sich zum einen auf die deutlich verbesserte Erfassung von Waldveränderungen durch Satelliten während des Bewertungszeitraums. Gleichzeitig hat es Veränderungen in den Wäldern aufgrund natürlicher Störungen – wie zum Beispiel Dürreschäden oder Sturmwürfe – gegeben, die in der GFS-Studie oft fälschlicherweise als Holzernte ausgewiesen wurden.

Besser zusammenarbeiten

Dr. Marc Palahí, Direktor des European Forest Institute (EFI), der die neue Studie leitete, betont: „In Zukunft sollten Forstinformationen sorgfältiger bewertet werden. Dabei muss eine Vielzahl methodischer Fragen und Faktoren berücksichtigt werden. Dies erfordert eine verstärkte Zusammenarbeit sowie wissenschaftlich fundierte und gemeinsame Ansätze zwischen der Europäischen Kommission und den Mitgliedstaaten, um im Rahmen des EU-Green Deals besser informierte, forstbezogene politische Entscheidungen zu ermöglichen.“

Dürre und Käfer zu wenig berücksichtigt

Rupert Seidl, Professor für Ökosystemdynamik und Waldmanagement von der Technischen Universität München (TUM) ergänzt: „Natürliche Störungen in Europas Wäldern nehmen stark zu. Dieser Trend hält schon seit mehreren Jahrzehnten an, hat sich aber gerade in den letzten Jahren – für welche die Studie der GFS einen abrupten Anstieg in der Holzernte konstatiert – nochmals deutlich beschleunigt. Verantwortlich dafür sind vor allem Dürre sowie eine damit in Verbindung stehende massive Entwicklung der Borkenkäferpopulationen – Prozesse die in der GFS Studie nicht ausreichend berücksichtigt wurden.“

Technische Entwicklung unterschätzt

„Auch die zugrundeliegende Datenbasis und die Sensitivität der Analysen haben sich über die Zeit deutlich verbessert, so dass mit neueren Daten auch kleinere Änderungen im Wald erfasst werden konnten, welche in der Vergangenheit verpasst wurden“, sagt Dr. Cornelius Senf, Wissenschaftler an der Professur für Ökosystemdynamik und Waldmanagement.

Einer der Fehler in der GFS-Studie bestand also darin, dass die Autoren unterschätzten, wie satellitengestützte Aufnahmen und die Methoden, mit denen sie analysiert wurden, über die Zeit verbessert wurden. „Satellitenprodukte sollten immer unter Berücksichtigung von Fehlern und zeitlichen Inkonsistenzen interpretiert werden, und man muss sorgfältig zwischen Entwaldung und anderen Ursachen für Waldverlust unterscheiden“, fügt Dr. Cornelius Senf hinzu. Sowohl Prof. Seidl als auch Dr. Senf waren an der Antwort-Studie beteiligt.

Fernerkundung ist notwendige Basis politischer Entscheidungen

Professor Gert-Jan Nabuurs von der Universität Wageningen, ein Hauptautor des Weltklimarates (IPCC), der an der Studie teilnahm, kommentiert, dass die Zunahme der Ernte in den Wäldern Europas in den vergangenen Jahren in erster Linie auf eine moderate wirtschaftliche Erholung nach der Rezession 2008 bis 2012 zurückzuführen sei. „Sehr auffallend ist jedoch das bisher nie dagewesene Ausmaß an natürlichen Störungen, die unsere Wälder in vielen Teilen des Kontinents in den letzten Jahren massiv betroffen haben.“

Die Auswirkungen der von den Forschenden festgestellten Fehler sind von globaler Relevanz, da heutzutage viele an Politik und Gesellschaft gerichtete Studien zum Waldzustand Fernerkundungsmethoden verwenden. Satellitenbildauswertung wird mehr und mehr eingesetzt, um beispielsweise die globale Entwaldungsdynamik zu verfolgen. Den Autorinnen und Autoren zufolge sind wissenschaftlich fundierte Fernerkundungsmethoden und Auswertungen für eine robuste evidenzbasierte Politik unabdingbar.

Quelle: TUM