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Eine kleine und feine Maschine

Eine kleine und feine Maschine

Diesen Titel würde sich Forst & Technik normalerweise nicht so leicht zu schreiben trauen. Aber wenn das ein Harvesterfahrer mit über 20 000 Stunden Erfahrung sagt, dann mag da schon was dran sein. Darum stellen wir diese Aussage gleich mal an den Anfang der Vorstellung des neuen Harvesters von Neuson.

Es handelt sich um den neu entwickelten Vollernter mit der Bezeichnung 103 HVT. Das Gerät war, wie erinnerlich, auf der Austrofoma am Stand des Linzer Unternehmens zu sehen, damals noch vollkommen unerprobt. Mehr als ein halbes Jahr sind seither ins Land gegangen und nun schält sich langsam die Endversion der Maschine heraus.

Der Unterwagen ist eine bekannte Größe. Will der Kunde eine Maschine mit Tiltfunktion, bildet das Laufwerk des größeren Harvesters 133 HVT die Basis. Ansonsten kommt der Unterbau des abgelösten 9002 zum Einsatz. Damit steht das Gerät mit 2,55 m Breite deutlich besser im Bestand und kann dank höherer Zugleistung (14 t) auch steiler fahren als die Vorgängerversion. Standard sind Einstegplatten mit 500 mm Breite, je nach Einsatzgebiet gibt es Platten bis zu 700 mm und mit bis zu drei Stegen, die dann aber deutlich kürzer ausfallen. Auffällig sind die langen Gleitschienen an der Unterseite des Laufwerkes und die gut geschützten Stützrollen dort. Andreas Weissenbacher, einer der beiden Neuson-Verkaufsberater: „Das ist ein echtes Forst-Laufwerk, kein umgestricktes Band aus dem Bausektor. Uns ist kein Fall bekannt, wo eine Gleiskette rausgesprungen wäre.“ Die Leitrollen vorne und hinten sind starr. Es gab Überlegungen Richtung Panzerlaufwerk mit erhöhtem Leitrad vorne und gefederten Stützrollen unten, aber das treibe nur das Gewicht in die Höhe, sei viel wartungsintensiver und bringe im Vergleich wenig, so Weissenbacher. Die Kundschaft komme mit dem angebotenen Layout gut klar. Das gelte besonders für die nun anlaufenden Märkte in Übersee, die robuste und einfache Technik schätzten. Mit 3,3 m Laufwerkslänge baut der Harvester sehr kompakt, auch der Oberwagen ragt nicht über die Länge der Ketten hinaus. „Die Ölmotoren im Laufwerk sind ebenfalls Spezialversionen und nicht mit Baumaschinenantrieben vergleichbar“, betont Weissenbacher. Der 200 l fassende Tank an der Rückseite und die nicht allzu große Werkzeugkiste zwischen den beiden Auslegern zum Stützschild ergänzen den Unterwagen.

Kraftzwerg

Am meisten hat sich am Oberwagen getan. Der wurde komplett neu aufgesetzt. Das beginnt beim Rahmen, in den jetzt nicht nur die Scheinwerfer eingelassen sind. Die Fahrer haben gesprochen und daher gibt es jetzt auch ein absperrbares Fach für Ketten und Schwerter – mit Ablaufloch für Schmutz und Flüssigkeiten – an der rechten Seite gleich hinter dem Kranfuß. Das ist groß genug für ausreichend Vorrat an Verbrauchsmaterial. Die Kabine bietet deutlich mehr Platz als beim Vorgängermodell, weil der Sitz weiter nach hinten gerückt ist. Hier noch nicht zu sehen, aber bald in Serie: Die Kabine kann (mit Motorhilfe) nach vorne gekippt werden. Das bringt besserem Zugang zu den Hydraulikleitungen und der Drehdurchführung, macht auch den Service um einiges leichter. Der nach hinten klappbare Lichterkranz senkt das die Überstellhöhe auf unter 3,20 m. Das ermöglicht den Transport mit günstigen Bautiefladern, die überall verfügbar sind. Auch die Frontscheibe wird noch eine Modifikation erfahren, damit der Fahrer den Kronenraum besser einsehen kann. Die Sure-Grip-Hebel bleiben, auch Motomit als Standard-Vermessung hat sich nicht geändert. Die Kabine wirkt knapp geschnitten, ist innen aber sehr aufgeräumt. Es gibt keinen „Chi-chi“, aber alles Notwendige ist da. Die Ausstiegstüre ist groß, die Übersicht gut.

Das ist auch der neuen Krananlenkung zu verdanken. Beim 103 HVT gibt es keine eigene Schwenkkonsole mehr. Der Kran und die beiden Zylinder des Hauptarmes fußen auf einer dem Rahmen vorgebauten Platte. Der Blick nach rechts aus der Kabine wird dadurch frei – ein Novum bei dieser Durchforstungsmaschine. Der Hauptarm ist Neusons mittlerweile siebente Version – die Summe der Kundenanregungen. Ein leichter Knick im unteren Drittel des Armes und ein weiterer im Bereich der Anlenkung des Wipparmes zeichnen ihn aus. Zwei Zylinder bewegen ihn. Der Wipparm und der Teleskopteil stammen von Kesla aus Finnland. Mit der neuen Kranposition reicht die Maschine 9,3 m weit in den Bestand, praktisch immer genug in der Durchforstung. Das meist gewünschte Aggregat für den Vorgänger war das Logmax 4000 B und dafür ist der Harvester ebenfalls ausgelegt. Alternativen anderer Hersteller sind möglich und laufen demnächst im Praxistest.

Zurück zum Oberwagen: Zwar ist Neusons Hauptmarkt Mitteleuropa, aber die „exotischen“ Länder werden wichtiger. Deswegen bietet der Hersteller das, was dort gewünscht ist. Und das ist nicht Tier IV final. Je einfacher der Motor und je bekannter der Lieferant, desto besser läuft das Verkaufsgespräch. Also haben sich die Linzer für den John Deere 4045 entschieden, der 105 PS auf das Verteilergetriebe bringt. Der gilt als Generatormotor und arbeitet mit zwei Drehzahlen: 1.100 und 1.800 U/min. Damit ist er bis 2019 legal auch in Europa verkäuflich. Die Hydraulik musste dem Rechnung tragen und ist daher komplett neu konstruiert. Beim Zuschauen ist kaum ein Unterschied zwischen dieser Arbeitsweise und dem Load Sensing anderer Hersteller zu merken. Dass alles mit Bioöl befüllt ist, sei zur Vollständigkeit halber ebenfalls vermerkt.

Was am 103 HVT auffällt: Er kann sich vollständig entblättern. Es gibt dank großer Klappen und der Kippkabine keine Stelle, die der Fahrer oder Mechaniker nicht schnell erreichen kann. Die wichtigen Komponenten sind schön sichtbar, was auch der Kühlung in der heißen Jahreszeit dient. Einem verstopften Kühler ist rasch zu Leibe gerückt, Hydraulikleitungen mit einem Blick kontrollierbar. „So soll das sein. Wir denken bei der Konstruktion immer daran: Wie gut erreichbar sind die Teile, wie gut können sie im Reparaturfall aus- und wieder eingebaut werden?“, erläutert Weissenbacher.

Auf der Rolle

Also geht es an die Arbeit. Ernst Puchbauer ist der 20.000-Stunden-Mann. Die meisten davon hat er auf Radmaschinen absolviert, auf Ketten ist er noch nicht lange unterwegs. Er arbeitet beim forstlichen Komplettanbieter „Silvana Forst- und Agrar GmbH“ aus Niederösterreich. Mit zwei älteren Neuson-Maschinen hat er aber schon Erfahrungen gesammelt. Puchbauer lobt die deutlich bessere Leistung der neuen Maschine, mit der auch Zweitdurchforstungen locker von der Hand gingen. Der Beispielsbestand, ein ehemaliger Kirchenwald, sei zwar an der oberen Grenze, aber was das Aggregat packe, das schaffe auch die Maschine ohne Murren. Die Abstimmung sei gut, der Konstantmotor kein Störfaktor. Dennoch: „Wer keinen Raupenharvester will, den wird man nie auf so eine Maschine gewöhnen können“, meint er. Der Fahrer müsse auch sorgfältig arbeiten. Stöcke seien wegen der Abschrägung zu den Laufwerken im Unterwagen immer in die Mitte zu nehmen, Stöcke in der Spur sauber schräg zu schneiden. „Mich lieben die Forwarderfahrer“ schmunzelt er, „weil sie hinter mir wie auf einer Autobahn fahren können. Dazu kommt noch die saubere Sortierung.“ Der Neuson dreht nämlich endlos und sehr flott (angegeben werden 11,5 Umdrehungen in einer Minute), was neue Arbeitsweisen ermöglicht. Das müsse aber jeder Fahrer selbst ausloten, wie Puchbauer feststellt. Von der Steigfähigkeit des Fahrwerks ist er überzeugt: „Nur der Boden setzt die Grenze, sonst ist alles möglich.“ Die im Prospekt beschriebenen 40 % sind aus seiner Sicht die Untergrenze. Der Neuson mag wie jede Raupe Felsplatten oder grobe Blöcke eher nicht, geht aber sonst mit dem Boden schonend um. Lediglich beim Rausdrehen aus der Gasse gibt es sichtbare Spuren. Das Gröbste lasse sich aber mit dem Schild ausbessern, berichtet er. Puchbauer lobt die Sicht nach allen Seiten und die gute Zugänglichkeit aller Komponenten. Mit der Leistung könne der Waldbesitzer zufrieden sein. „Es gibt praktisch keine Konkurrenz. Ich kann das sagen, weil ich schon viele Maschinen gefahren bin. In der Erst- bis Zweitdurchforstung steht der Neuson ziemlich alleine da. Wenn das Gelände passt, steckt er jeden anderen Harvester in den Sack, was Kosten und Leistung betrifft.“ Der Einstandspreis des 103 HVT wird, so der Hersteller, unter 300.000 € liegen. Wie es sich für eine kleine Firma geziemt, kann der Kunde seine Wunschmaschine zusammenstellen, genau auf sein Einsatzprofil zurechtgebaut. Da kommt nichts vom Band. Und das schätzen bereits hunderte Unternehmer und Fahrer auf nunmehr fast allen Kontinenten.

Anton Friedrich

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