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Dr. Karl Heinz Großer verstorben

Dr. Karl Heinz Großer verstorben

Wenige Tage nach Vollendung seines 90. Geburtstages verstarb am 18. Juni 2015 der ostdeutsche Waldkundler, Forstmann und Naturschützer Dr. rer. silv. Karl Heinz Großer.
Aus einer Försterfamilie der Oberlausitz stammend, der Vater war als Forstamtsleiter und nach dem Weltkrieg als Standortserkunder tätig, entstanden bei Karl Heinz Großer frühzeitig Interesse und Liebe für Wald und Natur. Nach Militärdienst, Kriegsverwundung und Gefangenschaft studierte er in Berlin und Eberswalde von 1946 bis 1950 Forstwirtschaft.
Seine vegetationskundlichen Arbeiten im „Urwald Weißwasser“ (Diplomarbeit) und an den Fichtenvorposten in der Lausitz (Dissertation) unter der Ägide der Eberswalder Schule der Waldvegetationskunde von Professor Scamoni waren für ihn der Anfang und wissenschaftlicher Ausgangspunkt eines Lebens für die Waldkunde und den Waldnaturschutz. Mit diesen und weiteren standörtlich-vegetations- und landschaftskundlichen Arbeiten leistete er im Kollektiv der unter Leitung von Alexis Scamoni in Eberswalde wirkenden Wissenschaftler der Forstwissenschaftlichen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin und der Akademieabteilung des Instituts für Forstwissenschaften Eberswalde (IFE) wesentliche Beiträge zu den Grundlagen für die Auswahl und Vorbereitung eines Systems von waldkundlich orientierten Naturschutzgebieten in der DDR, zu deren Ausweisung es in den 1960er Jahren kam. Nach der Assistenzzeit am Institut für Waldkunde unter Professor Scamoni mit den Schwerpunktdisziplinen Vegetations- und Standortsforschung sowie Naturschutz war Karl Heinz Großer von 1956 bis 1959 Leiter des Naturkundemuseums in Görlitz.
Im Jahre 1959 holte ihn Professor Dr. H. Meusel als Mitarbeiter für waldkundliche Fragen des Naturschutzes an das Institut für Landesforschung und Naturschutz (ILN) in Halle (Saale), dem ostdeutschen Pendant des späteren Bundesamtes für Naturschutz. Die Weiterentwicklung des Waldschutzgebietssystems der DDR und die Ausarbeitung wissenschaftlich begründeter Behandlungsrichtlinien für diese Gebiete standen fortan im Mittelpunkt seines beruflichen Wirkens. Parallel dazu, quasi als Vollzugskontrolle, war für ihn das Monitoring dieser Gebiete sehr wichtig. Mit der waldkundlichen Bearbeitung (Pollenanalyse, standorts- und vegetationskundliche Untersuchungen, Bestockungsprofilanlage, Stammanalysen) des Hochmoors Jahnsgrün im Jahre 1961 leistete er Pionierarbeit im Schutzgebietsmonitoring der DDR.
Nach der Berufung zum Leiter der Arbeitsgruppe Potsdam des ILN bestimmte er mit vielen Impulsen und Ideen die Beratung und Anleitung des staatlichen und ehrenamtlichen Naturschutzes in den Grenzen des heutigen Bundesland Brandenburg über mehr als ein viertel Jahrhundert wesentlich mit. Dabei stand für ihn stets das Bemühen im Vordergrund, den Naturschutz, insbesondere den Waldnaturschutz, mit waldkundlichem Hintergrundwissen zu versehen und die Maßnahmen immer aus seinen gut begründeten Zielen abzuleiten.
Seine Analysen der Präsenz der natürlichen Vegetation und der waldbestockten Naturschutzgebiete in den Wuchsgebieten und Wuchsbezirken des Landes Brandenburg zeugten von seinen umfassenden Naturraumkenntnissen und der wissenschaftlich-systematischen Herangehensweise bei der Auswahl der Schutzgebiete.
In der schwierigen Umbruchphase der 1990er Jahre hat Karl Heinz Großer als Ruheständler mit unvermindertem Arbeitselan für Waldkunde, Forstwirtschaft und Naturschutz als Berater der Obersten Forstbehörde Brandenburgs in Sachen Naturwälder/Waldnaturschutz gewirkt. Er konnte aber auch die Früchte seiner Arbeit ernten, denn viele Waldschutzgebiete bildeten den Grundstock für das sogenannte Nationalparkprogramm, dem „Tafelsilber der deutschen Einheit“. Seine umfangreichen Kenntnisse und Erfahrungen gab er an die kommende Förstergeneration in der Vorlesungsreihe „Landschaftspflege und Naturschutz“ an der Fachhochschule Eberswalde weiter. Mit den Ersteinrichtungen und Erstinventuren mehrerer Naturwälder Brandenburgs, beispielsweise Kienhorst (1992), Kleiner Schwarzberg (1996), Kuckuckseichwald (1998), sowie zahlreichen waldkundlichen Monografien von prüfenswerten Schutzgebieten hat er wesentlichen Anteil am Aufbau des Naturwaldsystems des Landesbetriebes Forst Brandenburg und dem Start des Brandenburger Naturwaldmonitorings, das durch Eigentumsrückübertragung Anfang der 1990er Jahre im Bestand stark gefährdet war.
Als Mitautor der kürzlich in der Eberswalder Forstlichen Schriftenreihe erschienenen Monographie „Die Waldvegetation Nordostdeutschlands“ hat K. H. Großer sein im Laufe einer fast 70-jährigen kontinuierlichen Beschäftigung mit der Waldnatur Nordostdeutschlands erworbenes waldkundliches Wissen für nachfolgende Förstergenerationen als Vermächtnis aufbereitet.
Seine angenehme, herzliche und kollegiale Art war bezeichnend. In der Sache war er unnachgiebig, nachfragend und hartnäckig. Alle Mitstreiter, die mit ihm gearbeitet und gewirkt, ihn gut gekannt haben, werden ein ehrendes Andenken an Dr. Karl Heinz Großer bewahren.
Dr. Michael Egidius Luthardt, Olaf Rüffer

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