Jarcrac Evopro
Das ist mal eine Reisigmatte, die den Namen verdient hat!
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Die Holzraupe von Jarcrac

29. November 2020

Tobias Erhards eigener kleiner Wald ist extrem nass. Schon bei der ersten Durchforstung hatte die konventionelle Forsttechnik die Rückegassen so ziemlich in Grund und Boden gefahren. Das wollte der findige Allgäuer unbedingt verbessern und machte sich auf die Suche nach erschwinglicher und privatwald-tauglicher Nassflächentechnik.

Solche Situationen sind in Tobias Erhards Heimat ziemlich weit verbreitet. In der sanften Hügellandschaft finden sich sehr viele anmoorige Standorte. Hinzu kommt: Der Wald ist oft in jeglicher Hinsicht kleinstrukturiert. Die Besitzgrößen sind klein, die Parzellen sind klein und vielfach sind sie – umgeben von Grünland – noch nicht einmal vernünftig mit Zufahrten erschlossen. Als Produktionsstätten für Viehfutter sind die Wiesen den Landwirten oft nachgerade heilig und haben einen höheren Stellenwert als der Wald.

Da ist guter Rat teuer, im wahrsten Sinne, denn Spezialtechnik für die Weichbodenrückung gibt es nicht an jeder Hausecke zu kaufen und wird im Zweifel ziemlich kostspielig. Für den gelegentlichen Einsatz im Privatwald ist das eher unerschwinglich.

Raupendumper

Aber der gelernte Industriemeister für Lebensmitteltechnik gab keine Ruhe und fand 2014 eine exotische, aber bezahlbare Basismaschine. Morooka heißt ein japanisches Unternehmen, das sich auf kettengeführte Transportfahrzeuge spezialisiert hat. Die Europa-Vertretung in Groß-Gerau gibt es erst seit 2017, insofern sind die Produkte bei uns noch relativ wenig bekannt. Doch Tobias Erhard hatte schon 2014 einen kleinen Raupendumper dieser Marke auf dem Gebrauchtmarkt gefunden. Den MST 800 aus dem Baujahr 2000 strippte er erstmal runter bis auf den Antrieb und die Laufwerke und baute ihn mit Hilfe eines Spezls, der im Maschinenbau arbeitet, mit einem Rungenkorb und einem kleinen Ladekran nach seinen Bedürfnissen wieder auf.

Das japanische Morooka Raupenfahrzeug hat sich Erhard selbst zu einem Weichboden-Forwarder umgebaut
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Der Fahr- und Bedienkomfort ist nach heutigen Gesichtspunkten ziemlich rustikal: Zum Laden steht man in dem kleinen und offenen Führerhäuschen, für die Fahrt gibt es eine spartanische Sitzgelegenheit. Aber das ist alles nicht so wichtig. Der entscheidende Punkt war vielmehr: Mit dieser kleinen und leichten Maschine (5 t Zuladung bei knapp 6 t Leergewicht, verteilt auf 4 m lange Laufbänder) hatte Erhard eine bezahlbare Technik gefunden, mit der er unter schwierigsten Verhältnissen nahezu spurlos rücken konnte. Das kleine Gerät lässt sich ohne Probleme auf seinem Plateau-Anhänger hinter dem Traktor zu den Waldorten fahren, verursacht also auch keine überbordenden Kosten für Tiefladertransporte.

Mit diesem Gefährt und seinem Nebengewerbe „Tobias Erhard – Holzrücken auf nassen Flächen“ hat sich der Allgäuer, der ansonsten auch selber eine Landwirtschaft mit Milch- und Jungvieh betreibt, über die Jahre ein zusätzliches Standbein und einen guten Namen in der Region geschaffen. Mehr und mehr Waldbesitzer fanden Gefallen an seiner sauberen Arbeit und daran, dass auch nach der Rückung über die Wiesen weder im Wald noch auf dem Grünland bleibende Schäden zurückblieben, selbst wenn die ersehnten Frostwinter auch im Allgäu langsam Mangelware werden. Tobias und sein kleiner Selbstbau-Bandforwarder waren zwischenzeitlich mindestens zwei Tage in der Woche im Einsatz.

Eskalation

Was ursprünglich mal für ein paar hundert Festmeter pro Jahr gedacht war, ist immer weiter eskaliert. Spätestens seit die örtliche Forstbetriebsgemeinschaft Marktoberdorf regelmäßig mit ihm zusammenarbeitet und ihren Mitgliedern bei sensiblen Fällen rät, lieber ein paar Euro mehr für die Rückung auszugeben, haben sich die Aufträge verstetigt. Die FBG hat dabei auch ein gewisses Eigeninteresse: Wenn sie auch nur eine Hiebsmaßnahme mit einem schlampigen Unternehmer versaut sorgt das im Kreise ihrer Mitglieder für mehr Negativschlagzeilen als vorher zehn zufriedene Auftraggeber Werbung für die Vereinigung gemacht haben.

Bastian Horn von der FBG Marktoberdorf: Für uns sind gewissenhafte Unternehmer sehr wichtig.
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Soweit, so gut – aber für Tobias Erhard war die Suche nach der optimalen Maschine für seine Anforderungen noch nicht zu Ende. Die Schwachstelle des Morooka sind Steigungen. Da haben die Gummi-Laufbänder relativ schnell keine ausreichende Traktion mehr und dem Antrieb mit ungünstiger Übersetzung geht die Luft aus. Außerdem sind die langen Laufwerke zwar sehr bodenpfleglich wenn es geradeaus geht, bei Kurvenfahrt beginnen sie aber früh zu radieren.

Der Palms-Kran 4.70 hat keine Mühe mit den Fichtenabschnitten
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Wie schon bei seiner ersten Maschine brachte intensive Web-Recherche ihn auf einen weitgehend unbekannten Fahrzeugtyp: Von der finnischen Marke Jarcrac läuft bisher bestenfalls eine Handvoll in Deutschland. Mangels Forstmessen in diesem Sommer und mit erschwerten Reisemöglichkeiten hat er seinen neuen Jarcrac Evopro quasi blind und nur nach der Papierform gekauft. Der Vertrieb für Deutschland und Österreich läuft über die tschechische Firma Agro-Forest Bavor. Deren Internetseite ist zwar nur auf Tschechisch, der Chef Ivan Bavor spricht aber gut Deutsch. Bei der Ersatzteilbeschaffung hat Erhard keine Bedenken, denn Komponenten von Perkins, Bosch-Rexroth oder Parker sind leicht verfügbar.

Als wir ihn besuchen, hat die kleine Holzraupe bereits 270 Betriebsstunden auf der Uhr, in denen sie durchschnittlich 3,16 l Sprit je Stunde verbraucht hat. Das ist aber nur ein kleiner Punkt, warum Tobias Erhard sehr zufrieden mit seiner Investition ist: „Mit den 52 cm breiten Kettenbogies und der Knicklenkung bewältige ich jetzt problemlos auch steile Anfahrten zu den Nassstellen, wegen denen ich meist gerufen werde. Zugleich ist das neue Gerät sehr wendig und hinterlässt um die Kurve rum noch weniger Spuren.“

Psychologie

Auch die Erntemaschine muss sehr bodenschonend unterwegs sein, damit sie nicht mehr Schäden macht als dieses Rückefahrzeug
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Nach seiner Erfahrung spielt auch die Psychologie bei der Mechanisierung im Wald eine große Rolle: Der Jarcrac ist gerade mal 1,95 m breit, wiegt 5,7 t und darf 5,0 t zuladen. Auf dem Rungenkorb haben aber problemlos 5-m-Abschnitte Platz, mit einer Zusatzrunge auch zwei Stapel 2,40er Paletten. Bei solch kompakten Abmessungen haben die Waldbauern sichtbar weniger Bedenken, selbst wenn sie zuerst skeptisch sind gegenüber Maschinen im Wald. Deswegen arbeitet Erhard auch bevorzugt mit Kollegen zusammen, die kleine Erntemaschinen haben. Ein häufiger Partner, den wir auch bei unserem Besuch treffen, ist Johann Waldmann, genannt „Mosi“, mit seinem Neuson 183 HVT Baggerharvester. Der ist zwar schon deutlich höher und wiegt tatsächlich 20 t – das sieht man ihm aber überhaupt nicht an. Auch Mosi gehört zu den Stammunternehmern der FBG Marktoberdorf, vor allem weil er den Ruf genießt, dass er jeden Wald in dem er arbeitet, so pfleglich wie seinen eigenen behandelt. Ein zweiter Sparringspartner für die Holzraupe ist Korbinian Duttler aus Ottobeuren, der mit seinem bänderbestückten John Deere 1070 auf weichen Böden ebenfalls eine gute Figur macht.

Die "Bengelbruck" schont die Wiese
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Bei dem heutigen Einsatz ist die Notwendigkeit zur Bodenschonung nicht direkt offensichtlich, weil der Bestand geräumt werden muss. Ein großes Käferloch in der Mitte hatte nur noch die instabilen Ränder übrig gelassen, die auf einer Seite zudem auf die Straße und angrenzende Bebauung fallen könnten. Trotzdem haben die beiden Unternehmer sich eine ausgewachsene Reisigmatte untergelegt. Um zur Forststraße zu gelangen, muss auch hier ein Stück Grünland gequert werden. Der Boden ist so weich, dass man schon zu Fuß einsinkt. Deswegen hat Tobias sich zusätzlich eine „Bengelbruck´n“ gebaut, wie der Knüppeldamm hier genannt wird. Mit solchen Methoden konnte er sich auch schon den einen oder anderen Auftrag vom Naturschutz sichern, im Rahmen von Moorrenaturierungsprojekten.

Während im Hintergrund sein Kollege noch schneidet, ist der Rücker schon dabei, die verschiedenen Sortimente abzutransportieren. Der Kran Palms 4.70 hebt bei seiner vollen Auslage von 7 m noch 400 kg und hatte demnach auch mit den stärkeren Fichtenabschnitten keinerlei Probleme. Die Pumpenabstimmung ist den Ingenieuren sehr gut gelungen, freut sich der Fahrer. Sechs verschiedene Ansteuerungsprofile ließen sich auf dem zugehörigen Bedienungsdisplay abspeichern.

Haben viel Spaß bei der Arbeit: Johann Waldmann alias „Mosi“ und der „Bär“ Tobi Erhard
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Vollwertig

Damit die Maschine beim Laden stabil steht, gibt es am Knickgelenk eine echte Verblockung
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Damit die Maschine bei seitlicher Auslage sicher steht, besitzt der Jarcrac eine automatische Verblockung zwischen Vorder- und Hinterwagen. Diese Technik war mit ein Grund für Erhard, sich für den grünen Finnen zu entscheiden. Der STF 4060 von Swiss Tracked Forwarder muss demgegenüber beim Laden jeweils seine Flap-Down-Stützen einsetzen, was natürlich Zeit kostet. Abgesehen davon wäre die Schweizer Maschine deutlich teurer in der Anschaffung gewesen.

Grundsätzlich käme in dieser Maschinenkategorie auch noch der Terri 34 in Frage. Doch der besitzt keine aufgekanteten Laufwerke, die nach seiner Erfahrung ganz wesentlich dafür, sorgen dass man auf den Wiesen kaum einen Eingriff der Bänder sieht. Nicht zuletzt ist der Jarcrac in diesem Reigen mit 58 cm mit Abstand der Bodenfreiheits-Champion. In den Anschaffungskosten von rund 125 000 € netto steckt das stabile Frontgitter, die Klimaanlage und die LED-Beleuchtung schon drin. Lediglich eine Standheizung und ein paar außenliegende Stauboxen wären in der Aufpreisliste noch anzukreuzen gewesen.

Potenzial

Tobias Erhard ist ein echter Hüne. Trotzdem kann er sich im Führerhaus problemlos drehen
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Schaut man Tobias Erhard bei der Arbeit zu, wirkt das Führerhaus des Jarcrac schmächtig. Das liegt aber vor allem daran, dass der Jungunternehmer ein echter Hüne ist. Trotzdem haben seine Knie keine Probleme, wenn er sich mit dem Sitz in der Kabine umdreht. Wird das vielleicht bald sein Hauptberuf? Die Akzeptanz der Kundschaft wäre vorhanden, neuerdings sogar beim Staatsforst. Während er bisher dort oft für die Problemfälle innerhalb größerer Hiebe gerufen wird, könnte er in einem nahegelegenen Waldgebiet möglicherweise eine ganze Maschine plus Fahrer auslasten. Ob er diesen Schritt gehen will, weiß er noch nicht.

Heinrich Höllerl