Peter Wohlleben auf der Bühne in Leutkirch
Peter Wohlleben auf der Bühne in Leutkirch
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Dialog mit Peter Wohlleben

09. Dezember 2022
Am Montag, den 31.10.2022 hatte die Stadt Leutkirch die Ehre, Herrn Peter Wohlleben in der Festhalle für einen Waldabend begrüßen zu dürfen. Schon lange war der Saal nicht mehr so gut gefüllt, das ließ auf ein breites Interesse am Thema schließen. „Der berühmteste Förster Deutschlands“. Mit diesen einleitenden Worten von Peter Aulmann, dem Vorsitzenden der veranstaltenden Elobau-Stiftung, begab sich Herr Wohlleben unter großem Applaus auf die Bühne.

Ein Gastkommentar von Moritz Wingartz

Ich selbst habe nach meiner Ausbildung zum Forstwirt in Rottenburg (wie Herr Wohlleben auch) einen Bachelor in Forstwirtschaft absolviert und studiere momentan im Master Forstwissenschaften an der Universität Freiburg. Bei diesem Werdegang kommt man nicht umhin, von Herrn Wohllebens Wirken mitzubekommen. Zugegeben, die Forstwelt ist oft nicht gut zu sprechen auf Herrn Wohlleben. An diesem Punkt sei dahingestellt, inwieweit diese Meinung zutreffend ist. Ich versuchte auf jeden Fall, offen und unvoreingenommen zu dieser Veranstaltung zu gehen und freute mich auf einen spannenden Vortrag und auf eine angeregte Diskussionsrunde.

Der Waldhüter

Beeindruckende und malerische Waldbilder wurden zu Beginn der Veranstaltung als Film mit harmonischer Musik gezeigt. Als Einstieg wurde die Frage gestellt, wie Herr Wohlleben zu seiner heutigen Einstellung zum Thema Wald kam, da er ursprünglich auch den Weg des „klassischen“ Försters gewählt hatte. Herr Wohlleben sieht sich als Waldhüter und als ihm nach seiner Ausbildung klar wurde, dass „Förster nichts anderes als Baummetzger sind“ wandelte sich seine Einstellung. Kaum wurde dieser reißerische Satz von Herr Wohlleben ausgesprochen, war spürbar, wie sich das Publikum in zwei Lager aufspaltete.

„Baumschulbäume sind alle gehirnamputiert, weil sie abgeschnitten werden“ verkündete der bekannteste Förster Deutschlands im weiteren Verlauf des Abends vom Podium herab. „Wer im Wald pflanzt, hat das System Wald nicht verstanden“. Ich halte das für eine fragwürdige Feststellung, nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass auch für jede Eintrittskarte seines Filmes „Das geheime Leben der Bäume“ ein Baum gepflanzt wurde. Zwar handelt es sich bei diesen überspitzten Formulierungen um eine geschickte Methode, um mehr Aufmerksamkeit zu generieren, dennoch sollte man sich spätestens in diesem Moment die Frage stellen, ob dieser Umgangston im Sinne des Waldes und des Gemeinwohls zielführend ist oder es sich hier lediglich um ein Marketing in eigener Sache handelt.

Überspitzt

Die an diesem Abend von Herrn Wohlleben getätigte Aussage „Ich arbeite nicht mit böswilligen Unterstellungen“ verliert in diesem Moment viel an Glaubwürdigkeit. Sollte man sich bei einem so emotional aufgeladenen Thema wie dem Wald nicht mit Sachlichkeit annähern, um für eine Atmosphäre zu sorgen, die zu Diskussionen und einem konstruktiven Austausch anregt?

Ein Großteil des Abends war geprägt von wissenschaftlichen Studien, welche seine Aussagen stützen sollten. Herr Wohlleben wusste dabei stets zu betonen, dass diese Fakten „von echten Wissenschaftlern“ stammten. Hinzu kamen gefilmte Szenen von Ausnahmesituationen im Wald, wie zum Beispiel Kalamitätsflächen, welche großflächig geräumt wurden. Damit sollte der vermeintlich schlechte Umgang der Forstwirtschaft mit dem Wald deutlich gemacht werden. Natürlich ist die Forstbranche nicht frei von Mängeln aber dieser unreflektierte Umgang mit Wald, welcher von Herrn Wohlleben so drastisch geschildert wird, entspricht nicht der heutigen Forstwirtschaft. Versetzt man sich in die Zeit vor 70 Jahren, wird klar, dass Fichtenmonokulturen damals nicht gepflanzt worden sind, weil Fichte die am besten angepasste Baumart war. Vielmehr wurde das schnellwüchsige Holz aus einer Notsituation auf den Flächen angepflanzt, wo vorher die Reparationshiebe zu leisten waren. Von einem Klimawandel war zu dieser Zeit noch nichts bekannt.

Cherry Picking

Sowohl Herr Wohllebens wissenschaftliche Fakten als auch das Zeigen von ausgewählten Missständen in der Forstwirtschaft lässt auf ein wohlbekanntes Stilmittel schließen. Die Rede ist von „Cherry-Picking“. Dabei werden ausschließlich Beispiele und Belege aufgeführt, welche die eigene Argumentation stützen. Andere Beispiele, die der Argumentation widersprechen, aber dennoch relevant sind, werden außer Acht gelassen. An diesem Punkt möchte ich Sie an die oben gestellte Frage erinnern: „Ist diese Art von Umgang im Sinne des Waldes und des Gemeinwohles zielführend?“.

Grundsätzlich schlecht?

Natürlich macht es nun den Eindruck, dass Herr Wohlleben die Forstwirtschaft nur schlechtreden möchte. Ich unterstelle ihm an dieser Stelle aber eine gute Absicht: „Es muss sich was ändern“. Dies deutete sich an einigen Stellen des Abends auch so an. Herr Wohlleben plädierte für das Überdenken der Bewirtschaftung von Wäldern. In den Grundzügen ist diese Aussage völlig richtig und wichtig. Auch der Aufruf „Man muss Bürgerinnen und Bürger in Entscheidungsprozesse miteinbeziehen“ ist in meinen Augen for(s)tschrittlich und zwingend notwendig. Den passenden Abschluss des Abends fand sein Gesprächspartner Peter Aulmann mit den Worten: „Wir müssen zusammenarbeiten! Es ist nicht zielführend, wenn die eine Seite gegen die andere arbeitet.“

Einladung zum Dialog

Es verdichtet sich der Eindruck, dass Herr Wohlleben bei seinen Seitenhieben gegen die Forstwirtschaft auf ein Bild zurückgreift, welches seit langem nicht mehr der Realität und dem Durchschnitt der Waldsituation in Deutschland entspricht. Das ist nicht als Vorwurf gemeint, denn selbst die Forstwirtschaft entwickelt sich verhältnismäßig schnell weiter. Es soll als Einladung gedacht sein, in den Dialog mit den Menschen zu treten, die tagtäglich den Wald als ihren Arbeitsplatz bezeichnen.

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Moritz Wingartz
Moritz Wingartz
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In diesem Rahmen wende ich mich direkt an Sie sehr geehrter Herr Wohlleben. Lassen Sie uns die schon vorhandene Schnittmenge als Ausgangspunkt nutzen, um in einen konstruktiven Dialog zu treten. Dazu möchte ich mich auf ein sinngemäß wiedergegebenes Zitat von Ihnen an diesem Abend beziehen „Man muss auch mal außerhalb der Blase diskutieren“. Ich lade Sie hiermit herzlichst im Namen der Hochschule Rottenburg zu einem Abend an ihrer alten Ausbildungsstätte in die neue Aula ein, um mit den Förster*Innen von morgen zu diskutieren. Ich bin davon überzeugt, dass alle beteiligten Personen davon profitieren werden.

Zusätzlich möchte ich Ihnen hiermit das Projekt WaldSICHT U30 vorstellen. Junge, offene Menschen, die für das Thema Wald brennen, etwas bewirken und auch verändern wollen haben sich im September bei Kassel getroffen. Gemeinsam wurde ein Positionspapier verfasst, mit dem Ziel, Einfluss auf die Novellierung des Bundeswaldgesetzes zu nehmen. Darin enthalten sind Empfehlungen für den Umgang mit unseren Wäldern in der Zukunft. Damit wurde ein Zeichen gesetzt, dass das Denken in der Forstwirtschaft enorm im Wandel ist und Handlungsbedarf besteht. Wir würden es sehr begrüßen, wenn Sie ein Teil dieses Projektes werden und für eine Podiumsdiskussion zur Verfügung stehen.

Klar ist auch, dass branchenspezifische Probleme nicht nur von Fachleuten diskutiert werden sollten. Gerade wenn es um das öffentliche Gut Wald geht, sind Meinungen „von außen“ überaus wichtig. Deshalb lade ich auch Sie ein, liebe Leserinnen und Leser, an solchen Prozessen mitzuwirken. Die Webseite www.treffpunktwald.de bietet Ihnen die Möglichkeit, an aktuellen Workshops, Praktika, etc. teilzunehmen, um somit ein Teil des Großen Ganzen zu werden – getreu dem alten Motto der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald: W.A.L.D. – Wir. Alle. Leben. Davon.