Waldbau

Der Regenwald heilt langsamer als gedacht

Bearbeitet von Mirjam Kronschnabl-Ritz

Wissenschaftler der beiden Leibniz-Einrichtungen Senckenberg Naturhistorische Sammlungen Dresden und Museum für Naturkunde Berlin haben eine über zwanzig Jahre angelegte Langzeitstudie zur Biodiversität im Regenwald abgeschlossen.

Anhand von Froschgemeinschaften im Gebiet der westafrikanischen Elfenbeinküste konnte das Team zeigen, dass sich das Ökosystem fast 50 Jahre nach der Abholzung immer noch nicht erholt hat. Einige Froscharten kehren nie wieder in ihren ursprünglichen Lebensraum zurück. Die Studie erschien im Fachjournal „Forest Ecology and Management“.

Wälder unter großem Druck

Der „Taï National Park“ in der westlichen Elfenbeinküste ist der größte noch verbleibende Regenwald in Westafrika. Wie viele andere tropische Wälder auf der ganzen Welt steht das Gebiet unter großem Druck: Straßenbau, Land- und Forstwirtschaft haben den Lebensraum für zahlreiche Arten stark eingeschränkt; hinzu kommen zunehmend unberechenbare Regenfälle. „1970 wurde hier noch Holz geschlagen“, erklärt Raffael Ernst von den Senckenberg Naturhistorischen Sammlungen in Dresden und fährt fort: „Seither konnte der Wald natürlich regenerieren. Wir wollten wissen, ob die Artenvielfalt und -zusammensetzung wiederhergestellt sind.“

Frösche sind guter Indikator für Umweltveränderungen

Dazu analysierten die Dresdener und Berliner Forschenden gemeinsam mit der ivorischen Erstautorin der Studie, Tokouaho Flora Kpan die Zusammensetzung der Froschgemeinschaften vor Ort. Amphibien eignen sich gut als Indikator für Umweltveränderungen. „Sie verfügen über komplexe Lebenslaufstrategien – „life-histories“ – und schnelle Vermehrungszyklen und haben daher oft spezialisierte Ansprüche an ihren Lebensraum“, erklärt PD Dr. Mark-Oliver Rödel vom Museum für Naturkunde Berlin. Manche Frösche gedeihen ausschließlich in kleinen wassergefüllten Baumlöchern oder Schneckenhäuschen. Darüber hinaus besitzen Frösche anscheinend ein Gespür für die Austrocknungsgefahr ihrer Laichplätze. Die Studie zeigt auf, dass ein paar dieser Arten immer noch nicht zurückgekehrt ist.

Erstautorin der Studie Tokouaho Flora Kpan untersuchte die Zusammensetzung der Froschgemeinschaften vor Ort.
Foto: Mark-Oliver Rödel/Museum für Naturkunde

Es fehlt vor allem an Struktur

Die Forschenden untersuchten die Populationen von insgesamt 33 Froscharten in einem vormals bewirtschafteten Gebiet, verglichen sie mit Daten aus dem Jahr 2000 und mit dem umliegenden, unberührten Wald. Sie stellten fest: Obwohl sich der Wald insgesamt erholt, wich die Zusammensetzung der Arten auch mehr als vierzig Jahre nach der Abholzung noch immer stark vom ursprünglichen Zustand ab. Das liegt auch an der veränderten Waldstruktur: Im nachgewachsenen, „sekundären“ Wald fehlen vor allem große, Struktur gebende Bäume, was die Gegend für einige Arten unattraktiv macht.

Regeneration verlängert sich

Bisher dachte man, dass sich der Wald etwa nach 30 Jahren erneuert hat, bevor man daran denkt ihn wieder wirtschaftlich zu nutzen. Diese Zahl muss nun weiter nach oben geschraubt werden. Man geht mittlerweile von 40 bis 60 Jahren Wartezeit aus, bis das ursprüngliche Ökosystem wiederhergestellt wurde. Die Studie signalisiert klar, dass die Zyklen zwischen Abholzungen deutlich verlängert werden müssen, um das Ökosystem zu schützen.

Komplexes Wechselspiel

Die Arbeit der Forschenden ist aber auch in anderer Hinsicht wegweisend: „Es gibt überraschend wenig Forschung zur Erholung der Regenwälder, und meist spielen Amphibien keine große Rolle darin. Sie sind aber wichtige Indikatoren dafür, ob ein Wald wirklich zu seinem ursprünglichen Zustand zurückkehrt.“ Das komplexe Wechselspiel verschiedener Lebewesen in einem Ökosystem müsse stets mitbedacht werden: „Die Frösche folgen dem Wachstum der Bäume. Die langsamsten Organismen setzen den Takt für die schnelllebigen.“

Publikation: Kpan, T.F., Ernst, R., & Rödel, M.-O. Follow the forest. Slow resilience of West African frog assembalges after selective logging. Forest Ecol Manag 497 (2021) 119489 ; Studie in englischer Sprache 

Quelle: Seckenberg Institut