Anfang dieses Jahres feierte die dritte Generation der MAN TGX seine Weltpremiere. Im Oktober konnte er in München mit einem Holzaufbau Probe gefahren werden
Anfang dieses Jahres feierte die dritte Generation der MAN TGX seine Weltpremiere. Im Oktober konnte er in München mit einem Holzaufbau Probe gefahren werden
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Der neue MAN TGX mit Holzaufbau

06. Dezember 2020

Den neuen TGX liefert MAN mit neuer Kabine, moderner Innenraumgestaltung, digitalem Display und vielen Fahrerassistenten. Der erste Holztransportaufbau für das Flaggschiff aus München stammt von der Firma Doll.

Lange haben die Kunden auf ihn warten müssen. Jetzt ist er da: der neue MAN TGX in dritter Generation. Im spanischen Bilbao feierte das umfangreich überarbeitete Flaggschiff der Münchener Anfang dieses Jahres seine Weltpremiere. Bedingt durch Corona und Kurzarbeit dauerte es etwas länger, bis die ersten Modelle auf die Straße kamen. Mit dabei unser Holzzug, bestehend aus dreiachsigem Motorwagen und Zweiachs Drehschemelanhänger, der mit Doll-Aufbau und Epsilon-Ladekran für eine ausgiebige Probefahrt bereitstand.

Der Löwe ist größer

Beim ersten Rundgang um das 18,75 m lange Gefährt sind die Unterschiede zum Vorgänger kaum auszumachen. Kein Wunder: Haben die Designer doch Teile des alten Kabinen-Rohbaus übernommen. Vieles ist aber neugestaltet. Da wären die schlitzartigen LED-Scheinwerfer. Sie stammen vom Lion’s Coach. Für den Einsatz auf Waldwegen schützt sie ein Gitter vor Einschlägen. Die Flanken des TGX zieren jetzt drei linienartige Sicken. MAN nennt sie Aerodomes. Dieses Stilelement hat nicht nur Designfunktion, sondern auch eine stabilisierende Wirkung für die Kabine.

Vorne wirkt der mattschwarze MAN-Grill größer und wie aus einem Guss. Die Chromspange trägt einen größeren Marken-Löwen. Im dreiteiligen Stahl-Stoßfänger ist ein Lufteinlass integriert. Der sichtbare Unterfahrschutz will nicht so recht ins Gesamtkunstwerk passen. In der Kabine hat sich viel getan. Der 1,59 m hohe Aufstieg über die vier treppenartigen Stufen fällt leicht. Trotz der höhergelegten Kabine bleibt ein 10 cm hoher Motortunnel bestehen. Dafür ist der Durchstieg zur Beifahrerseite jetzt völlig frei.

Die störende Konsole mit Drehschalter für das Tipmatic-Getriebe und Hebel für die Feststellbremse hat ausgedient. Ab jetzt übermittelt ein Lenkstockhebel die Fahrerbefehle ans Getriebe. Zum Abstellen des Lkw zieht der Fahrer einen Hebel im Armaturenbrett, der die neue elektrische Feststellbremse aktiviert. Noch schneller geht es, indem der Zündschlüssel umgedreht und abgezogen wird. Automatisch wählt das Getriebe die Neutralstellung und gleichzeitig zieht die Feststellbremse an. Mit der kann der Fahrer sogar den gesamten Zug stoppen, falls die Betriebsbremse ausfallen sollte. Als fein dosierbare Hilfsbremse liefert sie beim Betätigen während der Fahrt einen kurzen Bremsimpuls, bevor das sanfte Tempodrosseln über den Hebel einsetzt.

Das Cockpit

Das erneuerte Cockpit gehört zu den Highlights des neuen TGX. Das beginnt beim Multifunktionslenkrad mit erweitertem Verstellbereich. Neu ist die Bedienlogik über Tasten und Wippschalter. Auf der linken Seite liegen alle Funktionen für die Assistenzsysteme, rechts bedient der Fahrer Telefon, Radio und die Menüs im volldigitalen Hauptdisplay mit 12,3“ Diagonale. Damit es so groß ausfallen konnte, läuft der Drehzahlmesser im Halbrund gegen den Uhrzeigersinn. Daran hat man sich schnell gewöhnt. Die Rundinstrumente für Tempo und Drehzahl sind fein gezeichnet und gut ablesbar. In der Mitte gibt es eine zentrale Darstellung für den Abstandstempomat und andere Funktionen. Rechts und links davon lassen sich weitere Displays über die Lenkradtasten aufrufen.

Entertainment-, Navi- und Telematik-Funktionen steuert der Pilot über den neuen Dreh-Drück-Steller; MAN nennt ihn salopp „SmartSelect“. Über zwei Drehringe und Tastendrücker lassen sich verschiedene Menüs aufrufen. Die werden im Zusatzdisplay in der Armaturentafel angezeigt.

Damit das Scrollen durch die logisch aufgebaute Menüstruktur auch während holpriger Fahrt funktioniert, lagert der rechte Handballen auf einer ausklappbaren Auflage. So bleiben die Finger immer an richtiger Position und können auf der Touchpad-Oberfläche des Stellrades sogar Buchstaben für die Navigation kritzeln, die der Bordcomputer erkennt und im Display einfügt. Das aufwendige Scrollen durch eine Alphabetanzeige entfällt. Der Vorteil von Smart-Select gegenüber einem Touchscreen: Die Finger arbeiten auch ohne Blickkontakt. So bleibt das Verkehrsgeschehen länger im Fokus.

Eine tolle Idee hatte MAN auch mit Easy-Control – den vier in der Fahrerinnentür integrierten Tasten für Warnblinker, Motorstart und -stopp, Nebenabtrieb sowie Arbeitsscheinwerfer. Diese oder auf Wunsch andere Funktionen bedient der MAN-Fahrer künftig auch von außen, wenn er neben dem Lkw steht. Das erspart ihm manches Ein- und Aussteigen während der Arbeit.

Fahrerhaus

Das mittelgroße GM-Fahrerhaus des Testfahrzeugs bietet 1,94 m Stehhöhe und viel Komfort durch neu gestaltete Ablagen und Staufächer, Getränkehalter und Steckdosen. Das untere Bett mit ausstellbarem Kopfteil, breiter Mehrzonenmatratze und Lattenrost verspricht angenehme Träume beim Übernachten. Im Handschuhfach versteckt sich ein kleines Klapptablett zum Ablegen des Frühstücksbrots. Große Staufächer über der Frontscheibe und Schubladen unter der Liege für Kühlschrank und Proviant lassen kaum Wünsche offen.

Der Fahrer thront auf einem Recaro-Komfortsitz. Das Lenkrad mit variierender Lenkradkranzdicke liegt perfekt in der Hand. Die elektrische Lenkung selbst arbeitet tadellos, könnte in der Mittellage etwas straffer sein. Die Bedienung von TipMatic-Getriebe und Dauerbremse über den Lenkstockhebel erfolgt intuitiv. Die Schaltungen des automatisierten Zwölfgang-Getriebes starten pünktlich und ohne spürbare Zugkraftunterbrechungen. Die Rundumsicht ist prima, auch weil die Rückspiegel etwas zurückversetzt sind und mehr Sicht zwischen A-Säule und Gehäuse freigeben.

Assistenzsysteme

Die MAN Abbiegehilfe schlägt bei gesetztem Blinker zuverlässig Alarm, sobald sich jemand der rechten Flanke nähert. Zunächst leuchten orange LED-Lampen in der A-Säule auf, bevor ein Alarmton eindringlich zum Stoppen auffordert. Das muss der Pilot am Steuer noch selbst übernehmen.

Außerdem unterstützen ihn im Kurzholzzug ein Spurrückführungsassistent, ein Abstandstempomat mit Stopp-and-Go-Funktion, ein Aufmerksamkeitsassistent sowie der verbesserte GPS-Tempomat Efficient-Cruise. Der kennt den Streckenverlauf mit Kreisverkehren, Einmündungen und Ortschaften bis zu drei Kilometer im Voraus und passt die Fahrweise automatisch an. Zusammen mit der Feinarbeit an der Aerodynamik und im Antriebsstrang soll der TGX bis zu 8 % sparsamer als sein Vorgänger laufen.

Antriebsseitig kann sich der Fahrer auf bewährte MAN-Technik verlassen. Unter der Kabine werkelt im Testwagen der bekannte D38-Motor in seiner stärksten Ausführung und lässt Fahrerherzen höherschlagen. Auf der Testfahrt geht der 15,2 l große Sechszylinder mit 470 kW kraftvoll mit kernigem Sound an die Arbeit und segelt bei 85 km/h entspannt mit 1 200 U/min über die Autobahn.

Stichwort Segeln: Auf flacher Strecke beschleunigt „Dynamic Sailing“ den MAN im Hintergrund gemächlich auf 3 km/h über die gesetzte Tempomat-Geschwindigkeit, um dann in Efficient-Roll bis auf 3 km/h unterhalb des befohlenen Tempos zu segeln. Vier Voreinstellungen mit festen Über- und Unterschwingern (± 9 km/h) sind einstellbar. Bei kaum Verkehr spart das Sprit und irritiert nachfolgende Lkw-Kollegen nur, wenn sie zu dicht auffahren.

Alles in allem stecken im neuen MAN TGX viele gute und teils einzigartige Ideen. So braucht das beste Stück den Wettbewerb nicht zu scheuen und findet sicher viele Käufer – sofern der Preis stimmt.

Frank Hausmann