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Der Fahrradförster aus dem Hardtwald

Martin Kurz ist seit 1989 Revierleiter im Hardtwald des Forstamts der Stadt Karlsruhe, Revier Wildpark (ForstBW). Zu seinen Tätigkeiten im Ballungsraum der badischen Metropole zählen alle klassischen Arbeitsfelder eines Försters. Zudem ist die Waldpädagogik seine besondere Aufgabe. Auf Revierfahrt begibt er sich zumeist mit seinem Fahrrad.

Stadt und Wald – in jedem Fall eine starke Beziehung, was im besonderen Maße für Karlsruhe gilt. Denn: Die Stadt wurde Anfang des 18. Jahrhunderts als fächerförmige Planstadt vom damaligen Markgrafen in sein Jagdrevier mitten in den Wald, dem Hardtwald, gegründet. Und genau hier, im Hardtwald bei Karlsruhe, ist Martin Kurz seit 1989 Revierleiter. Von höfischer Jagd ist hier allerdings nicht mehr viel zu spüren. Der Hardtwald ist heute Erholungswald, Wassergewinnungsgebiet und eine wichtige Frischluftschneise für die Stadt. Zudem ist er zusätzlich als FFH-Gebiet, Vogelschutzgebiet und als Immissionsschutzwald ausgewiesen. „Im Durchschnitt haben wir hier fünf Waldfunktionen je ha, daran erkennt man schon die Bedeutung des Hardtwaldes für die Natur, die Region und für die Stadt“, erklärt Kurz.

Obendrein wird hier auch nachhaltig gewirtschaftet. 3.500 Fm Holz erntet Kurz jährlich im Hardtwald, v. a. Kiefer, aber auch Buche, Eiche und Roteiche. „Es sind überwiegend magere Standorte hier, meist Sandböden.“ Das schränkt die Baumartenwahl ein, bringt auch nicht die besten Bonitäten, ist aber auch der Grund, dass es hier kaum Probleme hinsichtlich der Bodenverdichtung gibt. Dennoch ist ein schonender Maschineneinsatz selbstverständlich. Die Karlsruher begegnen dem nachhaltigen Holzeinschlag neutral bis verständnisvoll. Kurz: „Wichtiger ist es, die Wege schnellstmöglich wieder in einen guten Zustand zu bringen.“ Der Wald wird nun mal sehr intensiv von der Bevölkerung genutzt.

Kommunikation ist wichtig

„Eine Besucherzählung ergab mal 50.000 Menschen pro Tag“, informiert der Förster. „Hier müssen alle kommunizieren, die Forstamtsleitung, der Förster und die Forstwirte.“ Kurz gibt ein Beispiel: „Bei der Holzernte stellen wir Posten bei den Absperrungen ab, weil laufend Radfahrer, Spaziergänger, Jogger oder Reiter vorbeikommen; wir beschreiben die Maßnahme, wir warnen vor der Gefahr, wir klären auf.“ Sonst kann es sein, dass ein Waldbesucher die Absperrung missachtet und plötzlich mitten im Holzeinschlag auftaucht. Trotzdem werden natürlich vor solchen Maßnahmen alle Register der Öffentlichkeitsarbeit gezogen: „Zeitungsartikel, öffentliche Bekanntmachungen, das läuft natürlich alles vorher“, betont Kurz. Hilfreich ist auch die „Baustellenkommunikation“ von Forst-BW. Man nimmt Kurz ab, dass er wirklich den Kontakt mit den Mitmenschen sucht und führt. Er ist ein ruhiger, sympatischer und beinahe väterlicher Förster. Er nimmt die Anliegen der Bevölkerung auf und vor allem auch ernst. Dass der Vater zweier erwachsener Kinder wenig Konflikte austragen muss, liegt vielleicht daran, dass er mit allen Waldinteressierten in einem guten Verhältnis steht. „Ich finde das auch wichtig, der Wald gehört immerhin uns allen.“ Allerdings muss er auch auf die Sicherheit der Waldbesucher achten. Die Verkehrssicherung nimmt einen beträchtlichen Umfang seiner Arbeit ein. „Wir haben hier über 85 km Wege, 9 km Straßen und 3 km Wege entlang der Bebauung, da fällt einiges an Schnittmaßnahmen an, vor allem Trockenäste, die über den Wegen hängen; nicht selten ist dieses Totholz auch ein Hotspot für bestimmte Tierarten.“ Darauf weist der Förster hin, der meistens auf dem Fahrrad im Revier unterwegs ist.

Klimastabiler Wald

Der Waldbau geht natürlich auch im Hardtwald in Richtung eines klimastabilen und zukunftsfähigen Waldes, mit dem man trotzdem auch wirtschaften kann. Kurz: „Traubeneiche, Esskastanie, Baumhasel und auch die Robinie, da geht die Reise hin auf diesen trocken-warmen und mageren Standorten.“ Maßnahmen gegen invasive Neophyten wie spätblühende Traubenkirsche, Götterbaum und Kermesbeere gehören zum Alltag; natürlich ist auch auf historisch bedeutsame Orte und Kleindenkmäler im Wald Rücksicht zu nehmen. Kurz, der außerdem der FSC-Beauftragte im Forstamt ist, legt Wert auf die Feststellung, das auch in Stadtnähe Waldbewirtschaftung möglich ist, aber „man muss seine Arbeit erklären und daür einstehen“.

Naturschutz im Hardtwald

Es finden sich sehr viele Alteichen im Revier. Diese und weitere Habitatbäume erfordern einen Schwerpunkt im Artenschutz. „Die Leitarten sind der Eichen-Heldbock, Fledermäuse, Ziegenmelker und Heidelerche“, weiß der Förster. Die Umsetzung des Alt- und Totholzkonzeptes, baumerhaltende Maßnahmen mit Kronenrückschnitten bis hin zu Abstützmaßnahmen sind zentrale Aufgaben von Kurz. Und auch hier geht nichts ohne Kommunkation: „Alle Maßnahmen führen wir in enger Abstimmung mit dem Waldnaturschutz, der Naturschutzverwaltung, den Naturschutzverbänden und anderen Akteuren durch.“ Dazu zählen auch Ausgleichsmaßnahmen für Eingriffe im urbanen Raum, z. B. der Bau und die Gestaltung von Eidechsenhabitaten.

Waldpädagogik

Die Umweltbildung im Wald liegt Förster Kurz besonders am Herzen, er leitet die Waldpädagogik Karlsruhe: „Ob spielerisches Entdecken des Waldes bei Vorschulkindern, handlungsorientierte Naturerfahrungen bei Grundschülern oder praxisnahe Versuche im Wald bei weiterführenden Schulen, wir bieten für jede Altersgruppe speziell zugeschnittene Veranstaltungen rund um den Wald an.“ 800 Veranstaltungen wurden hier 2018 mit insgesamt 25.000 Teilnehmern durchgeführt. „Wir orientieren uns stark an den Grundsätzen der Bildung für nachhaltige Entwicklung“, informiert Kurz. Die Einrichtung war sogar das UN-Dekade-Projekt „Bildung für Nachhaltige Entwicklung“. Hinzu kommen vier Großveranstaltungen pro Jahr mit je 1.500 Besuchern. Die Waldpädagogik Karlsruhe ist ein Gemeinschaftsprojekt, das von Kurz immer wieder wichtige Impulse erhält. Er hat die kreativen Ideen im Außenbereich von Waldzentrum und Waldklassenzimmer; er baut auch selbst, schweißt und zimmert, z. B. Modellbiotope oder den Rätselwald. Vor allem aber organisiert er, so wie sein jüngstes Projekt „Schule macht Wald“. „Hiermit wollen wir Schülern ab der 9. Klasse Gymnasium vorausschauendes Denken, eigenständiges Handeln und die Reflexion des eigenen Handelns in Bezug auf unsere Umwelt vermitteln“, so Kurz. Und auch das wird dem findigen, kreativen und sympatischen Förster gelingen.

Wer will, dass Martin Kurz Förster des Jahres wird, kann online abstimmen.

Martin Steinfath

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